VOLKACH/WIEN

Die Bilderzauberin: Großer Preis für Lisbeth Zwerger

Lisbeth Zwerger: Die Wiener Buchkünstlerin hat sich der Illustration von Märchen verschrieben. Am Freitag erhält sie den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach – ein Gespräch.
Artikel drucken Artikel einbetten
Märchen-Kunst: Illustratorin Lisbeth Zwerger bei der Arbeit. Foto: Foto: Verlag
+4 Bilder

Unter den zeitgenössischen Buchillustratoren ist Lisbeth Zwerger längst eine der ganz großen: Das Internet-Lexikon Wikipedia führt für die in Wien lebende Künstlerin 41 Buchtitel auf – fast ausschließlich Märchen.

Und so war es beinahe folgerichtig, dass auch die in Volkach ansässige Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur irgendwann auf die jetzt 58-jährige Zwerger aufmerksam werden würde.

In diesem Jahr erhält die Künstlerin den mit 3000 Euro dotierten Großen Preis der Akademie, der am heutigen Freitag im Volkacher Schelfenhaus verliehen wird (siehe Info-Box). Wir sprachen aus diesem Anlass mit Lisbeth Zwerger.

Frage: Die Liste der von Ihnen illustrierten Bücher ist lang, viele populäre Märchen finden sich darunter. Wie lassen sich die bekannten Motive immer wieder in neue Bilder fassen?

Lisbeth Zwerger: Das ist in der Tat jedes Mal eine neue Herausforderung, zumal viele Szenen schon -zigmal illustriert worden sind. Man muss sich eben bemühen, den Text ganz genau zu lesen, das ist zumindest meine Erfahrung.

Was fasziniert Sie an der Welt der Märchen?

Zwerger: Ich beschäftige mich ja im Prinzip ausschließlich mit Märchen-Illustrationen. Die Märchen ermöglichen einem, sich der Fantasie hinzugeben. Und sie haben noch einen weiteren Vorteil: Ich habe es als Illustratorin mit Autoren zu tun, die bereits verstorben sind. Da hat man nicht dass Problem, dass man mit den Autoren aneinandergerät, weil sie sich vielleicht missverstanden fühlen.

Muss man als Märchenbuch-Illustratorin im Blick behalten, dass man in der Hauptsache für Kinder arbeitet, oder ist ein Stoff für Sie am Ende eben doch nur ein Stoff?

Zwerger: Im Grunde ist es wirklich so, dass ich bei der Arbeit kaum an die Kinder denke. Ich sehe ein Bilderbuch als Angebot: Wer es will, der soll es haben. Worauf ich allerdings achte: Ich will mit meinen Bildern niemanden erschrecken, was bei manchen Märchen leicht möglich wäre. Aus meiner Kindheit kann ich mich noch an solche Illustrationen erinnern – die würde ich meinen Lesern nicht zumuten.

Der Stil von Kinderbuch-Illustrationen hat sich stets gewandelt. Ihren Bildern scheint man eine Sympathie fürs frühe 20. Jahrhundert anzumerken, mit Farbigkeit und Magie.

Zwerger: Da liegen Sie richtig. Ich bin vielleicht ein bisschen konservativ. Mit Abstraktion konnte ich – was meine Arbeit betrifft – nie wahnsinnig viel anfangen. Allerdings finde ich, dass auch im Kinderbuch alle Stile ihre Berechtigung haben.

Die Wiener Kinderbuchillustration hat eine lange Tradition. Haben Sie Vorbilder?

Zwerger: In Wien nicht so sehr. Ich schätze besonders den tschechischen Illustrator und Puppentrickfilm-Autor Jiøi Trnka und den britischen Künstler Arthur Rackham.

Seit etwa 15 Jahren scheinen die Verlage wieder mehr Lust aufs opulent gestaltete, gediegene Bilderbuch zu verspüren. Werden solche Bücher manchmal eher für Erwachsene als für Kinder gemacht?

Zwerger: Eigentlich nicht, obwohl es natürlich meist die Erwachsenen sind, die die Bücher kaufen. Das Angebot sollte ruhig vielfältig sein – und warum sollen Kinder nicht lernen, wertvolle Bücher zu schätzen?

