MARKTBREIT

Besuch in Marktbreit: Der von Ameisen spricht

Der international bekannte Biologe Bert Hölldobler ist in seinem alten Gymnasium in Marktbreit zu Besuch.
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Bert Hölldobler (Mitte) war zu Besuch in seiner alten Schule, dem Gymnasium in Marktbreit. Dabei konnte er einen Blick auf die Arbeit der Forscherklasse werfen und beim Wahlkurs Robotik vorbeischauen. Foto: Foto: Rüdiger Horn
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Bert Hölldobler ist Verhaltensforscher, Soziobiologe und Evolutionsökologe. Er beschäftigt sich zeitlebens mit Insekten, insbesondere Ameisen. Er hat den Pulitzer-Preis bekommen und das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Mit nun 80 Jahren blickt er auf ein langes, sehr erfolgreiches Forscherleben zurück. Sogar eine Ameisenart wurde nach ihm benannt.

Bei einer Podiumsdiskussion am Mittwoch an seiner alten Schule wurde dem „erfolgreichsten Absolventen des Marktbreiter Gymnasiums“, wie es Schulleiter Friedhelm Klöhr ausdrückte, von einem Schüler aber zunächst eine andere Frage gestellt. „Was uns alle brennend interessiert: Was tun Sie, dass Sie mit 80 Jahren noch so erstaunlich fit und agil sind?“

Leidenschaftlicher Turner

Tatsächlich sieht man dem emeritierten Professor sein Alter nicht an. Er lächelt: „Ich habe mein ganzes Leben gerne geturnt, auch wenn ich nie besonders begabt war.“ Seine Leidenschaft fürs Turnen hat Hölldobler wie vieles andere aus seiner Zeit in Ochsenfurt und am Marktbreiter Gymnasium mitgenommen.

In Oberbayern geboren und in Weimar aufgewachsen, war Hölldobler erst 1947 nach Unterfranken gekommen. Und wäre fast an der Aufnahmeprüfung des Gymnasiums gescheitert: „Ich war damals gut im Stehlen von Kohlebriketts“, erzählt der Professor. „Sonst konnte ich aber noch nicht viel.“ In den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der ersten Nachkriegsjahre war die Bildung erst einmal auf der Strecke geblieben.

Das sollte sich ändern. Nach seinem Abitur 1956 studierte und promovierte Hölldobler in Würzburg, habilitierte in Frankfurt. 1973 zog es ihn an die Universität Harvard bei Boston, wo er 27 Jahre blieb. Noch heute schwärmt er von der Kultur der Stadt und dem intellektuellen Klima der Universität. Danach zog es ihn zurück nach Würzburg. Dort übernahm er den Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie und Soziobiologie am Theodor-Boveri-Institut. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2004 ist Hölldobler Forschungsprofessor in Arizona.

Ein beeindruckender Weg. Dass es so kam, dafür dankt Bert Hölldobler besonders seinen Lehrern in Marktbreit. „Die waren richtig engagiert“, erzählt er. Vor allem seinem Deutschlehrer verdanke er viel. „Er hat uns zu politischen Menschen erzogen. Bis zu seinem Tod hat er uns jedes Jahr zu Weihnachten einen Stapel Bücher geschickt – damit wir nicht vergessen, zu lesen“, sagt der Professor und lacht.

Dieses Engagement, diese intensive Beschäftigung mit den Menschen und dem Stoff, vermisse er heute etwas – besonders an den deutschen Hochschulen. „Wir stopfen nur Wissen in die Köpfe – die Auseinandersetzung mit dem Stoff bleibt oft auf der Strecke.“ In den amerikanischen Universitäten sei das besser, dort werde die humboldtsche Idee der Einheit von Forschung und Lehre noch gelebt. Umso gespannter war Bert Hölldobler darauf, einen Rundgang durch seine alte Schule zu machen – auch wenn die mittlerweile an den Ortsrand Richtung Obernbreit gezogen ist. Vor dem Podiumsgespräch mit interessierten Lehrern und Schülern wurde der Biologe durch die Schule geführt, konnte einen Blick auf die Arbeit der Forscherklasse werfen und beim Wahlkurs Robotik vorbeischauen – und war angetan.

Schulleiter Friedhelm Klöhr hofft nun, dass Bert Hölldobler ein Vorbild für seine Schüler wird: Nicht wegen seiner vielen Auszeichnungen, sondern weil er sich sein Leben lang einem Thema widmete, dass ihn wirklich interessierte.

Die Ameise als Forschungsprojekt

Dieses Forschungsinteresse drehte sich stets um Insekten. Die Komplexität von Ameisen- und Bienenvölker haben ihn schon immer fasziniert. In einem gewissen Sinne seien Ameisengesellschaften sogar komplexer als frühe menschliche Gesellschaften, die nur auf Verwandtschaftsbeziehungen beruht hätten. Die Frage, wie sich solch komplexe Sozialbeziehungen evolutionär herausbilden konnten, habe schon Charles Darwin vor enorme Probleme gestellt – und sei schon allein deswegen ein lohnendes Forschungsfeld.

Und was kann der Mensch von den Insekten lernen? „Bei Ameisen kann man die Effizienz von erfolgreicher Arbeitsteilung beobachten“, erklärt Hölldobler im Gespräch mit unserer Zeitung. Gerade im Hinblick auf die momentane politische Situation in Deutschland sei es aber auch interessant, dass Ameisen, wie viele andere Tiere, Xenophobie kennen. Dass Fremdenfeindlichkeit insofern „natürlich“ ist, ist für Hölldobler keine Rechtfertigung für fremdenfeindliches Verhalten. Vielmehr sei es ein Zeichen dafür, dass der Mensch als vernünftiges Kulturwesen schon früh gegen diese irrationalen Tendenzen angehen sollte.

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