Stadtschwarzach

Das Dorf der Zukunft

Ralf Otterpohl ist Zukunftsforscher. Im Interview erklärt er, wie er sich die Dörfer der Zukunft vorstellt und warum sie die zunehmende Landflucht verhindern könnten.
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Ralf Otterpohl macht sich Gedanken, wie das Dorf der Zukunft aussehen könnte.

Ralf Otterpohl, Leiter des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität Hamburg, hielt diese Woche auf Einladung der Schwarzacher Ökokiste in der Arche Stadtschwarzach einen Vortrag darüber, wie eines Tages unsere Dörfer aussehen könnten. Dazu Fragen an den Zukunftsforscher.

Was stört Sie an den bestehenden Dörfern?

Ralf Otterpohl: Es ärgert mich der Verfall von guten Gebäuden in schönen Gegenden, wo massive Landflucht herrscht. Dabei fehlen dann schnell Schulen, dann sind die jungen Leute weg und es läuft nicht weiter. Immer größere Maschinen übernehmen das Land, der Humusaufbau und die Wasserregeneration werden immer schwieriger. Pestizide wehen in Privatgärten, Mineraldünger verseucht das Grundwasser mit Uran. Besonders in Süddeutschland gibt es sehr viele 'Schlafdörfer', wo viele Menschen sehr weit pendeln und nicht wirklich da sind.

Welchen Vorteil hat das 'neue' Dorf?

Otterpohl: Das neue Dorf ist eher eine neue Art Bauernhof. Es soll sich da nicht eine Familie von früh bis spät abarbeiten, sondern 100 Familien jeweils im Teilerwerb hochwertigen Gemüsebau, ökologische Tierhaltung, Esskastanien-Mischkulturen und sehr vieles mehr machen. Dazu kommen dann Kleinbetriebe, die Weiterverarbeitung aber auch viele andere Produkte erzeugen. Wenn es dann zwischen 150 und 300 Menschen gibt, entsteht auch Bedarf an Dienstleistung. Wer mag, kann zwei bis drei Beschäftigungen kombinieren. Körperliche Arbeit und Büro ergänzen sich. Die Lokalwirtschaft versorgt die Stadt in der Nähe mit und baut dabei Humus auf, sorgt damit für ausgeglichenes Klima. In meinem Buch 'Das Neue Dorf' habe ich sehr viele Aspekte zusammengetragen, dabei sind erstaunlicherweise etwa 25 Seiten mit einer großen Zahl an lokalen Produktionsmöglichkeiten mit Kleinbetrieben herausgekommen.

Wie kommen wir da hin?

Otterpohl: Aktuell gibt es viele Flächen, wo engagierte Anpacker sofort einsteigen können. Wir vernetzen mit unserer Seite 'Gartenring.org'. Da den Menschen das Anpacken, handwerkliche Arbeit, basteln und konstruieren abgewöhnt wurden, braucht es interessierte Menschen beim lernen und lehren. Schulen sollten generell Gartenbau anbieten.

Gibt es schon das perfekte Öko-Dorf?

Otterpohl: Perfekt muss es nicht werden, aber es gibt eine überwältigende Zahl großartiger Ansätze. Wenn man aus 100 Möglichkeiten 20 wirklich ins Laufen bringt, wird es schon gehen. Bestehende Öko-Dörfer haben schon viele Impulse gegeben, sind aber oft schwach in lokaler Produktion. Aus meiner Sicht sind 150 Leute ein Minimum, damit es genug Kinder gibt, damit häusliche Altenpflege und ein interessantes kulturelles Leben entstehen können.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Vorschläge?

Otterpohl: Meist überwältigend positiv! Es gibt aber doch Erklärungsbedarf, deshalb halte ich viele Vorträge. Die treffendste Kritik ist die, dass es gar nicht genug Leute gibt, die so leben wollen. Da es noch wenige Beispiele gibt, können sich da viele noch kein richtiges Bild machen. Da jetzt etliche Projekte entstehen, wird sich das ändern. Anpacker mit Eigeninitiative sind leider eher selten in der Konsumentenwelt.

Wenn alles so weiterläuft wie bisher, bleibt den Menschen nicht mehr viel Zeit – wie kommen Sie darauf?

Otterpohl: Die fruchtbaren Böden der Welt werden unfassbar schnell zerstört. Abholzung, falsche Beweidung und im ganz großen Maßstab die agrochemische Landwirtschaft verbrauchen und zerstören den Humus und das Bodenleben. Tote Böden bedeuten Steppen- und Wüstenbildung. Die agrochemischen Belastungen in Wasser und Nahrung untergräbt die Gesundheit der Menschen auf vielfältige, wissenschaftlich klar belegte Weise. Die Insekten verschwinden, die Vögel folgen und dann wäre der Mensch dran. Die Bodenzerstörung fördert massiv den Klimawandel und die Migration – im Mittel werden für die nächsten Jahre etwa 200 Millionen weitere Umweltmigranten erwartet. Daraus folgen Konflikte, vielleicht sogar Kriege. Es macht mich fassungslos, dass es so viele großartige und erprobte Ansätze gibt, diese aber kaum angewendet werden. So sollten wir als Menschen lokal und umfassend handeln. Nur unmündige Kinder warten, dass Mama oder Papa alles regeln.

Wenn ich mich selbst beschreiben müsste . . .

Otterpohl: . . . würde ich mich als einen realistischen Visionär bezeichnen, der national und international unermüdlich an Gesamtsystemen mit vielfachen Vernetzungen und Mehrfachnutzungen arbeitet. Mit dem Neuen Dorf habe ich alles zusammen gebracht.

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen . . .

Otterpohl: . . . ist das Wichtigste überhaupt, um diese für alle Menschen und die gesamte Biosphäre gut zu gestalten. Eine gute Zukunft für Alles ist profitabel für alle Menschen, wenn wir uns nicht weiterhin krankhafter Gier unterwerfen. Und das Gute ist, es ist alles da. Ich freue mich besonders auch auf junge Menschen, die sich selbst für ihre eigene Zukunft nicht 40 Jahre am gleichen Schreibtisch sehen.



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