STAMMHEIM

„Das dürfen wir nicht zulassen“

In Heidenau tobt der rechte Mob, in vielen Gemeinden Deutschlands brennen Asylbewerberheime. Um Stammheim ist es angesichts der Vorkommnisse der letzten Wochen ruhig geworden. Eine trügerische Ruhe? Gerhard Völk und Burkard Krapf sind sich nicht ganz sicher. Sie wollen auf der Hut bleiben. Denn eines ist ihnen klar: Die rechte Szene kennt keine Ruhe.
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Widerstand: Mit selbst gemalten Plakaten und Bannern macht Stammheim seine Abneigung gegen die Rechtsradikalen sichtbar. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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In Heidenau tobt der rechte Mob, in vielen Gemeinden Deutschlands brennen Asylbewerberheime. Um Stammheim ist es angesichts der Vorkommnisse der letzten Wochen ruhig geworden. Eine trügerische Ruhe? Gerhard Völk und Burkard Krapf sind sich nicht ganz sicher. Sie wollen auf der Hut bleiben. Denn eines ist ihnen klar: Die rechte Szene kennt keine Ruhe.

Mitte April diesen Jahres ging es los. Die Schreckensbotschaft machte die Runde. „Die Rechte“ will ihre Landesparteizentrale in Stammheim einrichten. 850 Einwohner hat die Winzergemeinde am Main, idyllisch gelegen zwischen Volkach und Wipfeld. „Am Anfang war die Angst groß“, erinnert sich Völk. Ältere Einwohner wechselten die Straßenseite, wenn sie am ehemaligen Gasthaus vorbeiliefen, in dem sich die Kleinpartei „Die Rechte“ einnisten wollte. An drei Wochenenden waren die rund 30 Mitglieder der „Partei“ bislang vor Ort. Willkommen waren sie nie. Der Widerstand regte sich von Anfang an.

„Ende April waren wir aufgestellt“, erinnert sich Krapf. In den ersten vier Wochen ab Bekanntwerden der rechten Pläne hatte sich der Gemeinderat und Vermessungsingenieur in seiner Freizeit um nichts anderes gekümmert, als um die Bewegung „Stammheim ist bunt.“ Infoveranstaltungen besetzen, Organisationsstrukturen aufbauen, unzählige Gespräche mit besorgten Bürgern führen, mit Vereinsvertretern und der Politik. „Wir wollten aus etwas Negativem etwas Positives herausholen“, beschreibt Völk ein Ziel.

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen. Der Ort ist enger zusammengerückt, die Menschen in Stammheim verbindet ein gemeinsames Ziel. Und dafür tun sie einiges: Die Feuerwehrjugend hat 30 Banner gefertigt und auf Wunsch frei Haus geliefert, bei einer ökumenischen Andacht für Weltoffenheit und Toleranz Ende Mai sind rund 1000 Menschen in Stammheim auf die Straße gegangen, zirka 130 T-Shirts gegen Rechts wurden seither verkauft, Ende Juni blies die Musikkapelle den Rechten den Marsch.

Der letzte Coup: Vor dem Weinfest hatte der örtliche Winzerverein angekündigt, dass ein Teil des Erlöses an die Organisation „Exit Deutschland“ geht. Die unterstützt Rechtsradikale, die sich aus der Szene lösen wollen. „Es war alles ruhig beim Fest“, freut sich Völk. „Diese Idee hat die Rechten abgehalten, zu kommen.“

Rund 15 aktive Unterstützer bilden den Kern des Organisationsteams von „Stammheim ist bunt“. Jeden Mittwochabend treffen sich im Sportverein 60 bis 70 Personen, um über die neuesten Entwicklungen zu beratschlagen. „Jeder ist willkommen“, betont Krapf. er.

„Wo kein Widerstand ist, da fühlen sich diese Leute eingeladen.“
Gerhard Völk „Stammheim ist bunt“

Arbeitsgruppen haben sich gebildet, die Stammheimer erfahren Hilfe von außen: Die Karlstädter Schulkinder haben 80 Plakate gegen die rechte Szene gemalt und nach Stammheim gefahren, der Eine-Welt-Laden in Volkach hat Banner gefertigt und die lokale Gewerkschafts- und Politikprominenz war bei den Kundgebungen im Mai und Juni mit dabei. „Uns ist jede Hilfe willkommen“, sagt Völk. Von der 85-Jährigen, die beim Weinfest 20 Euro in die Spendenkasse wirft, über die 80-Jährige, die eine Kiste Kirschen für die Helfer vorbeibringt, bis hin zu den Hausbesitzern, die Plakate und Banner an ihren Hoftoren anbringen, gibt es viele Beispiele für das Engagement der Stammheimer.

Ein großer und viel beachteter Widerstand im Ort und eine juristische Erfolgsmeldung aus dem Verwaltungsgericht vor ein paar Wochen: Das Landratsamt Schweinfurt darf den Rechtsextremen die Nutzung des leerstehenden Gasthauses untersagen.

Ist der Kampf damit nicht gewonnen? Können die Stammheimer nicht einfach aufatmen und sich wieder dem geruhsamen Alltag widmen? Krapf schüttelt den Kopf. „Wir bleiben in Habachtstellung“, sagt er. Noch kann ein Bauantrag gestellt und genehmigt werden, noch ist eine Landesparteizentrale der Rechten in Stammheim nicht endgültig vom Tisch.

Negative Beispiele wie Gräfenberg zeigen Völk und Krapf, dass sie nicht locker lassen dürfen. „Dort hat man lange nichts unternommen und auf einmal waren an 50 Wochenenden im Jahr 1500 Neonazis im Ort“, sagt Völk. Die Erfahrung lehrt: „Wo kein Widerstand ist, da fühlen sich diese Leute eingeladen.“ Diese Gefühle sollen in Stammheim erst gar nicht aufkommen.

Und so wird weiter geplant: Ab dem 18. Oktober ist eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Nationalsozialismus in Stammheim zu sehen, für Mitte November ist eine Vorführung des Dokumentarfilms „Die Arier“ geplant. Regisseurin Mo Asumang ist bereits eingeladen.

„Wir wollen nicht nur reagieren, sondern selbst aktiv werden“, umschreibt Krapf die Zielsetzung. Diese Empfehlung haben die Verantwortlichen des Organisationsteams von anderen Gemeinden erhalten, in denen die Rechten ebenfalls versucht hatten, sesshaft zu werden.

Gerhard Völk und Burkard Krapf werden auch in Zukunft nicht locker lassen. Motivation haben sie genug: „Ich will, dass sich meine Kinder hier frei bewegen können und weiter leben wollen“, sagt Völk, und Krapf ergänzt: „Der gute Ruf von Stammheim wäre kaputt, wenn die Rechten hier einziehen. Das dürfen wir nicht zulassen.“

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