KITZINGEN

Das Gesundheitswesen ist überreguliert

Zehn Jahre wird sie dauern, die Generalsanierung der Klinik Kitzinger Land. Wie läuft der Umbau? Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Fragen an Vorstand Thilo Penzhorn.
Artikel drucken Artikel einbetten
So ging alles los: Ende März 2015 rollten die Bagger, die Generalsanierung Klinik Kitzinger Land konnte starten.
+1 Bild

Zehn Jahre wird sie dauern, die Generalsanierung der Klinik Kitzinger Land. Derzeit läuft noch der erste Bauabschnitt. Wie läuft der Umbau? Und wie sieht es mit der Finanzierung aus? Fragen an Klinik-Vorstand Thilo Penzhorn.

Frage: 600 Notfallambulanzen sollen in Deutschland geschlossen werden – was sagen Sie dazu?

Thilo Penzhorn: Schlecht! Gerade das erste Quartal 2018 mit der Grippewelle hat gezeigt wie wichtig es ist, ausreichend medizinische Infrastruktur zu haben. Es wurde deutlich, dass die vorhandene Struktur nicht ausgereicht hat, um das Grippeproblem zu beherrschen. Wenn davon noch etwas reduziert werden soll, sehe ich große Probleme, wenn die nächste größere Krankheitswelle kommt, dann wird es noch größere Versorgungslücken geben.

Notfallversorgung

Besteht hier eine Gefahr für Kitzingen?

Penzhorn: Das ist im Moment schwer zu sagen. Die Notfallversorgung soll kategorisiert werden. An jede Notfallversorgungsstufe werden Infrastrukturkriterien geknüpft. Wenn das konkret feststeht, kann man diese Frage beantworten.

Stichwort Generalsanierung: Was macht der Baufortschritt?

Penzhorn: Wir befinden uns im Bauabschnitt 1 b. Bauabschnitt 1 a wurde mit der Fertigstellung des Neubaus Ost im vergangenen Jahr beendet. 1 b beinhaltet Sanierungen im Bestandsgebäude. Dazu zählen die Zentrale Aufnahme, die Physiotherapie, der Eingangsbereich und die Zentralsterilisation.

Zeitplan

Ist alles im Zeitplan?

Penzhorn: Fast. Wir haben einen Verzug zwischen sechs bis acht Wochen. Wir gehen aber davon aus, dass wir den Bauabschnitt 1 b Ende des Jahres abgeschlossen haben.

Wie viel Geld wurde bisher verbaut?

Penzhorn: 21,5 Millionen Euro.

Wie sieht der weitere Umbau-Zeitplan aus?

Penzhorn: Das hängt von der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts ab. Der zweite Abschnitt ist genehmigt und hat den Schwerpunkt der Sanierung und des Umbaus von allen OP-Räumen, Intensivstation, Kreißsaal, Röntgen und Funktionen.

Termin für das Bauende?

Wann soll die Sanierung beendet sein? Gibt es schon ein Bauende-Datum?

Penzhorn: Ein Fest-Datum gibt es nicht. Die Fertigstellung hängt auch von der weiteren Förderung für den dritten Bauabschnitt ab.

Gibt es unerwartete Probleme?

Penzhorn: Es gab eins beim Rückbau, da war die Betonestrichschicht erheblich dicker als vermutet, das hat die Rückbauarbeiten um die erwähnten sechs bis acht Wochen verlängert.

Ab wann sind die Eigenmittel für die Generalsanierung aufgebraucht?

Penzhorn: Am Ende des ersten Bauabschnitts.

Finanzierungskonzept

Was passiert dann?

Penzhorn: Wir erarbeiten derzeit ein Finanzierungskonzept und stimmen uns diesbezüglich mit dem Landkreis ab.

Von welchen Summen reden wir alles in allem?

Penzhorn: Wir rechnen derzeit mit einer Gesamtsumme von 90 bis 95 Millionen Euro. Die rasanten Baukostensteigerungen der letzten Zeit erschweren eine genauere Prognose.

Der Kreistag hat sich ja bei der jüngsten Haushaltsberatung einmütig über alle Parteigrenzen hinweg für die finanzielle Unterstützung ausgesprochen – wie sehr hat sie das gefreut?

Penzhorn: Extrem! Es ist schön zu wissen, dass es fester politischer Wille im Landkreis Kitzingen ist, an einem kommunal getragenen Krankenhaus festzuhalten – und zwar fraktionsübergreifend. Und auch nicht nur in politischen Sonntagsreden, sondern mit konkreter finanzieller Unterstützung – toll!

Forderungen an die Politik

Ihre Forderung an die „große“ Politik: Was muss passieren, damit Kliniken wie die Kitzinger überleben können?

Penzhorn: Die Finanzierung muss den Anforderungen, die die Politik an die Kliniken stellt, gerecht werden. Es kann nicht sein, dass wir jedes Jahr eine Flut neuer Gesetze und Verordnungen beachten und einhalten müssen und das nicht refinanziert bekommen. Es kann nicht sein, dass unsere Personalkosten um beispielsweise 3,5 Prozent steigen und unsere Einnahmen nur um – auch beispielsweise – zwei Prozent. Diese Schere geht seit über 20 Jahren auseinander. Mit der Folge, dass den Kliniken keine andere Wahl bleibt als den Mitarbeitern weniger Geld zu zahlen und oder weniger Personal zu beschäftigen. Die Folgen nimmt nun auch die große Politik zur Kenntnis – es fehlen mindestens 35 000 Pflegekräfte in Deutschland. Mit einer anderen Finanzierung der Kliniken wäre dieser Mangel möglicherweise erst gar nicht entstanden.

Sorgen und Nöte

Was bereitet Ihnen gerade am meisten Sorge?

Penzhorn: Die Ungewissheit des politischen Handelns in Berlin und die Reglementierungen im Gesundheitswesen. Wir haben ein extrem stark reglementiertes und hoch bürokratisches Abrechnungssystem, dass nur die erbrachten Leistungen honoriert. Die Regeln für dieses fallbezogene Abrechnungssystem ändern sich jedes Jahr. Die infrastrukturellen und personellen Vorhaltungen, die jede Klinik haben muss, um an 365 Tagen rund um die Uhr arbeiten zu können, werden damit nicht adäquat vergütet. Das Gesundheitswesen ist meiner Meinung nach überreguliert und deshalb kaum noch zu durchschauen. Diese Gemengelage behindert notwendige Innovationen. Die Verzahnung zwischen ambulant und stationär zum Beispiel oder auch Zusammenarbeit von Kliniken/Arztpraxen über die Kreisgrenzen hinweg unterliegt einer kaum überschaubaren Menge von Regulierungen.

Und umgekehrt: Was macht am meisten Freude?

Penzhorn: Trotz der geschilderten Probleme Lösungen zu finden, die dann idealerweise auch noch funktionieren.

Zur Person

Thilo Penzhorn ist seit 1. November 2012 Vorstand der Klinik Kitzinger Land. Mit damals 50 Jahren trat er die Nachfolge von Klaus Rihm an. Der diplomierte Betriebswirt Penzhorn war zuvor zehn Jahre lang Geschäftsführer des Klinikums Fränkische Schweiz in Ebermannstadt. Die zehn Jahre dauernde Sanierung der Klinik ist eine der Hauptaufgaben und wohl auch größte Herausforderung für Thilo Penzhorn. (fw)
Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.