IPHOFEN

Das Drückende abwerfen

„Wer fängt an?“ Gleich mehrerer Kinder heben die Hand. Ein Junge ist der schnellste, er läuft die Stufen hinauf in einen anderen Raum. Von Aufregung und Angst keine Spur bei den Drittklässlern, obwohl sie etwas erleben, was vielen Erwachsenen als eher belastend in Erinnerung ist: Die erste Beichte. Sie gehört zur Vorbereitung auf die Heilige Erstkommunion. Heute spricht man von der Feier der Versöhnung. Worte, die besser ausdrücken, worum es dabei geht.
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„Schuld wird man los, indem man sie annimmt“, sagt Pfarrer Hans Reeg. Aber es falle den Menschen zunehmend schwerer, sich infrage zu stellen. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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„Wer fängt an?“ Gleich mehrerer Kinder heben die Hand. Ein Junge ist der schnellste, er läuft die Stufen hinauf in einen anderen Raum. Von Aufregung und Angst keine Spur bei den Drittklässlern, obwohl sie etwas erleben, was vielen Erwachsenen als eher belastend in Erinnerung ist: Die erste Beichte. Sie gehört zur Vorbereitung auf die Heilige Erstkommunion. Heute spricht man von der Feier der Versöhnung. Worte, die besser ausdrücken, worum es dabei geht.

Warten in der halbdunklen Kirche, mit klopfendem Herzen hinein in den engen Beichtstuhl. Dem hinter einem Gitter kaum zu sehenden Pfarrer auf Knien die Sünden vortragen, vielleicht gar vorlesen vom Spickzettel, den man sich vorher geschrieben hat, um ja nichts zu vergessen. Fast flüsternd, damit draußen nur ja keiner hört, was man Schlimmes angestellt hat.

Obwohl, was ist eigentlich schlimm, was sind eigentlich Sünden, die man beichten muss? Die Beichte in der Kindheit und Jugend, sie war für viele früher verbunden mit Unsicherheit und Angst.

Heute gehen viele Gemeinden ganz anders mit dem Thema um. Die erste Feier der Versöhnung, sie ist etwas Besonderes, sie ist ein Fest. Der Iphöfer Pfarrer Hans Reeg begleitet die Kinder aus Iphofen und den Stadtteilen, aus Markt Einersheim und aus Willanzheim auf dem Weg zur Kommunion. Unterstützt wird er dabei von Diakon Peter Walther.

Auch Reegs Erinnerung an seine eigene erste Beichte ist keine schöne. „Der Pfarrer war streng, teilweise sogar aggressiv.“ Die Beichte sei ihm schwer gefallen, erzählt er, „ich hatte Angst“. Trotzdem ist Reeg Pfarrer geworden, und vielleicht liegt ihm deshalb so sehr am Herzen, dass die erste Beichte den Kindern positiv in Erinnerung bleibt. Dass sie vor allem eines mitnehmen: „dass Gott einer ist, zu dem ich immer kommen kann und der mir immer verzeiht.“

Schon im Religionsunterricht führt der Pfarrer die Kinder an das Thema Versöhnung heran, verschiedene Beispiele von Jesusgeschichten dienen als Basis. Am Tag der Erstbeichte treffen sich die Kinder und ihre Eltern dann mit dem Pfarrer und dem Diakon – nicht in der Kirche, sondern im Pfarrzentrum oder Gemeindehaus.

In einigen Sätzen stimmt Reeg auf das Thema ein, regt mit kurzen Fragen zum Nachdenken an. Dann geht einer nach dem anderen zum Gespräch mit dem Pfarrer. Kein einziges Kind zögert, man merkt ihnen an, dass sie die Situation nicht als belastend empfinden. Die wartenden Kinder malen, unterhalten sich, lachen.

Das Gespräch mit dem Pfarrer findet bewusst nicht im Beichtstuhl statt, sondern in einem extra Raum an einem Tisch, auf dem ein Kreuz, eine Kerze und ein kleiner Blumenstock stehen. „Der Charakter einer Feier ist so im Beichtstuhl nicht möglich“, erklärt Hans Reeg. Passend zum besonderen Rahmen gibt es nach dem Beichtgespräch ein Fest mit einem kleinen Buffet, das die Eltern zusammenstellen. Man feiert gemeinsam.

