Rüdenhausen

Der Tag des Herrn im Gehrock und Zylinder

In diesem Jahr wird bei der Rüdenhäuser Kirchweih am Dienstag 400 Jahre Bürgerwehr gefeiert – mit großem Aufmarsch und allem, was dazugehört.
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Nicht wegzudenken sind die Symbolfiguren beim Auszug der Bürgerwehr in Rüdenhausen. 2017 waren das, außen die Trommler Michael Müller (links) und Thorsten Götzelmann, dazu die Pioniere Richard Klein (zweiter von linke) und Wolfgang Paul (dritter von rechts), außerdem Zieler Jürgen Bock mit der Scheibe, sowie der Schellenbaum-Träger Harald Winter.
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Der letzte Tag der Kirchweih in Rüdenhausen ist der Tag, auf den sich viele meist männliche Rüdenhäuser jedes Jahr freuen. Nur an dem Tag werden wieder nahezu 100 Männer ihren schwarzen Gehrock und den Zylinder aus dem Schrank holen. Sie werden am Mittag gegen 12 Uhr vor dem Rathaus antreten und symbolisch eine Waffe in Empfang nehmen. Dieses Jahr ist der Dienstag erst recht ein besonderer. Es steht ein Jubiläum an. Seit 1618, also seit genau 400 Jahren, zieht die Bürgerwehr aus.

Noch mehr Gehröcke

Wegen dieses Jubiläums haben sich die Rüdenhäuser einiges einfallen lassen. So kommen in diesem Jahr zum Umzug auch Gruppen der Bürgerwehren aus Castell und Wiesentheid, sowie von der Burschenschaft aus Markt Einersheim, wo das Ganze ähnlich abläuft.

Ein Kenner der Geschichte

Als „Der Tag des Herrn“ bezeichnet den Kirchweihdienstag Karl zu Castell-Rüdenhausen , und der muss es wissen. Schließlich hat er ein Buch mit dem Titel „Mit Gehrock und Zylinder“ verfasst. In dem geht er dem Ursprung und der Tradition der Bürgerwehren bis in die heutige Zeit auf den Grund. Also, wer könnte dieses Brauchtum und die Geheimnisse der Bürgerwehr besser kennen als er?

Der Höhepunkt im Jahr

„Das ist der absolute Höhepunkt im Jahr, der größte Feiertag. Hier kommt die Dorfgemeinschaft zum Tragen. Es gibt keinen Streit, es wird gemeinsam gefeiert im Bewusstsein, dass es frühere Generationen an dem Tag genauso gemacht haben.“ Für Auswärtige oder Fremde mag sich das Ganze vielleicht nicht so recht erschließen. „Erklären kann man das nicht, man muss es einfach erleben“, sagt Castell-Rüdenhausen: „Die Leute, die ich mal von auswärts dazu eingeladen habe, kommen immer wieder.“

Zuschauen ja, mitmachen nein

Zuschauen und mitfeiern können Auswärtige, mitmachen dürfen sie nicht. Nur wer einen Wohnsitz in Rüdenhausen hat oder hatte, kann bei der Bürgerwehr teilnehmen. Viele Ehemalige, die längst nicht mehr hier wohnen, kehren oft nur für diesen Tag zurück in ihre frühere Heimat. Es ist auch ein Wiedersehen, bei dem es ungezwungen zugeht. Jeder hat so seine eigenen Anekdoten, was er am „Nationalfeiertag“ in Rüdenhausen bereits erlebt hat.

Unvergessene Erlebnisse

Beispiele gefällig: Der Träger des Schellenbaums wurde just am Kirchweihdienstag Vater. Vor Freude darüber rannte er beim abendlichen Ausziehen der Bürgerwehr quer durch den Springbrunnen am Schloss. Einmal dehnten zwei Bürger die Kirchweih ziemlich aus. Die Herren in Frack und Zylinder feierten bis Donnerstag morgen durch und wurden dabei zum Ausklang im Nachbarort Abtswind gesichtet.

Die Geschichte dahinter

Blicken wir auf die Historie. Ein Schriftstück belegt, dass der damalige Standesherr Graf Gottfried im Jahr 1618, also in einer sehr unruhigen Zeit zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, seine männlichen Bürger aufforderte, den Heimatort zu verteidigen. Jeder Hausbesitzer bekam dazu ein Gewehr. Zum Üben mussten die Männer Sonntags nach der Kirche einen Schuss auf ein Ziel abgeben.

Ein Hammel als Preis

Einmal im Jahr fand dann ein großes Schießen statt, zu dem der Fürst etwas für den Sieger spendierte. „Der Preis war lange Zeit ein Hammel, also ein männliches Schaf.“ Als weitere Schießpreise wurden früher relativ wertvolle Gegenstände aus Zinn an die Besten ausgehändigt, heute sind es übrigens eher alltägliche Dinge, die es zu gewinnen gibt.

