RÜDENHAUSEN

Der gruselige Geist des Weins

Die Seitenränder sind blau. Blau wie reife Domina-Trauben. Oder blau wie sturzbetrunkene Weinfestbesucher? Das Cover von Tessa Korbers krimineller Anthologie „Bocksbeutelmorde“ deutet auf süffig-süffisante Geschehnisse hin.
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Sie lassen zusammen mit anderen Autoren rund um den Frankenwein morden: Christian Klier und Dr. Tessy Klier alias Tessa Kober, die als Herausgeberin der „Bocksbeutelmorde“ fungiert. Foto: Foto: Diana Fuchs

Die Seitenränder sind blau. Blau wie reife Domina-Trauben. Oder blau wie sturzbetrunkene Weinfestbesucher? Das Cover von Tessa Korbers krimineller Anthologie „Bocksbeutelmorde“ deutet auf süffig-süffisante Geschehnisse hin. Vor einem uralten Rebstock prangt ein stilisierter Bocksbeutel in unschuldigstem Weiß. Aber wahrscheinlich ist das nur Tarnung. Denn der Untertitel „zwölf Kurzkrimis aus Weinfranken“ spricht Bände.

Herausgeberin ist Tessa Korber, die eigentlich Tessy heißt und seit ihrer Hochzeit mit Christian Klier auch dessen Nachnamen trägt. Im Jahr 2014 sind die in Rheinland-Pfalz geborene Literaturwissenschaftlerin und der Lehrer, der am Scheinfelder Gymnasium unterrichtet, nach Rüdenhausen im Kreis Kitzingen gezogen – hier hat Christian Klier während seiner Kindheit gewohnt. Mittlerweile hat der Pädagoge sich auch als fränkischer Autor („Kommissar Klotz“) etabliert. Seine Frau hat schon seit vielen Jahren als Schriftstellerin Erfolg. Unter ihrem früheren Namen – aus „Tessy“ hat der Verlag „Tessa“ gemacht, weil das angeblich besser klingt – sowie unter den Pseudonymen Charlotte Winter, Sophia Palmer, Franka Villette oder Serena Davis hat sie über drei Dutzend Bücher veröffentlicht, vom historischen Roman bis hin zum Thriller. Nun haben es ihr die bauchige fränkische Weinflasche und das Klientel drumherum angetan.

Wie kamen Sie auf die Idee mit den „Bocksbeutelmorden“?

Tessa Korber: Als ich hierher gezogen bin, fand ich es so unerwartet schön hier in Weinfranken, dass ich mir gedacht habe: Die Landschaft, die Leute, der Wein – daraus müsste man was machen. Die neue Umgebung hat mich richtig beflügelt.

Der Verlag war gleich Feuer und Flamme?

Tessa Korber (lacht): Im Prinzip ja. „Ars vivendi“ hat mir ein paar Autorenkollegen aus Franken vorgeschlagen. Die meisten habe ich aber selbst gekannt und gefragt, ob sie mitmachen wollen. Alle sind echte Franken oder richtig gute Frankenkenner. Natürlich habe ich mir auch überlegt, welche der überregional bekannten, fränkischen Weinlagen sich als Schauplätze eignen würden.

Und welche Weinlagen sind gute Tatorte?

Tessa Korber: Ich will nicht alles verraten. Aber das „Nordheimer Vögelein“ kommt ebenso vor wie der „Volkacher Kirchberg“ und das Randersackerer „Ewig Leben“.

Welche Vorgaben haben Sie den schreibenden Kollgen gemacht?

Tessa Korber: Sie mussten mir den Ort nennen, in dem ihr Krimi spielt – damit es keine Dopplungen gibt – und 15 bis 20 Seiten verfassen. Abgabeschluss war im Mai 2016. Als Herausgeberin habe ich mich danach noch mit den Autoren abgesprochen und einzelne Passagen angepasst, ehe das Buch in Druck ging. Da jeder Autor seinen eigenen Stil hat, ist das Buch sehr abwechslungsreich geworden.

Sie und Ihr Mann haben selbst auch Beiträge geschrieben. Wie kamen Sie beide auf Ihre kriminelle Story?

Tessa Korber: Bei mir hat der Besuch mit meiner Frauengruppe auf dem Casteller Weinfest im idyllischen Schlosspark den Ausschlag gegeben. Danach sind die Ideen gesprudelt...

Christian Klier: Mir war von Anfang an klar, dass ich gern über Rödelsee schreiben möchte, weil ich an den kleinen Ort am Fuß des Schwanbergs viele schöne Kindheitserinnerungen habe. Nach dem Schwimmbadbesuch in Iphofen sind wir zum Beispiel immer in Rödelsee eingekehrt und es gab für uns Kinder Schnitzel mit Pommes. Allerdings muss ich zugeben: Ich hab' noch nie so lange an einer vergleichsweise kurzen Geschichte geschrieben. Aber vielleicht musste das so sein – wie beim Wein, der ja auch erst mit der Zeit reift...

