MARKTSTEFT

Der Rathauschef drückt aufs Gas

Er ist Quereinsteiger in die Kommunalpolitik. Und gelegentlich muss Marktstefts Bürgermeister Thomas Reichert seinen Tatendrang bremsen. „Manchmal hat es ja auch sein Gutes, wenn Dinge reifen“, räumt der CSU-Mann ein, der aus der freien Wirtschaft eine flotte Gangart verinnerlicht hat.
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Mit „Stubentiger“: Bürgermeister Thomas Reichert hat es sich in seinem Garten in Marktsteft gemütlich gemacht. Foto: Fotos (2): Daniel Peter
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Er ist Quereinsteiger in die Kommunalpolitik. Und gelegentlich muss Marktstefts Bürgermeister Thomas Reichert seinen Tatendrang bremsen. „Manchmal hat es ja auch sein Gutes, wenn Dinge reifen“, räumt der CSU-Mann ein, der aus der freien Wirtschaft eine flotte Gangart verinnerlicht hat. „Es ist schon klar, dass die Verwaltungsgemeinschaft Marktbreit aus sechs Gemeinden besteht und nicht alle immer nur für uns sprinten können.“

Das Amt gefällt dem Mann auch, weil die Bürger honorieren, dass ihre Anliegen zeitnah bearbeitet werden, „selbst wenn es nicht immer eine positive Nachricht gibt, geben kann.“ Reichert, der im Neubaugebiet wohnt, hat sich das Leben als Bürgermeister in etwa so vorgestellt, wie es im ersten Jahr gelaufen ist. „60 Stunden war mein Ansatz, das trifft es ungefähr. Und wenn ich um 18.30 Uhr noch im Rathaus bin und jemand ein Anliegen hat – wenn es die Chance gibt, den Fall sofort zu lösen, dann nutze ich sie gerne.“

Es sei Ehrensache, sich bei Geburtstagen, Ehrungen oder gar Trauungen Zeit zu nehmen, nicht auf die Uhr zu schauen. „Das gehört zum Amt und macht mir viel Freude.“ Eher sei schwierig, das richtige Maß im Umgang mit Vereinen und anderen Gruppierungen zu finden. „Ich kann nicht bei jeder Versammlung von der ersten bis zur letzten Minute da sein“, bittet er um Verständnis.

Was Reichert umtreibt, sind drei große Projekte: Zum Einen geht es um ein Leitbild für die Stadt. „Bis jetzt kann mir niemand schlüssig in wenigen Begriffen erklären, für was Marktsteft steht. Aber genau das ist nötig.“ Der 52-Jährige will zusammen mit den Bürgern an der Sache arbeiten. „Wir brauchen Teams, die Ideen sammeln und ausarbeiten.“

Ein sehr erfreulicher Aspekt – im ersten Halbjahr gab es 26 Geburten – führt zu Projekt zwei: „Wir müssen uns mit dem Kita-Ausbau beschäftigen. Die Kinder haben ein Anrecht auf einen Platz: vor der Haustüre, nicht irgendwo. Das gilt auch später für die Grundschule.“ Er wolle kämpfen wie ein Löwe, um diese Einrichtungen am Ort zu behalten. „Wir wachsen gegen den Trend. Der Wohlfühl-Faktor für junge Familien ist dann gegeben, wenn ihre Kinder im Wohnort aufwachsen können.“

Projekt drei schließlich ist die anstehende Kanalsanierung, die laut Reichert sieben bis zehn Jahre dauern könnte. „Zum Einen wollen wir durch Befahrungen ermitteln lassen, was wann wo gemacht werden muss. Zum anderen wollen wir durch häufigere Kanalspülungen die Leistungsfähigkeit erhalten – wir haben mit dem geringen Gefälle zu kämpfen.“

Bei einer leidenschaftlich diskutierten Frage weiß Reichert die Mehrheit gegen sich: Diese plädiert für einen Kreisel an der Kreuzung Umgehungsstraße/Gewerbegebiet und Tankstelle. „Die Entscheidung trifft das Straßenbauamt in Würzburg. Ich halte eine Ampel mit intelligenter Schaltung für besser, weil Kinder und Radfahrer bei Grün ungefährdet über die Straße kommen. Und preiswerter ist das Ganze obendrein.“

Zu den Überraschungen des Jobs gehörte an einem Sonntagabend das Klingeln der Polizei an seiner privaten Haustüre. „Ich war drei Wochen im Amt, die Beamten übergaben mir einen wohnsitzlosen Inder ohne Papiere zur Betreuung. Ich hatte keine Ahnung, was zu tun ist.“

Instinktiv handelte Reichert richtig: Er besorgte für den Mann eine Unterkunft, gab ihm Taschengeld. „Der Inder war drei Tage dort. Dann konnten die Dinge geklärt, er weitervermittelt werden.“ Über den bewegendsten Moment im ersten Amtsjahr muss Reichert nicht lange nachdenken: Dieser war am Wahlabend, 18.30 Uhr, als ihm über einhundert Anhänger zum Sieg bei der Bürgermeister-Wahl applaudierten. „Das war Gänsehaut pur. Schließlich hatten mir genug Leute prophezeit, ich werde mir eine Abfuhr einhandeln.“

Was nur Reichert wusste: Im Falle einer Wahlniederlage hätte er wieder für ein Autohaus gearbeitet. Der Vertrag war fixiert, „es hat mir viel Kraft gegeben, frei zu sein, nicht auf das Amt angewiesen zu sein.“ Missen möchte er es jetzt allerdings nicht mehr, auch wenn Freizeit eher knapp bemessen ist. „Ich hatte noch nie viel, vermisse also nichts.“ Und wenn doch mal Zeit ist, sind die Reicherts gerne auf dem Main. „Wir lieben Wasser, sind beide Taucher. Und auf unserem kleinen Motorboot lässt es sich wunderbar entspannen.“

Serie: Alle bei der Kommunalwahl 2014 neu gewählten Bürgermeister blicken auf ihr erstes Jahr im Amt zurück. An der Reihe waren bereits Volker Schmitt (Schwarzach) und Herbert Volkamer (Markt Einersheim). Demnächst folgen Gerlinde Stier (Kleinlangheim), Hermann Queck (Buchbrunn), Peter Kraus (Mainbernheim), Roland Hoh (Biebelried), René Schlehr (Prichsenstadt), Jürgen Schulz (Abtswind) und Rainer Ott (Martinsheim).

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Fakten zu Marktsteft

Die Stadt hatte Ende letzten Jahres 1931 Einwohner (1518 Marktsteft/ 413 Michelfeld); sie wurde 1197 erstmals urkundlich erwähnt. Bedeutend war schon immer der natürliche Anlegeplatz am Mainarm – der Hafen lockte einst die Strumpfwirker an, auch heute wird er gut genutzt. Der Gesamthaushalt Marktstefts beträgt knapp fünf Millionen Euro, die Pro-Kopf-Verschuldung liegt bei 1213 Euro. Im Ort gibt es Posaunenchor, Männergesangverein und die Kesselring-Musikanten. Jedes Jahr finden Hafenfest, Kirchweih, Sonnwendfeuer und Bürgerball statt; es gibt Schule, Kindergarten, Bibliothek und Museum.

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