Hauptmann und Offiziere

Im Lauf der Jahre weitete sich die Tradition aus. Das große Schießen wurde auf die Kirchweih gelegt. Heute hat die Bürgerwehr einen Hauptmann und Offiziere, die vorne dran stehen. Hauptmann ist aktuell Leo Neubert, der genauso wie seine Vorgänger vom Fürst bestimmt wurde.

Ein anstrengender Job

Zur Truppe gehören außerdem zwei Trommler, die den vielleicht anstrengendsten Part bei dem Ganzen haben. Sie ziehen bereits am Montagabend gegen 19 Uhr zum Zapfenstreich mit ihren Instrumenten durch den Ort, geleitet von mehreren Bürgern mit Gewehr und der Musik. „Das war, um zu verkünden, dass die Leute ab jetzt zuhause bleiben sollen und sich auf den kommenden Tag vorbereiten“, schaut Karl Castell-Rüdenhausen in die Geschichte. Am Dienstag morgen um sechs Uhr und später noch einmal um kurz vor 12 Uhr laufen die Trommler erneut durch Rüdenhausen, um zum Auszug einzuladen.

Beute aus den Türkenkriegen

Ein kurioses Instrument, das beim Auszug der Bürgerwehr mitgeführt wird, ist ein Schellenbaum. Er wurde einst in einem Türkenkrieg erbeutet und wird seitdem mitgeführt. Außerdem sind die Fahnen der Bürgerwehr, sowie der Vereine mit dabei, wenn der Zug losläuft.

Wechselvolle Geschichte

Höhen und Tiefen erlebte der Bürgerauszug in Rüdenhausen im Lauf der Jahrhunderte, was die Beteiligung angeht. So startete man nach der Nazi-Zeit 1948 wieder, allerdings nur mit zehn Mann. „Da wollte verständlicherweise keiner mehr mitmachen und Krieg spielen. Der Fürst berief eine Versammlung ein und erinnerte die Leute daran, dass es um eine Tradition gehe“, erzählt Karl Castell-Rüdenhausen. Die Amerikaner als Besatzungsmacht hatten die Gewehre beschlagnahmt, erst über Fürst Siegfried erhielten die Rüdenhäuser wieder Flinten. Sie stammten von einer Stelle des Jagdverbandes, die Gewehre von Wilderern konfiszierte. Diese wurden unbrauchbar gemacht, später nach Rüdenhausen gebracht und werden heute noch beim Auszug mitgeführt.

Gehrock und Zylinder

Auch die Anzugsordnung mit dem schicken Frack wurde zeitweise nicht so ernst genommen, viele trugen nur ein Sakko, was heute selten ist. Auch die Neuen, die mitmachen, leihen oder kaufen sich einen Gehrock und einen Zylinder, das gehört eben dazu.

Das Bürgerschießen, übrigens ein Glücksschießen, fand lange Zeit abwechselnd in den beiden Wirtskellern im Ort statt, dem Kramerskeller oder dem Wolfenkeller. Erst seit etwa 30 Jahren wurde der Schießstand in den Schlosspark verlegt.

Das Mitmachen am Dienstag gehört auch für die jungen Rüdenhäuser irgendwie dazu. Die Tradition wird also nicht so leicht verschwinden, ist sich Karl Castell-Rüdenhausen sicher.

Das Programm

Freitag, 24. August: Ab 21 Uhr Disco-Abend „Flamingo Friday“ in der Turnhalle.

Samstag, 25. August: Ab 15 Uhr Festbetrieb im Schlosspark, 18 Uhr Musikalischer Kirchweih-Dämmerschoppen mit der Blaskapelle „Blechintakt“ im Weinkeller am Schloss.

Sonntag, 26. August: 9.30 Uhr Festgottesdienst zur Kirchweih, ab 13 Uhr Kirchweihumzug und Festbetrieb im Schlosspark, 14.30 bis 17 Uhr Kirchweihschießen am Schießstand im Schlosspark, ca. 15.15 Uhr Kirchweihpredigt im Schloss.

Montag, 27. August: 9.30 Uhr Gottesdienst, 14 Uhr Schlosstanz, 19 Uhr Zapfenstreich, 20.30 Uhr Tanz in der TSV-Turnhalle.

Dienstag, 28. August: 12.15 Uhr Treffen zum Jubiläums-Auszug „400 Jahre Bürgerwehr“ am Rathaus mit den Gast-Bürgerwehren, ab 12.30 Uhr Festbetrieb im Schlosspark, 12.45 Uhr Bürgerauszug vom Rathaus ins Schloss, anschl. Bürgerschießen, 20 Uhr Bürgerball in der TSV-Turnhalle.



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