KITZINGEN

Der nackte Hilferuf vor einer Grundschule

Völlig über den Kopf gewachsen sind ihm die Dinge, erzählt der Angeklagte dem Jugendrichter. Alles war zu viel: Nach der Trennung von seiner Frau begann ein Rosenkrieg, der Mann fühlte sich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Anwaltschreiben konnte er bald schon nicht mehr sehen, ohne einen unendlichen Zorn zu bekommen.
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Foto: Oechsner

Völlig über den Kopf gewachsen sind ihm die Dinge, erzählt der Angeklagte dem Jugendrichter. Alles war zu viel: Nach der Trennung von seiner Frau begann ein Rosenkrieg, der Mann fühlte sich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Anwaltschreiben konnte er bald schon nicht mehr sehen, ohne einen unendlichen Zorn zu bekommen. Das gemeinsam auf Pump gekaufte Haus stand plötzlich auf der Kippe, die finanziellen Sorgen wurden immer größer.

Mitte Oktober vergangenen Jahres entlud sich der ganze Stress auf eine äußerst seltsame Art: Der Mann verlässt das Haus, zieht sich im Nachbargrundstück splitterfasernackt aus und stellt sich am späten Nachmittag auf den Spielplatz vor einer Grundschule im Landkreis Kitzingen.

Zu diesem Zeitpunkt war zwar kein Unterricht mehr. Allerdings übte der Spielplatz auch zu dieser Uhrzeit seine eigene Anziehungskraft aus und wenig später tauchten auch zwei 13-jährige Jungs auf. Die mussten sich aus gut zehn Meter Entfernung anschauen, wie da ein Mann „sich einen runtergeholt hat“, so die doch recht anschauliche Beschreibung bei ihrer polizeilichen Vernehmung.

Eben weil die Kinder auftauchten, landete der Fall nun vor Kitzingens Jugendrichter Wolfgang Hülle als „sexueller Missbrauch von Kindern“. Während der Vertreter der Staatsanwaltschaft die sexuelle Erregung des Mannes auf dem Spielplatz in den Mittelpunkt stellt und eine sechsmonatige Haftstrafe auf Bewährung fordert, argumentiert der Verteidiger anders herum: Es sei seinem Mandanten im Grunde gar nicht um Befriedigung und darum gegangen, vor Kindern in Erscheinung zu treten. Vielmehr habe es sich bei dem seltsamen Auftritt um einen „psychischen Hilfeschrei“ gehandelt. Man müsse von einem „massiven psychischen Problem“ ausgehen.

Was auch der bisher nicht vorbestrafte 49-Jährige bestätigt: Er sei so erzogen worden, dass über gewisse Probleme einfach nicht geredet wird. Als er dann gemerkt habe, wie sehr ihm die Scheidung zusetzte und wie heftig er letztlich am Rad drehte, habe er nie und nimmer aus eigener Kraft seine Schlüsse daraus ziehen und beispielsweise einen Arzt aufsuchen können.

Warum sein nackter Hilferuf ausgerechnet vor einer Schule stattfinden musste? So genau weiß das der Angeklagte, der dreifacher Vater ist und ein Enkelkind hat, scheinbar auch nicht. Er habe gehofft, vom Hausmeister oder der Putzfrau entdeckt zu werden. Richtig zu sich gekommen sei er erst wieder, als die Handschellen klickten.

Weil die Sache „kein typischer Fall“ des sexuellen Missbrauchs gewesen sei, entscheidet sich das Gericht letztlich gegen eine Bewährungsstrafe, dafür muss der 49-Jährige jetzt finanziell bluten: Der nackte Wahnsinn kommt ihm mit 6000 Euro (150 Tagessätze zu je 40 Euro) teuer zu stehen.

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