KITZINGEN

Der chaotische Baumeister

Der weiche Boden gibt unter jedem Schritt nach. Ein Bach fließt glucksend in Bögen und Schleifen vorbei, umspült vermooste Steine, totes Holz. An vielen Ästen sieht man Biber-Bissspuren. Die Frühlingssonne bricht sich tausendfach im gekräuselten Wasser. Es riecht modrig. „Man fühlt sich fast wie in Kanada“, sagt Dieter Lang von der Unteren Naturschutzbehörde. Naja, bis auf den Stacheldrahtzaun im Hintergrund, der den Bimbach von den ehemaligen Harvey Barracks trennt.
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Der Biber ist ein alter Bekannter und doch wird er eher selten gesehen. Foto: Foto: Ursula Lux
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Wenige hundert Meter bachaufwärts ist die Verwechslungsgefahr ebenso wie der Zaun verschwunden. Der Bimbach fließt im gemauerten Bett schnurgerade an noch brach liegenden Äckern vorbei. Typische deutsche Kulturlandschaft eben.

Dass sich die Landschaft auf so wenigen Metern so radikal ändern kann, hat zwei Gründe: Erstens wurde das Stück Bimbach als Ausgleichsfläche für die Nordtangente renaturiert. Das Erdreich wurde tonnenweise abgetragen, die begrenzenden Steine entfernt. Zweitens haben sich hier Biber breit gemacht – die vielleicht größten natürlichen Baumeister überhaupt. Kaum ein Tier gestaltet seine Umwelt so radikal um. Bis auf den Mensch natürlich.

Damit macht sich der Biber nicht nur Freunde. Ernteschäden, Bissschäden an Obst- und Ziergehölzen einerseits, steigender Grundwasserspiegel andererseits – Biber und Bauern sind nicht unbedingt ein Traumpaar. Das weiß auch Lang, der sich mit den Bedürfnissen beider Parteien auseinandersetzt – sozusagen als Vermittler.

„Wir können den Biber nicht machen lassen, was er will“, sagt Lang. „Sonst stünde das hier alles unter Wasser.“ Mit einer Handbewegung umfasst Lang das gesamte Ackerland zwischen Bimbach und der Straße nach Großlangheim.

An mehreren Stellen hat der Biber den Bach gestaut. Jetzt, wenn das Regenwasser vom Steigerwald abfließt und das eigentlich recht trockene Kitzinger Land durchnässt, ist das besonders gefährlich. Bis zum angrenzenden Fahrradweg reichen die feuchten Stellen. „Manchmal war auch schon der Weg überspült“, sagt Lang. An manchen Stellen sieht man tiefe Fahrspuren. Dort haben Mitarbeiter vom Bauhof mit schwerem Gerät Teile der Dämme abgetragen, um den Wasserspiegel abzusenken.

Viel Aufwand, der Biber kostet Zeit und Geld. Kaum werden umgestürzte Bäume entfernt oder Dämme abgetragen, macht sich der Biber wieder an die Arbeit. Nur ungern lässt er sich seinen Wohnraum verwüsten. „Es ist wie ein Spiel: Wer ist schneller, der Biber oder wir...“, sagt Dieter Lang, der rund einen Tag pro Woche allein für die Arbeit für und gegen die Biber veranschlagt. Doch es lohnt sich: „Wenn ich so etwas sehe, dann freu ich mich“, sagt der Naturschützer mit Blick auf die idyllische Auenlandschaft.

Sobald sich irgendwo Biber niederlassen, steigt die Artenvielfalt rasant an. Für Vögel entsteht ein Paradies: Totes Holz und massenweise Insekten für Meisen und Spechte. Über einen der Tümpel schwimmen gerade ein paar Enten. Im Hintergrund watet ein Graureiher durch das flache Nass. Auch für Amphibien und Reptilien entsteht ein einmaliges Biotop.

„Wir sind ein Zuwanderungsland“, erklärt Dieter Lang. Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Biber in ganz Bayern als ausgerottet. 25 Reviere mit geschätzten 100 Bibern gibt es heuer wieder im Landkreis. Vor nicht einmal zwei Jahren waren es noch 20 Reviere und 80 Biber. Der Trend wird weitergehen. „Hoffentlich dauert's etwas länger“, sagt der Landschaftspfleger aber. Denn bis Menschen und Biber ein gesundes Miteinander entwickeln, dauert es erfahrungemäß länger.

Lang muss sich mit vielen Klagen herumschlagen – für die meisten hat er absolutes Verständnis. „Selbst für Passanten wirkt es erst einmal chaotisch, was der Biber so treibt“, erzählt Lang. „In unserer Zeit muss alles schnell, schnell gehen. Der Biber hingegen hat Zeit.“ Zehn Jahre können ohne weiteres vergehen, bis der Biber sein Umfeld nach seinem Geschmack eingerichtet hat. Neben mehreren Dämmen baut sich der Biber auch einige Höhlen. Warum? „Manch einer zieht halt gern öfters mal um“, sagt Lang schmunzelnd.

Doch zurück zu den Problemen, die der Biber verursacht: „Um Schäden zu verhindern, sind wir auf die Mitarbeit der Anwohner und Landwirte angewiesen“, erklärt der Naturschützer. „Wir können ja nicht patrouillieren gehen.“ Tätig dürften hingegen nur Mitarbeiter der Naturschutzbehörde werden: Wer selbst Hand an Biber oder Biberbauten legt, geht ein hohes Risiko ein. Strafen bis zu 50 000 Euro oder Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren sieht das Bundesnaturschutzgesetz vor. „Der Biber genießt in ganz Europa den höchsten Schutzgrad“, sagt Lang.

Trotzdem: Es gibt sie, die Ausnahmen, in denen nicht nur Biberdämme zerstört, sondern sogar Biber gefangen oder getötet werden dürfen. Wenn technische Anlagen und Abflusssysteme verstopfen könnten, wenn Fischzuchten bedroht sind oder den Bauern zu große Verluste drohen. Einen Anspruch auf Entschädigung für Biberschäden haben Landwirte nicht: „Wir haben allerdings ein System freiwilliger Zahlungen“, erklärt Lang.

Aus einem bayerischen Fond werden viele Schäden erstattet. „Das ist wichtig und richtig“, sagt Lang.

Dass Biber grundsätzlich den Hochwasserschutz gefährden, ist laut Lang hingegen eine Mär. Im Gegenteil: Durch die kleinen Stauungen wird das Wasser immer wieder gebremst und verteilt. „Hochwasser in der Fläche halten – das ist eigentlich genau das, was der moderne Hochwasserschutz fordert.“ Hinzu kommt, dass ein steigender lokaler Grundwasserspiegel mittelfristig positiv sein kann, erklärt Dieter Lang: In einer der heißesten Regionen Deutschlands könnte Wasser bald zu einem knappen Gut in der Landwirtschaft werden.

Weitere Informationen: Untere Naturschutzbehörde, E-Mail: naturschutz@kitzingen.de, Tel. 0 93 21 / 9 28 62 12

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