KITZINGEN

Das „beste Stück“ entblößt: Wie man mit Exhibitionisten umgeht

Sarah L. (Name von der Redaktion geändert) ist kein kleines Kind mehr, zum Glück. Die 22-jährige Studentin aus dem Landkreis Kitzingen sagt: „Ich habe im liberalen Europa schon einiges erlebt.“ Auf die Szene, die sich ihr und einer Freundin am Freitagnachmittag am Ufer des Mains bot, hätte sie jedoch gut und gern verzichtet.
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Schaut her: Ein Exhibitionist hat den zwanghaften Trieb, sein vermeintlich bestes Stück herzuzeigen – wie dieses nachgestellte Bild demonstrieren soll – oder öffentlich zu onanieren. Foto: Archiv-Foto: Ivo Knahn
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Sarah L. (Name von der Redaktion geändert) ist kein kleines Kind mehr, zum Glück. Die 22-jährige Studentin aus dem Landkreis Kitzingen sagt: „Ich habe im liberalen Europa schon einiges erlebt.“ Auf die Szene, die sich ihr und einer Freundin am Freitagnachmittag am Ufer des Mains bot, hätte sie jedoch gut und gern verzichtet.

„Wir hatten uns gegen 15 Uhr in Etwashausen getroffen und es uns auf einer der weißen Liegebänke am ehemaligen Gartenschau-Gelände gemütlich gemacht. Nach kurzer Zeit hat sich ein Herr, sportlich gekleidet, wortlos zu uns gesetzt“, erzählt Sarah. „Wir haben weiter gequatscht und ihn erst mal gar nicht groß beachtet.“

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkten sie aber, dass er sich die Schuhe auszog – „obwohl es gar nicht so warm war“ –, und seine Beine, die in kurzen Hosen steckten, auf der Liege ausstreckte. „Er hat ein Buch auf seinen Schoß gelegt beziehungsweise in den Schritt. Mir kam das seltsam vor, weil er in der Position kaum lesen konnte“, erinnert sich Sarah.

„Mitten in Kitzingen rechnet man damit nicht!“
Sarah L., Studentin

Die Studentin und ihre 19-jährige Freundin unterhielten sich weiter. „Irgendwann – bestimmt war insgesamt schon eine halbe, dreiviertel Stunde vergangen – hat mein Blick den Typen gestreift. Er hatte seine Hose geöffnet, seinen Penis komplett ausgepackt und holte sich gerade einen runter.“

Sarah war geschockt. Ekel und Angst machten sich breit. „Es war eine völlig krasse, total unangenehme Situation. Ich wusste im Moment nicht, was ich tun sollte.“ Da sie nicht sprechen konnte oder wollte, schickte sie ihrer Freundin eine Handy-Nachricht: „Lass uns sofort aufstehen!“

Die Freundin erfasste die Lage rasch. Gemeinsam liefen die beiden jungen Frauen zum Parkplatz. „Wir hatten Schiss, dass er uns verfolgt.“ Doch das tat der Exhibitionist nicht. „Während wir über die Alte Mainbrücke gelaufen sind, haben wir beobachtet, wie er hinter einem Busch verschwand, dann sein Fahrrad nahm und sich in Richtung Schwimmbad davonmachte.“

Die Freundinnen waren nicht die einzigen, die in den vergangenen Wochen und Monaten im Kreis Kitzingen einem „Exer“ begegneten. Mitte Juli entblößte sich wohl derselbe Mann schon einmal in Etwashausen – damals vor einer Gruppe von Schülerinnen des Kitzinger Gymnasiums. Erwachsene Frauen bekamen am Sickershäuser Wiesenweg (zwischen E-Center und dem Ortsrand von Sickershausen) am 21. März und am 9. Mai ungewollt das vermeintlich beste Stück eines Mannes zu sehen.

Die Polizei vermutet, dass diese vier Vorfälle zwei Männern zuzuordnen sind. Während diese noch nicht gefasst sind, wurden zwei weitere dingfest gemacht: Einer war zwei Frauen auf einem Radweg bei Sulzfeld gegenübergetreten, ein anderer hatte in Wiesentheid, ebenfalls vor den Augen einer Frau, onaniert.