Was macht generell den Reiz aus, einen Krimi zu schreiben, statt – zum Beispiel – einen historischen Roman?

Tessa Korber: Im Krimi geht es immer um die letzten und damit einzig interessanten Dinge im Leben: um Verlust, Trauer, Tod, Wahrheit und die Suche danach. Denn eigentlich fragen wir uns ja immer: Ist das, was geschieht, wirklich, oder steckt etwas anderes dahinter? Sehen wir die Dinge falsch? Die Ermittler gehen diesen Fragen für uns nach – vordergründig auf der Suche nach dem Täter, in Wahrheit auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Krimis sind für uns Autoren wunderbare Maschinen. Sie zwingen einen zur Handlung: ein Mord, eine Untersuchung, die Aufklärung. Das Uhrwerk des Geschehens wird in Gang gesetzt. Aber was diese Maschine produziert, ist meine Sache und gar nicht festgelegt. Komödie oder Nachdenken über die Sterblichkeit – oder beides. Politisches Statement oder Slapstick, Gesellschaftsanalyse oder Familienroman. Was immer man will, der Krimi trägt es.

Die Schauplätze beziehungsweise Tatorte der „Bocksbeutelmorde“ gibt es alle wirklich. Das ist ja auch das ganz Besondere an diesen Kurzkrimis. Wie haben Sie recherchiert?

Christian Klier: Ganz einfach: Vor Ort. Man macht Ortsbegehungen, fotografiert dabei die Szenerie – und zuhause schreibt man die Story drum herum. Ein bisschen komisch ist es, wenn man im Sommer über den Winter schreibt oder bei „Kling-Glöckchen-klingelingeling“ in Kirchweih-Laune kommen soll... Aber das geht alles.

Ohne die Spannung klauen zu wollen: In Ihrem Kurzkrimi geht es explosiv zu. Wie sind Sie auf die Idee mit der alten Weltkriegs-Granate im See gekommen?

Christian Klier: Die kam mir durch eine Randnotiz in der Zeitung. Da hieß es, einem Mann aus Bayern sei der Hausschlüssel in einen Bergsee gefallen und beim Suchen habe man explosive Altlasten aus dem Krieg gefunden.

Tessa Kober: Daraus hat er dann eine eigenwillige Story gemacht. Überhaupt sind Christians Ideen nie 08-15...

Christian Klier: (grinst) Hallo!? Wer hat schon Lust, etwas Langweiliges oder Klischeehaftes zu schreiben...? Wir Franken doch nicht!

Die Autoren, ihr Werk und drei Lesungen

Bocksbeutelmorde: Die Kurzkrimis aus Franken sind im Verlag „ars vivendi“ erschienen und spielen in Würzburg, Randersacker, Sommerhausen, Iphofen, Castell, Rödelsee, Sommerach, Untereisenheim, Zeil am Main, Nordheim und Dettelbach. Die Autoren sind Thomas Kastura, Anja Mäderer, Killen McNeill, Ursula Schmid-Spreer, Friederike Schmöe, Blanka Stipetic, Johannes Wilkes, Theobald Fuchs, Kerstin Ackermann, Christian Klier und Tessa Korber.

Tessa Korber: Während Dr. Tessy Klier alias Tessa Korber bei den „Bocksbeutelmorden“ als Herausgeberin fungiert, ist die Trägerin des Forchheimer Kulturpreises auch als freie Autorin aktiv. Ihr Krimi „Die Katzen von Montmartre“ und der Thriller „Operation JFK“ – dieses Buch ist in Zusammenarbeit mit ihrem Mann unter dem Pseudonym Riley & Brandt entstanden und der Nachfolger von „Jack“ – sind soeben neu erschienen. Aktuell schreibt die Rüdenhäuserin an einem Krimi, der im Altersheim spielt.

Lesungen: Tessa Korber und Christian Klier lesen am Sonntag, 20. November, ab 18 Uhr im Weinkeller am Schloss, Rüdenhausen, aus den „Bocksbeutelmorden“ vor (Reservierung: Schlossstraße 10, 97355 Rüdenhausen, Tel. 09383/7044, karl@castell-ruedenhausen.de ). Am Sonntag, 18. Februar 2017, sind sie im Hotelgasthof Rose in Volkach bei einer Weinverkostung zu Gast (Oberer Markt 7, 97332 Volkach, Tel. 09381/ 8400). Und am Sonntag, 12. März 2017, findet um 16 Uhr eine Lesung in der Weißen Mühle in Estenfeld statt.

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