LANDKREIS KITZINGEN

Biene Maja im Krankenstand

Jürgen Kaul schwenkt ein Rauchgerät. In der Luft liegt ein schwerer, würziger Geruch. Zum Schutz vor seinen Bienen haben wir einen Imkerhut mit Schleier auf. „Ein Stich in die Augenlider kann sehr unangenehm sein“, sagt Kaul. Er scheint dabei zu schmunzeln, soweit man das durch das dunkle Netz erkennen kann.
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Die Varroa-Milbe befällt die Bienenbrut, saugt deren Blut und überträgt Viren. Sie kommt in fast allen Bienenstöcken vor. Foto: Foto: CSiro
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Jürgen Kaul ist noch relativ neu im Geschäft. Erst vor zwei Jahren übernahm der Greuther einen Bienenstock von einem Bekannten aus Castell. „Bienen haben mich schon immer interessiert“, erklärt er. Es treibt ihn aber auch ein ökologisches Bewusstsein an. Denn es hätte enorme Auswirkungen, wenn Bienen immer seltener werden oder gar aussterben sollten. „Etwa 80 Prozent der Nutz- und Kulturpflanzen sind von der Bestäubung durch Honigbienen abhängig“, erklärt Thomas Gschwandtner, Vorsitzender des Kitzinger Imkervereins. Betroffen sind sogar Pflanzen, deren Pollen eigentlich per Wind übertragen werden: „Auch beim Raps kann durch Bienen ein besserer Ertrag erreicht werden.“

Das Bienensterben, als Phänomen seit dem Jahr 2007 vermehrt in der Berichterstattung, hat laut Gschwandtner eine Vielzahl von Ursachen. Monokulturen in der Landwirtschaft, Zersiedelung, Einsatz von Pestiziden, Klimawandel und verschiedene Krankheitserreger. „Letztlich ist es die Summe der Probleme, die den Bienen zu schaffen macht.“

Hauptsächlich haben die Imker vor Ort aber mit der Varroamilbe zu kämpfen. „Als ich 1982 angefangen habe, gab es die hier noch nicht“, erzählt Gschwandtner. Mittlerweile ist die ursprünglich aus Ostasien stammende Plage in jedem Bienenstock zu finden. Sie setzt sich an der Bienenbrut fest, saugt ihr Blut. „Die ist wie die Zecke beim Menschen. Nur dass sie im Vergleich so groß ist“, sagt Jürgen Kaul und umspannt mit beiden Händen seinen Brustkorb.

Gefährliche Viren

Gefährlicher noch als die Milbe sind aber die durch sie übertragenen Viren – auch hier bestehen Ähnlichkeiten zur Zecke beim Menschen. Die Bienen sterben oder kommen verkrüppelt zur Welt, im Laufe der Zeit breitet sich die Milbe immer weiter im Volk aus.

Verschlimmert wird die Problematik durch die milden Winter: In der kalten Jahreszeit legt die Königin normalerweise eine Brutpause ein. Die Milben verlieren dadurch ihre Wirte, ihr Bestand geht zurück. Auch dieser Winter war zu warm. „Heuer starten wir mit einem hohen Milben-Druck“, erklärt Thomas Gschwandtner. Das heißt, die Milben werden sich früher im Jahr mehr vermehrt haben.

Die bisherigen Behandlungsmethoden basieren darauf, im Herbst, nach der letzten Honigernte, die Milben zu bekämpfen. Dazu werden biologische Säuren in den Stock gesprüht. Diese töten die Milben – schädigen aber auch die Bienen: „Die Säuren ätzen den Bienen die Sinnesorgane weg, sie können sich dann nur noch eingeschränkt orientieren“, erklärt der Imker. Das ist das Dilemma der Imker heute: Entweder sie schädigen die einzelnen Bienen oder sie gefährden das Überleben des ganzen Volkes. Außerdem darf der Honig nach der Behandlung nicht geerntet werden. Müssen die Imker früher im Jahr sprühen, drohen Ernteausfälle.

Nach Alternativen wird seit 30 Jahren gesucht, erzählt Gschwandtner. Bisher ohne Erfolg. Eine alternative Idee ist der Einsatz einer sogenannten „Bienensauna“. Bienen vertragen eine leicht höhere Temperatur als die Milben, etwa 42 Grad. Die Milben sterben ab, während die Bienen überleben. „Die Idee, mit Hitze zu arbeiten, ist nicht neu“, weiß Gschwandtner, „aber die Ansätze scheiterten bisher immer in der Praxis“.

Schuld daran seien die Bienen selbst: Steigt die Temperatur, fangen sie selbst an, den Stock zu kühlen. Sie schlagen mit den Flügeln, verspritzen Wasser. Scheitern sie damit, steigt die Temperatur dann zu hoch: Das Wachs schmilzt, die Bienen sterben. Das Problem liegt also darin, die Temperatur stabil zu halten.

Hohe Kosten

Trotzdem: Jürgen Kaul überlegt, der Technik eine Chance zu geben. Denn die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: „Es ist ein natürlicher Weg, ohne den Einsatz von schädlichen Substanzen.“ Außerdem bleibt der Honig unberührt, theoretisch könne man die Sauna über das ganze Jahr verteilt einsetzen. Verbunden ist das ganze jedoch mit hohen Investitionen: Über 1000 Euro müsste er in die Hand nehmen. Das ist ein weiterer Grund, warum Gschwandtner skeptisch ist: „Ich habe schon öfter erlebt, dass Leute Geräte auf den Markt geschmissen haben, die nicht funktioniert haben – nur um Geld zu verdienen.“

Die Imkerei befinde sich gerade im Wandel, erklärt der Vereinsvorsitzende. Neue betriebstechnische Maßnahmen müssten erlernt werden. Auch die Landwirte müssten einige Dinge (wieder-)erlernen und auf die Bedürfnisse der Bienen Rücksicht nehmen. Als mahnendes Beispiel führt Gschwandtner die Verhältnisse in den USA an: Dort fahren Imker ihre Bienenvölker mit dem Lkw durch die Gegend, um für die Bestäubung der Pflanzen zu sorgen, weil in weiten Teilen des Landes keine Bienen mehr leben. „Wenn es dazu bei uns kommt, wäre das die Apokalypse“, sagt der Imker. Doch er befürchtet: „Alles, was in den USA nicht funktioniert, gibt es mit zehn Jahren Verspätung dann auch bei uns.“

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