„Schuld und Sünde sind keine Lieblingsthemen.“
Hans Reeg Pfarrer in Iphofen

Doch was wird überhaupt gebeichtet, was ist eine Sünde? „Eine Sünde ist ein Verstoß gegen das von Gott Gewollte“, erklärt Hans Reeg. Für die Kinder drückt er es anders aus. Eine Sünde ist, absichtlich lieblos zu sein, erklärt er ihnen. „Die Kinder haben ein relativ gut ausgeprägtes Bewusstsein dafür, was gut und was böse ist, was sein sollte und wo sie zurückbleiben hinter diesem Anspruch“, so Reegs Beobachtung.

Es geht bei der Versöhnung nicht nur darum, sich darüber klar zu werden, was man nicht richtig gemacht hat, sondern auch um die Umkehr, um den Neuanfang. Als Buße zehn Vaterunser zu beten ist für den Pfarrer nicht der richtige Ansatz. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen überlässt er dem Einzelnen, in welchem Bereich er diesen Neuanfang bewusst setzen will, was für ihn das Zeichen sein könnte für die Bereitschaft umzukehren. „Bestimmt hast du eine Idee, was du künftig besser machen willst“, ermuntert er die Kinder.

Bei der Beichte geht es für Reeg keinesfalls darum, jemanden zu hinterfragen oder gar über jemanden zu urteilen. Und er will den Menschen Gott auch nicht als Bilanzbuchhalter nahe bringen. Früher sei es manchmal vorgekommen, dass die Leute zurückgekommen sind in den Beichtstuhl, weil sie etwas vergessen hatten. Doch der Pfarrer stellt klar, dass Vollständigkeit nicht das Wichtigste ist.

In der Regel findet die Beichte auch heute noch im Beichtstuhl statt, aber auch in Iphofen gibt es die Möglichkeit zu einem Beichtgespräch. Treffpunkt ist dann das Pfarrhaus, da in der Kirche die räumlichen Voraussetzungen fehlen. In vielen Gotteshäusern gibt es aber inzwischen ein Beichtzimmer.

Es gibt verschiedene Formen der Umkehr. „Die Einzelbeichte ist die dichteste Form“, sagt Reeg. Sie sei vielleicht etwas unattraktiv geworden, „aber die Beichte ist nicht im Keller“. Gezeigt hat sich das erst jetzt wieder, als vor Ostern ein auswärtiger Pfarrer in Iphofen war, um die Beichte entgegenzunehmen. Diese Tradition gibt es schon seit Jahren mehrmals im Jahr und auch diesmal haben wieder viele Gläubige diese Möglichkeit genutzt.

Sehr viel Zuspruch erfahren auch die Bußgottesdienste, „da ist die Kirche voll“. Schwerpunkt der Gottesdienste ist die Gewissenserforschung, gemeinsam wird das Schuldbekenntnis gesprochen. Auch hier geschieht Vergebung der Sünden, wenn die Teilnehmer ihre Sünden aufrichtig bereuen und wirklich umkehren. Die eigentliche Lossprechung ist aber, anders als bei den evangelischen Christen, der Beichte vorbehalten.

„Schuld und Sünde sind keine Lieblingsthemen“, sagt der Iphöfer Stadtpfarrer ganz deutlich. Aber in Versöhnung zu leben, sei wichtig für die Gemeinschaft – zum Beispiel auch in der Familie. Reeg bezeichnet die Feier der Versöhnung, die Beichte, als Möglichkeit, „das Drückende abzuwerfen“. Es sei eine allgemeine Lebenserfahrung, dass es den Menschen besser geht, wenn sie sich ausgesprochen haben. „Das Aussprechen der Schuld vor einem Geistlichen ist heilsam und gut aus psychologischer Sicht.“

Zu bereuen und etwas zur Wiedergutmachung zu tun, führe zu einem gesunderen Selbstbewusstsein. Reeg spricht von einer Wechselwirkung: „Menschen, die die Versöhnung mit Gott erleben, sind wieder in der Lage, sich selbst zu verzeihen und sich anzunehmen.“

Einmal im Jahr zu beichten, das war früher Kirchengesetz. Eine Vorschrift, die Hans Reeg nicht mehr so eng sieht. Was allerdings nicht heißt. dass ihm das Thema nicht wichtig ist: „Die Versöhnung ist eine lebenslange Aufgabe.“

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