Was ist aus Ihrer Sicht ein gelungenes Bilderbuch?

Zwerger: Das kann man so einfach nicht sagen. Aber eines ist mir wichtig: Ein Bilderbuch sollte unterhaltsam sein. Und auf den Inhalt kommt es natürlich an, deshalb mag ich besonders die Märchen der Romantiker, ob Clemens Brentano oder Wilhelm Hauff.

Zurzeit ist viel vom E-Book die Rede – eine Gefahr fürs Bilderbuch?

Zwerger: Eine Gefahr ist das E-Book zunächst wohl für die Drucker. Mit kommt dieses Medium etwas kalt vor, es ist auch zum Vorlesen nicht sehr geeignet. Und für das sinnliche Erleben eines Buches bedeutet das E-Book zweifellos einen Verlust. Von meinen Büchern existiert jedenfalls noch keine E-Book-Version. Allerdings: eine App, die gibt wohl inzwischen.

Welches Märchen müssen Sie unbedingt noch illustrieren?

Zwerger: Da kann ich Ihnen auf Anhieb gar keines nennen. Meist bekomme ich für meine Arbeit Anregungen von außerhalb, oft auch Vorschläge, an die ich selbst gar nicht gedacht hätte.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung in Volkach? Immerhin haben Sie ja schon einige renommierte Preise bekommen, darunter den Hans-Christian-Andersen-Preis und den Rattenfänger-Literaturpreis.

Zwerger: Der Große Preis der Akademie war für mich eine riesengroße Überraschung. Schließlich arbeite ich viel allein, bekomme selten Rückmeldungen. Da tut eine solche Anerkennung wirklich gut, ich freue mich drauf.

Das heißt, Sie haben wenig Kontakt zu Ihren Lesern?

Zwerger: So ist es – komischerweise. Allerdings passieren dann Dinge wie neulich auf der Frankfurter Buchmesse. Da kommen plötzlich junge Frauen auf mich zu und erzählen mir, dass sie mit meinen Büchern aufgewachsen sind. Das freut einen dann natürlich.

 

Die Preise der Volkacher Akademie:

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach verleiht jährlich den mit 3000 Euro dotierten Großen Preis für ein literarisches oder grafisches Gesamtwerk im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Ihn erhält in diesem Jahr die Illustratorin Lisbeth Zwerger.

Die Künstlerin studierte 1971 bis 1974 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Seit dem Erscheinen des ersten von ihr illustrierten Buches 1977 ist sie freiberuflich als Bilderbuchillustratorin in Wien tätig, wobei ihre besondere Neigung dem Märchen gilt.

Weiterhin zeichnet die Akademie seit 1982 zusammen mit der Stadt Volkach Persönlichkeiten für die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur mit dem Volkacher Taler aus. Die Taler gehen heuer an Prof. Dr. Karin Richter (Erfurt) und an Dr. Tilman Spreckelsen (Frankfurt am Main). Karin Richter hat sich um die Erforschung gegenwärtiger Lesekompetenz bei Kindern bemüht und erfolgreiche Konsequenzen für die Leseförderung daraus gezogen.

Tilman Spreckelsen zählt zu den wenigen einflussreichen Journalisten, die sich in weiten Teilen ihres Wirkens der Kinder- und Jugendliteratur widmen. Spreckelsen ist Wissenschafts- und Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und betätigt sich auch als Buchautor, als Bearbeiter älterer Literatur sowie als Herausgeber von Anthologien und einer Jugendbuchreihe, so die Begründung der Akademie.

Zudem vergibt die Akademie seit 2009 einen Nachwuchspreis für deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchautoren und -illustratoren. Ihn erhalten Anja Stürzer (Text) und Julia Dürr (Illustration) für ihr Buch „Somniavero. Ein Zukunftsroman“.

Den seit 2011 existierenden und gemeinsam mit der Märchen-Stiftung Walter Kahn vergebenen Sonderpreis Märchenbilderbuch für den Illustratoren-Nachwuchs erhält in diesem Jahr der Kasseler Illustrator Markus Lefrançois.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.