Würzburg/Dettelbach
Mordprozess

Der Tote im Weintank

Ein 54 Jahre alter Winzer soll seinen Bruder erschlagen und die Leiche in einem Weintank versteckt haben. Vor dem Schwurgericht machte er gestern keinerlei Angaben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Angeklagte Siegfried L. hatte sich entschieden, in seiner blauen Knast-Kleidung vors Blitzlichtgewitter der Fotografen zu treten. Foto: dpa
Nach langjährigem Zoff soll ein Winzer seinen Bruder erschlagen, die Leiche in einen Tank im Weinkeller gesteckt und diesen dann mit Wein gefüllt haben. Seit gestern steht der 54-jährige Dettelbacher unter Mordanklage vor dem Würzburger Schwurgericht. Siegfried L. hat sich entschlossen, zunächst einmal nichts zu sagen: weder zu seinem Lebenslauf noch zum gewaltsamen Tod seines fünf Jahre älteren Bruders Horst.
Während des Prozesses wird Siegfried L. seinen 55. Geburtstag feiern. Vollbart und volles Haar sind grau meliert. Er hat sich dafür entschieden, in der blauen Anstaltskleidung zur Verhandlung zu erscheinen. Laut Richter war dies seine eigene Entscheidung, er hätte auch in privater Kleidung kommen können. Knapp ein Dutzend Kameraleute und Pressefotografen ignoriert er, hält weder die Hände noch einen Aktenordner schützend vors Gesicht. Einmal schaut er sich lange um, Richtung Zuhörerbänke, als suche er dort jemand. Der Andrang ist groß, der Sitzungssaal schnell ausgebucht.
Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen glaubt das Motiv für den Mord zu kennen und hat es in die Anklage geschrieben: Einige Tage vor dem grausamen Verbrechen, Ende Januar 2011, habe der Angeklagte seinen Bruder mit einem Holzknüppel oder einer Latte auf die Unterschenkel geschlagen. Das müsse sehr schmerzhaft gewesen sein. Der Bruder ging deswegen zum Arzt und zwecks Anzeige auch zur Polizei. Dafür soll ihm der Angeklagte das Umbringen angedroht haben. Und als er wenige Tage später von der Polizeiinspektion Kitzingen aufgefordert wurde, sich zur Anzeige des Bruders schriftlich zu äußern, soll er mit der Drohung ernst gemacht haben. Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern habe es seit Jahren regelmäßig gegeben, sagt der Oberstaatsanwalt - unter anderem wegen Frauengeschichten.
Die Brüder lebten auf demselben Grundstück, aber 50 bis 60 Meter voneinander entfernt - der Angeklagte im Wohnhaus, der Bruder "in einer Art Wohnung", die man an die Maschinenhalle angebaut hatte, Zugang nur durchs Scheunentor. Dort habe es immer sehr schlimm ausgesehen, schmutzig und chaotisch, so ein Polizeibeamter. Zwischen dem 27. Januar abends und 28. Januar früh soll sich der Winzer mit einem Brecheisen auf die Suche nach seinem Bruder gemacht haben. Kriminalbeamte von der Spurensicherung rekonstruierten später seinen Weg.

Tatort war ein Kleiderschrank

Das Scheunentor wurde aufgehebelt, eine Türe zur Wohnung eingeschlagen, in der Küche ging eine Arbeitsplatte zu Bruch. Schlimmes ahnend muss der Bruder ins Schlafzimmer geflüchtet sein, sich in einem Kleiderschrank versteckt haben und dort vom Angeklagten übel zugerichtet worden sein - mit Brecheisen und Fäusten. Der Mann erlitt schwerste Kopfverletzungen, ist mit Sicherheit schnell bewusstlos geworden und schnell gestorben. Die Blutlache im Schrank war groß.
Danach soll der Angeklagte die Leiche durch die Wohnung und die Maschinenhalle zur Kellertreppe geschleift und in einem Tank versteckt haben. Blutspuren in der Wohnung deckte er zunächst einmal mit Kleidungsstücken des Getöteten ab. Polizeibeamte sahen später eine Spur, "als wär' grad gewischt worden". Diese führte durch die Wohnung zur Treppe in den Weinkeller.
Am Tag danach gegen Mitternacht verständigten zwei Schwestern von Täter und Opfer die Polizei. Sie baten nachzuschauen, der Horst sei verschwunden. Den Angeklagten haben Polizeibeamte in der Nacht auch gefragt, wo der Bruder sein könnte: Stark angetrunken habe er kaum verständlich vom Balkon gelallt, dass ihm der Horst egal sei. "Mehr war nicht aus ihm herauszuholen", sagte gestern ein Polizeibeamter, der als erster am Tatort war. Man habe es auch gar nicht versucht, da der Angeklagte einen recht aggressiven Eindruck machte. Am nächsten Tag war Siegfried L . wegen Blut- und anderer Spuren festgenommen worden. Die Leiche ist später im Tank gefunden worden.
Laut einem Polizeibeamten sei die Adresse der beiden Brüder bei der Inspektion Kitzingen bekannt gewesen und immer wieder mal angefahren worden. "Auslöser" sei meist der neben der Maschinenhalle mehr hausende als wohnende Bruder gewesen - alkoholbedingt. Zum Beispiel habe er oft x-mal in der Nacht die Notrufnummer gewählt. Auch Saufgelage mit einem festen Teilnehmerkreis hätten immer wieder für Ärger gesorgt.
Am ersten Verhandlungstag hatte das Gericht nur einen Polizeibeamten als Zeugen geladen - und viel Zeit eingeplant für die Vernehmung des Angeklagten zur Person. Da der nichts sagte, wurde die Verhandlung vertagt.

Bestens vorbereitete Zuschauer

Richtig enttäuscht waren zwei rüstige ältere Damen, die den Tatort und den Angeklagten kennen und das Opfer kannten: Sie hatten sich auf eine Verhandlung bis in den Abend hinein vorbereitet. Beide hatten ihre Tablettendöschen dabei mit der Ration für die zweite Tageshälfte, Wasser zum Runterspülen und eine kleine Brotzeit. Sie beschlossen, "wenn mer schon in Würzburg sind", noch was zu unternehmen und verbrachten den angerissenen Nachmittag spontan im nahen Hofgarten.
Oberstaatsanwalt und Verteidiger sind von Journalisten immer wieder gefragt worden, was für ein Wein es denn gewesen sei - ob Silvaner, Müller oder Domina, den der Angeklagte in den Tank mit der Leiche abgefüllt hat. Sie wurden auf den weiteren Prozessverlauf vertröstet. Kommenden Dienstag um 9 Uhr wird die Verhandlung vor dem Schwurgericht fortgesetzt.
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren