Kitzingen

Demokratiegeschichte: Ausstellung richtet Blick auf Schicksale

10 000 Besucher haben "Vom Untertan zum Staatsbürger" gesehen. Bleibt die Frage: Wurden die gesteckten Ziele erreicht? Daneben gibt es Ideen zu neue Wege des Erinnerns.
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Die nun abgeschlossene Wanderausstellung "Vom Untertan zum Staatsbürger" war im vergangenen und in diesem Jahr an insgesamt neun Orten zu sehen. In der Kitzinger Rathaushalle gastierte sie im Frühjahr 2019. Foto: Monika Conrad
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Die Wanderausstellung "Vom Untertan zum Staatsbürger" ist nun selbst Geschichte. Die Station auf dem Schwanberg war die letzte in einer Reihe von neun Orten, in der das Werk des Initiativkreises Kultur, Geschichte und Archäologie im Kitzinger Land im vergangenen und in diesem Jahr den langen und blutigen Weg zur Demokratiegeschichte in Deutschland aufgezeigt hat. Den Fokus richteten die Ausstellungsmacher dabei auf den Landkreis Kitzingen, und dort speziell auf zwei Orte, die für die erste bayerische Verfassung, die 2018 ihren 200. Geburtstag gefeiert hat, und die Demokratie in diesem Land stehen: die Konstitutionssäule auf dem Sonnenberg bei Gaibach und der Schwanberg bei Rödelsee.

Über 10 000 Besucher haben die Ausstellung gesehen, schätzt Monika Conrad vom Initiativkreis und ist damit sehr zufrieden. Dies gilt auch für das mit der Ausstellung gesteckte Ziel, lokale Archive nach Schicksalen und Ereignisse im Zusammenhang mit der niedergeschlagenen Demokratiebewegung 1848/49 zu durchforsten.

"Ich habe Bauklötze gestaunt, was zutage gekommen ist."
Monika Conrad über Entdeckungen in den Archiven

Denn: "In der Geschichte werden meist nur die Sieger dargestellt", erläutert Josef Endres, der das Pfarrarchiv in Iphofen betreut, weshalb die Biografien derjenigen, die sich für die Demokratie einsetzten, kaum erforscht sind. Deren Namen sind allerdings in den Archiven teils noch greifbar, beispielsweise in Form von Gerichtsakten, das hat sich jetzt auch im Landkreis Kitzingen an etlichen Beispielen gezeigt. "Ich habe Bauklötze gestaunt, was zutage gekommen ist", meint Conrad.

In Iphofen etwa, berichtet Endres von seiner Archivarbeit, lässt sich der Umgang der Obrigkeit mit der ihr verhassten Demokratiebewegung gut nachspüren. Diesen wäre es am liebsten gewesen, die Namen derer, die sie als Querulanten und häufig auch als Sicherheitsrisiko einstuften, würden einfach in Vergessenheit geraten, indem sie vor Ort nirgends mehr auftauchten.

Couragierte Bürger beruflich ruiniert

Dies führte tatsächlich dazu, dass Einwohner mit Zivilcourage, die sich für sozial Schwache in Iphofen einsetzten, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden. Dabei riskierten sie es, wie Endres feststellt, Hab und Gut zu verlieren und wurden für Forderungen, wie die, die Armen an Holz- und Jagdrechten der Stadt zu beteiligen, beruflich ruiniert. Viele von ihnen zwang man, zu emigrieren, oft nach Amerika – wie viele Tausend Schicksalsgenossen aus ganz Deutschland.

Ein Beispiel ist der Iphöfer Nagelschmied Johann Michael Schwab, der 1812 als Landwirtssohn geboren wurde. Zusammen mit 94 Gleichgesinnten, deren Namen überliefert sind, forderte dieser im Jahr 1851 die Abschaffung der Magistratsverfassung und die erneute Bildung einer Ruralgemeinde (Landgemeinde), von der er sich ein Ende der Korruption erhoffte. Die Stadtoberen stempelten ihn zum Umstürzler ab und warfen ihm vor, zu den Mittellosen der Proletarierklasse zu gehören, die ungehörigerweise zu Besitz und politischer Mitsprache gelangen wollten. Schwab sah keinen Ausweg mehr, als überstürzt nach Übersee zu fliehen. "In Iphofen kennt seinen Namen heute niemand mehr", hält Endres fest.

Unliebsame Demokraten aus Geschichtsbüchern gelöscht

Der Umgang mit Demokraten in Iphofen zeigte sich bereits zwei Jahre zuvor, nachdem sich am Himmelfahrtstag 1849 (17. Mai) auf dem Schwanberg annähernd 10 000 Menschen aus Franken und wohl auch darüber hinaus versammelt hatten und unter den schwarz-rot-goldenen Flaggen der Demokratiebewegung einen feierlichen Eid auf die Paulskirchenverfassung, die die großen Staaten des Deutschen Bundes zuvor rigoros abgelehnt hatten, ablegten. Im Bericht des Iphöfer Magistrats hierzu heißt es, wie Endres es in den alten Schriften nachgelesen hat, abfällig: "Die hiesigen Freunde des Unfriedens und der Bewegung des Communismus, deren sehr wenige waren, sind der Mehrzahl nach ausgewandert und haben in America ihre Freiheit zu begründen gesucht. Ihre Namen sind nicht werth, auf die Nachwelt zu kommen, darum werden sie mit Stillschweigen übergangen."

Dieses Stillschweigen zu durchbrechen und an die Demokratiegeschichte im Landkreis Kitzingen zu erinnern, war ein Ziel der Wanderausstellung. Zumal in der bayerischen Geschichtsschreibung hierzu, wie die Volkacher Stadtarchivarin Ute Feuerbach einwirft, fränkische Orte gerne vergessen werden. Nach Ansicht der Ausstellungsmacher besitzt der Landkreis mit der Konstitutionssäule bei Gaibach und mit dem Schwanberg als "Freiheitsberg" zwei bedeutende Orte der Demokratie.

Sonderausstellung im Kirchenburgmuseum Mönchsondheim

"Der Boden ist bereitet", bilanziert Conrad den Wunsch, in der kommenden Zeit eine Form des Erinnerns zu finden, wofür aus Sicht des Initiativkreises auch Geld bereitgestellt werden muss. Der Appell dahinter lautet: Für den Erhalt der Demokratie in unserem Land muss auf allen Ebenen energisch eingetreten werden. "Sie ist das Wertvollste, was die deutsche Geschichte zu bieten hat", heißt es in einem Begleittext der Ausstellung.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist der Beschluss, die Wanderausstellung und deren Exponate nicht komplett aufzulösen, sondern in großen Teilen ab dem kommenden Jahr als Sonderausstellung im Kirchenburgmuseum Mönchsondheim zu zeigen.

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