Kitzingen

Der nackte Schrei nach Hilfe

Einen kuriosen Fall von sexuellem Missbrauch von Kindern musste Richter Hülle behandeln. Das Besondere: Der Exhibitionist wollte zwar auf dem Schulhof gesehen werden, aber nicht von den zwei 13-Jährigen, die ihn entdeckten.
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Kitzingen — Es war zu viel für ihn. Eheprobleme, Geldsorgen und dann kam an dem Tag auch noch ein Brief von der Anwältin seiner Frau. "Ich fühlte mich wie ausgezogen, wie ein Neugeborenes, das ausgenommen wird", schilderte der 49-jährige Angeklagte vor Gericht seine damalige Gefühlslage. Eine Gefühlslage, mit der er auf eine äußerst ungewöhnliche Art und Weise umging: Er zog sich tatsächlich aus - und das in der Öffentlichkeit. Genauer: Auf einem benachbarten, verlassenen Grundstück.
Da blieb er allerdings nicht, sondern lieft nackt weiter - auf den Pausenhof einer Schule. Dabei wurde er von zwei 13-Jährigen erwischt. Der gelernte Maler und Lackierer ging wieder nach Hause, wo ihn schon Besuch erwartete. Die Polizei stand vor der Tür. Spätestens da ging dem Angeklagten ein Licht auf. "Mir wurde erst wieder klar, was passiert ist, als die Handschellen klickten."
Genau erinnern konnte sich der Angeklagte allerdings nicht an den Moment. Womöglich wollte er das auch nicht, denn zunächst verweigerte er die Aussage. Der Verteidiger musste seinen Mandaten erst zu einer Aussage überreden. Mit lautem Stöhnen gab er nach und erzählte, was passiert war. Doch statt von der Tat zu berichten, schildert der 49-Jährige nun seine Familienprobleme: Er lebt seit vier Jahren von seiner Frau getrennt. Die versuche ihm das Leben schwer zu machen fordere und immer wieder Geld über ihre Anwältin. Schulden habe er auch.
"Aber wo ist denn da die Verbindung?", fragte Richter Wolfgang Hülle. Das wisse er auch nicht so genau, antwortete der dreifache Familienvater und schwieg. "Sie wissen schon, dass, wenn Sie nicht weiter erzählen, die zwei Jungen vernommen werden müssen", versuchte der Richter den Angeklagten zu einer ausführlicheren Aussage zu bewegen. "Und das will wirklich niemand hier im Gerichtssaal. Also: Wieso steht man nackt auf dem Schulhof?"

Flucht aus der Enge

Nun redet der Angeklagte doch und erklärt, was unerklärlich ist: "Ich musste aus der Enge heraus", sagt er. Die Schule sei nur 50 Meter von seinem Haus entfernt, dort sei er aber nicht hingegangen, um von Kindern gesehen zu werden oder Kinder zu beobachten. Eigentlich könne er sich nicht entsinnen, ob da Kinder waren, er habe nichts registriert. "Ich bestreite nicht, dass Kinder da waren, ich kann mich nur nicht erinnern."
Es sei doch wohl nicht allzu unwahrscheinlich, dass Kinder auch nach der Schule noch auf dem Pausenhof seien, wendet der Staatsanwalt ein, besonders wenn man bedenkt, dass neben dem Pausenhof noch ein Spielplatz liegt.
Bei der Polizei hatte der Exhibitionist seine Wahl damit begründet, dass es an der Hecke des Pausenhofs keine Dornen gab. Außerdem würde ihn so niemand von der Straße sehen.
Aber warum habe er sich denn überhaupt in der Öffentlichkeit ausgezogen, wenn er nicht gesehen werden wollte, wollte der Staatsanwalt wissen. Oder wollte der Angeklagte vielleicht doch gesehen werden? "Ja", gesteht der Angeklagte schließlich. "Von den Kindern wollte ich aber nicht gesehen werden." "Von wem denn dann?", fragte der Staatsanwalt. "Von den Putzfrauen oder dem Hausmeister in der Schule", lautete die überraschende Antwort. "Und warum?" "Weil ich Hilfe brauchte."
Der Angeklagte braucht psychologische Betreuung. Das wird spätestens in diesem Moment allen bewusst. Er brauche den Druck von Seiten der Behörden, meint er. "Bei uns in der Familie gab es solche Probleme nicht."

Nicht bloß Exhibitionismus

Druck von Behörden hat er nun. Allerdings größer und anders als er sich erhofft haben dürfte, denn jetzt er sitzt er nicht nur wegen exhibitionistischen Handlungen auf der Anklagebank, sondern auch wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Schließlich haben ihn zwei Schüler gesehen.
Die Aussagen der 13-Jährigen bei der Polizei machen die ganze Misere für den Angeklagten auch nicht besser. "Ich habe gesehen, wie sich der Mann einen runtergeholt hat", schilderte einer der beiden Jungs der Polizei."Haben Sie also in Anwesenheit der Kinder onaniert?", fragt Richter Hülle noch einmal ganz deutlich nach. "Das kann möglich sein", räumt der Angeklagte ein, "Auch daran kann ich mich nicht erinnern."

Urteil: Hohe Geldstrafe

"Es ging nicht um sexuellen Missbrauch", meint der Verteidiger und ruft noch einmal die damaligen Belastungen des Angeklagten in Erinnerung. Er schlägt die Einstellung des Verfahrens vor. Dem können sich weder Staatsanwalt noch Richter anschließen. Dass es dem Angeklagten auch um die sexuelle Erregung ging, davon ist der Staatsanwalt überzeugt. "Außerdem nahm er billigend in Kauf, von Kindern gesehen zu werden." Allerdings berücksichtigt auch er die psychischen Probleme des Angeklagten, der noch nicht vorbestraft ist und seit dem Vorfall zur Therapie geht. Sechs Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe sind nach Meinung des Staatsanwalts als Strafe angemessen.
Der Verteidiger selbst schlägt keine Bestrafung vor. Jedoch betont er noch einmal das Besondere an diesem Fall: "Es war eine Übersprungshandlung. Mein Mandant fühlte sich wie ausgezogen, das hat sich dann auch realisiert. Dies ist kein üblicher Fall sexuellen Missbrauchs von Kindern."
Die beiden Plädoyers lässt Richter Hülle ungewöhnlich lange auf sich wirken. Erst nach fast 15 Minuten kommt er schließlich zu einer Entscheidung. Der Verurteile ist des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig. Der Angeklagte muss 150 Tagessätze zu je 40 Euro Strafe zahlen. Strafmildernd wirken sich seine damaligen Probleme, die Therapie und sein umfassendes Geständnis aus, das es den Kindern ersparte, vor Gericht zu erscheinen und sich den Anblick des Exhibitionisten nochmals in Erinnerung rufen zu müssen.
Was aber wiederum gegen den Verurteilten gesprochen haben dürfte, war der Umstand, dass er während des ganzen Prozesses nur von seinen Problemen und Beweggründen erzählte und im Laufe der Verhandlungen gar keinen Gedanken an den Schrecken verschenkt hat, den die Kinder erlebt haben müssen.

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