Warum sich derartige Vorfälle heuer häufen? Zufall, vermutet Polizeihauptkommissar Helmut Dürr, der sich bei der Polizeiinspektion Kitzingen mit der Thematik befasst. Er möchte alle Frauen gleichzeitig beruhigen und sensibilisieren: „Exhibitionisten, die tagsüber in aller Öffentlichkeit auftreten, sind normalerweise nicht gewalttätig. Zeugen sollten ganz schnell die 110 wählen!“

Exhibitionismus ist verboten. „Vor Kindern ist Exhibitionismus sogar ein Offizialdelikt, das auf jeden Fall verfolgt wird und mit Haft- oder Geldstrafe geahndet wird“, berichtet Dürr.

Studentin Sarah hatte sich darüber natürlich nie Gedanken gemacht. „Wir haben erst gar nicht gewusst, was man in einem solchen Fall tut. Den Notruf wählen? Uns war das ja auch irgendwie peinlich.“ Um andere Menschen vor ähnlichen Erlebnissen zu schützen, entschlossen sich die beiden dann aber, den Vorfall der Polizei zu melden.

Dort trafen sie auf Beamte, die sie für ihren Mut lobten und sofort Streifenpolizisten Richtung Tatort schickten. Doch leider war mit rund 30 Minuten schon zu viel Zeit vergangen; der „Exer“ war verschwunden. „Es kann gut sein, dass er gar kein Kitzinger ist, sondern dass er irgendwo außerhalb wohnt und mit dem Rad herfährt“, sagt Hauptkommissar Dürr. „Leider melden sich viele Frauen erst spät bei der Polizei. Das macht es natürlich schwerer, den Täter zu fassen.“

Scham und Ekel zum Trotz: Dürr appelliert an alle Passanten und Beobachter, im Fall des Falles nicht zu zögern, sondern sofort die 110 anzurufen. Außerdem ist es sehr hilfreich, sich das Gesicht und körperliche Merkmale des „Exers“ gut einzuprägen, um den Mann später eindeutig identifizieren zu können. Denn da sieht Dürr ein großes Problem: „Die Beschreibung ist oft mangelhaft.“

Da heutzutage viele Menschen ein Smartphone mit sich herumtragen, rät Dürr zudem, wenn möglich ein Foto zu machen. „Das ist das beste Beweisstück.“ Studentin Sarah hat überhaupt nicht daran gedacht, dass sie ein Foto machen könnte, sie war zu perplex: „Man fasst es nicht, dass es so was mitten in Kitzingen gibt, und auch noch mitten am Tag.“ Am Bleichwasen befanden sich jede Menge Menschen, viele Kinder, Spaziergänger, Radfahrer. Doch das hat den „Exer“ offenbar nicht gestört, im Gegenteil. „Ein Vater ist mit einem Kinderwagen am Main entlanggelaufen, als der Typ gerade sein Glied bearbeitete. Da hat er schnell seine Windjacke drübergezogen. Aber schon zwei Sekunden später, als der Vater ein paar Schritte weiter weg war, hat er seine Hand wieder in den Schritt gesteckt.“

Sarah ist froh, dass sie dem Exhibitionisten nicht allein begegnete. „Zum Glück waren wir zu zweit. Ich weiß nicht, wie ich allein reagiert hätte.“ Auf jeden Fall sei man mit einer derartigen Situation erst einmal überfordert. „Deshalb möchten wir jedem, der so etwas erlebt oder aus der Ferne beobachtet, Mut machen: Schämt Euch nicht, Ihr könnt schließlich nichts für den Trieb solcher Männer. Wendet Euch sofort an die Polizei!“

Das kann Helmut Dürr nur bestätigen. Anrufen, ein Foto machen, durch Rufe andere Passanten aufmerksam machen – all das rät er den Menschen, die einem „Exer“ begegnen. Seit solche Typen im Landkreis Kitzingen verstärkt auftreten, hat die Polizei ihren Streifendienst verstärkt. „Helft uns“, wendet sich Helmut Dürr an die Bevölkerung, „dann fassen wir die Täter auch!“

Beschreibung: Der „Exer“, der am Freitag, 4. September, auf dem Bleichwasen in Kitzingen-Etwashausen auftrat, wird als Mann zwischen 50 und Ende 60 beschrieben. Er war mit einem Fahrrad unterwegs, trug eine Windjacke und eine Fahrradhose, hatte dünne Beine und war leicht gebräunt. Hinweise an die Polizei Kitzingen, Tel. (0 93 21) 14 10.

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