Wertheim am Main
Perspektivenwechsel

Weshalb ein Haus in Wertheim auf dem Kopf steht

Wer "Familie Toppels" besucht, kann die Schwerkraft überlisten. Zumindest ein bisschen.
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Schön festhalten: Burkhard Scheck und Andreas Haken vor ihrem "Haus über Kopf".  Fotos: Diana Fuchs
Schön festhalten: Burkhard Scheck und Andreas Haken vor ihrem "Haus über Kopf". Fotos: Diana Fuchs
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Pippi Langstrumpf hat es uns vorgemacht. Mit Hilfe von "Konrads Spezialkleber", den sie großzügig an den Schuhsohlen verteilte, konnten Pippi und ihre Freunde an der Zimmerdecke tanzen. Toll! Wer das schon immer nachmachen wollte, aber leider nicht auf den zähen, grünen Klebeschleim zurückgreifen konnte, für den gibt es jetzt in Wertheim eine Alternative: das Toppels-Haus. Dort steht die gesamte Welt Kopf.

Die Autofahrer auf der A3 zwischen Würzburg und Aschaffenburg reiben sich die Augen: Hat nebenan ein Orkan gewütet? Oder ist die Schwerkraft ausgefallen? Nichts dergleichen: Im Gewerbegebiet "Almosenberg", nicht weit entfernt vom Factory-Outlet-Dorf "Wertheim Village", balanciert ein Einfamilienhaus auf dem Dach, und zwar mit voller Absicht.

Bauherren sind der waschechte Ostfriese Andreas Haken (31) und Burkhard Scheck aus Hamburg (35). Die beiden sind seit einigen Jahren Geschäftspartner und Immobilienentwickler. Nun haben sie ihr mit Abstand verrücktestes Projekt verwirklicht.

"Wir haben in Norddeutschland ein ähnliches Haus besucht und waren von der Idee, die dahinter steckt, begeistert", erzählt Andreas Haken, der schon als Kind immer gern Wände hochlaufen und die Schwerkraft aushebeln wollte. "Wir wollten es noch besser machen." Die beiden Freunde und Kollegen suchten in ganz Deutschland nach dem idealen Standort. An einer der meistbefahrenen Autobahnen entdeckten sie ein weithin sichtbares Areal, kauften es und begannen vor sieben Monaten, ihre skurrile Idee in die Tat umzusetzen.

Zunächst entstand ein ganz normales Haus mit zwei Geschossen und einem Satteldach. Dann kamen zwei riesige Kräne - und viele Schaulustige. "Sturzfest" war angesagt. Das Haus schwebte kurzzeitig in der Luft, dann drehten die Kranführer es um genau 174 Grad und setzten es auf drei Punktfundamenten ab.

Von nun an ging es darum, das Eigenheim familientypisch einzurichten. Dafür dachten sich Scheck und Haken erst einmal aus, wer überhaupt hier wohnen soll: nämlich eine imaginäre Familie Toppels. Den Namen Toppels wählten Andreas und Burkhard, weil Top im Englischen auch Dach bedeutet und weil ein Besuch bei der Familie im wahrsten Sinn des Wortes ein Top-Erlebnis werden soll. "Vater Paul Toppels stellen wir uns als verrückten Tüftler vor, der immer wieder neue Sachen erfindet", erzählt Andreas Haken und deutet dabei auf die Schrauber-Utensilien in der Garage. "Mutter Tina Toppels liebt es zu backen und leckeren Kaffee für ihre Gäste zuzubereiten." Tochter Klara sei dagegen richtig "krawallgebürstet" und fahre am liebsten Skateboard - wenn sie nicht gerade auf ihrem Schlagzeug herumhämmert, dem Mittelpunkt ihres Zimmers. Toni Toppels, ihr Bruder, "mag am liebsten basteln - insbesondere am Auto". Letzteres steht - äh: hängt - gleich neben dem Haus in der Garage.

"Wir hatten schon während der Bauzeit eine Menge Spaß", stellt Andreas Haken fest. Für ihn, den leibhaftigen Tüftler, ist die Baustelle in den vergangenen Monaten quasi zur zweiten Heimat geworden. "Ich habe in einem Wohnwagen direkt neben dem Haus geschlafen", erzählt der Ostfriese.

Ob ihm denn bei den Montage-Arbeiten nie mal ein Stuhl, ein Tisch oder Bett auf den Kopf gefallen ist? Andreas schüttelt den Kopf: "Höchstens mal ein Schräubchen." Für das Toppels-Haus sind magnetische "Geheimdübel" zum Einsatz gekommen. Tatsächlich ist nirgends zu sehen, wie die ganzen Gegenstände an der Decke halten. "Die Besucher sollen sich ja auch ein bisschen wundern."

Und das tun sie. Wer über die Stahltreppe ins Untergeschoss gelangt, der stellt sich erst mal Fragen wie: Schwanke ich? Ist mein Gleichgewichtssinn defekt? Weil das Haus nicht senkrecht steht, sondern um sechs Grad in der Längs- und Querachse geneigt ist, entsteht eine Art "Schiffseffekt". Wie auf hoher See hat man das Gefühl, seinen Beinen nicht immer hundertprozentig trauen zu können.

Die leichte Neigung des Hauses soll zusätzlich dazu beitragen, dass die Besucher wirklich neue Perspektiven erleben. Ist die erste Unsicherheit verflogen, begeben sich die meisten gleich auf die Jagd nach den schönsten Fotomotiven. Denn natürlich lassen sich in einem Haus, in dem Bett und Fahrrad an der Decke hängen, besonders coole Bilder machen. Überall wird also geknipst und gelacht, im Mädchen- und Bubenzimmer genauso wie im Bad, in der Küche oder im Schlafraum.

Später, im eigenen Zuhause, in dem die Schwerkraft einwandfrei funktioniert, werden die Fotos dann um 180 Grad gedreht. Der Effekt ist famos. Und das Gelächter so ausgelassen wie damals bei Pippi Langstrumpf, als "Konrads Spezialkleber" einen Ausflug an die Decke ermöglichte.

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