KITZINGEN

Der Prozess des Redens

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, heißt es so schön. Doch in der Regel freut sich niemand über einen Streit. Vor allem nicht, wenn er vor Gericht ausgetragen wird. Ein neues Verfahren soll seit einigen Monaten auch am Amtsgericht Kitzingen helfen. Den Streit verhindert es nicht, aber die Parteien sitzen zumindest wieder an einem Tisch.
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Frieden schließen: Der Gang zum Güterichter soll Streitparteien wieder versöhnen. Foto: Foto: dpa
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Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, heißt es so schön. Doch in der Regel freut sich niemand über einen Streit. Vor allem nicht, wenn er vor Gericht ausgetragen wird. Ein neues Verfahren soll seit einigen Monaten auch am Amtsgericht Kitzingen helfen. Den Streit verhindert es nicht, aber die Parteien sitzen zumindest wieder an einem Tisch.

Bernhard Böhm ist seit Februar der ständige Vertreter des Amtsdirektors am Kitzinger Amtsgericht. Er war 14 Jahre lang Familienrichter in Schweinfurt, er hat in Aschaffenburg und Würzburg gearbeitet. Und er hat eine Zusatzqualifikation, die ihn für diese besondere Aufgabe qualifiziert. Böhm ist Güterichter.

Vor sechs Jahren sind die Güterichterverfahren an Landgerichten eingeführt worden. Sie funktionieren so ähnlich wie eine Streitschlichtung bei Tarifparteien oder eine Mediation im Privaten. Das Ziel lautet zunächst: Die Parteien an einen Tisch bringen. Und ein Gespräch ermöglichen. Was so einfach klingt, ist in der Praxis oft undenkbar.

Böhm berichtet von Paaren, die Jahrzehnte miteinander verheiratet waren und nicht mehr miteinander reden können, wenn es um die Scheidung geht. Oder von Geschwistern, die bei Erbstreitigkeiten nicht ins Gespräch kommen. „Beim Güterichter geht es immer um Beziehungsgeflechte“, sagt er. Und es geht immer um den Versuch, das herauszubekommen, was die Parteien tatsächlich bewegt. Dafür sind bestimmte Regeln notwendig: Jeder darf ausreden, der Ton bleibt sachlich und das Gespräch bleibt vertraulich. Mit anderen Worten: Alles das, was im Güterichterverfahren besprochen wird, wird nicht im Rechtsstreit verwendet. Es sei denn, es kommt tatsächlich zu einem Vergleich. „Dann ist dieser Vergleich aber auch das einzige Schriftstück, das in die Hauptakte gelangt.“

„Beim Güterichter geht es immer um Beziehungsgeflechte.“
Bernhard Böhm, Richter am Amtsgericht Kitzingen

„Man hat sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Böhm, der in seiner Würzburger Zeit fünf Güterichterverfahren geleitet hat. 10 bis 15 Prozent der schwierigen Verfahren konnten bayernweit dank dieses Instrumentes doch noch zu Ende geführt werden. Kein Wunder, dass das Güterichterverfahren im letzten August auch an Amtsgerichten eingeführt wurde.

Mit Edgar Schmitt und Bernhard Böhm haben zwei der sechs Kitzinger Richter die nötige Ausbildung durchlaufen. Und so eine extra Ausbildung tut auch Not, wie Böhm betont. „Richter sind als Entscheider geschult“, erinnert er. Sie suchen Lösungen und fällen ein Urteil. „Der Güterichter muss sich aber vom typischen Richterdenken lösen.“

Drei, vielleicht auch vier Stunden dauert eine Sitzung beim Güterichter. Und mit einer Sitzung ist es in der Regel nicht getan. Die Parteien müssen erst einmal ins Gespräch finden, ihre Argumente austauschen. Im Verlauf der Unterredung kann jeder eigene Lösungsvorschläge unterbreiten. „Die werden miteinander abgewogen und dann wird eine einvernehmliche Lösung gesucht“, erklärt Böhm. Der große Vorteil: Es gibt weder Gewinner noch Verlierer.

In so ein Verfahren investiert ein Güterichter deutlich mehr Zeit als in einen normalen Zivil- oder Strafprozess. „Da gehört schon Idealismus und Enthusiasmus dazu“, sagt Böhm. Und das nicht nur beim Richter. Alle Teilnehmer – inklusive Rechtsanwälte – investieren viel Zeit und Energie. Böhm wünscht sich dennoch, dass es in Zukunft noch viel mehr Güterichterverfahren gibt. „Weil in so einem Prozess immer ein Bewusstsein füreinander geschaffen wird. Und das ist immer hilfreich. Auch für das eigentliche Strafverfahren.“

Zunächst einmal muss diese Möglichkeit aber überhaupt in Kitzingen publik werden. Die jeweiligen Richter bieten es den Parteien in ihren Prozessen an, wenn sie merken, dass hinter dem Streit mehr steckt. Wenn es um Emotionen und Gefühle geht, die vor dem Straf- oder Familienrichter nicht zur Sprache kommen. Die Parteien könnten aber auch von sich aus auf den Güterichter zukommen. Für Bernhard Böhm ein wünschenswerter Weg. Damit so mancher Streit aus dem Weg geredet werden kann.

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