KITZINGEN

Bevor die Luft wegbleibt

15 Meter ist der Schlauch lang. 15 Meter Lebensweg für Matthias T. (Name geändert). Das reicht, um sich vom Sauerstoffspeicher, der im Wohnzimmer steht, durch die Wohnung und bis auf den geräumigen Balkon zu bewegen. Über den durchsichtigen Kunststoffschlauch werden Matthias T. pro Minute vier Liter des lebenswichtigen Gases durch die Nase in die Lunge geblasen. Ohne diese Hilfe bekäme der Kitzinger leicht Atemnot und bei körperlicher Belastung Erstickungsanfälle.
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15 Meter ist der Schlauch lang. 15 Meter Lebensweg für Matthias T. (Name geändert). Das reicht, um sich vom Sauerstoffspeicher, der im Wohnzimmer steht, durch die Wohnung und bis auf den geräumigen Balkon zu bewegen. Über den durchsichtigen Kunststoffschlauch werden Matthias T. pro Minute vier Liter des lebenswichtigen Gases durch die Nase in die Lunge geblasen. Ohne diese Hilfe bekäme der Kitzinger leicht Atemnot und bei körperlicher Belastung Erstickungsanfälle.

Der 57-Jährige hat ein Vierteljahrhundert lang jeden Tag eine Schachtel Zigaretten geraucht. Als Bauleiter und Projektmanager war er viel unterwegs; ein Macher. Vor anderthalb Jahren bekam der Kitzinger einen akuten Atemnot-Anfall, wurde in die Klinik Kitzinger Land eingeliefert. „Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nie einen Hausarzt gehabt“, berichtet er. Im Krankenhaus bekam er die Diagnose, die er zuvor vielleicht geahnt, aber die Ahnung gut verdrängt hatte: „Meine Lunge ist hinüber. Ich muss mich langsam mit dem Sterben auseinandersetzen.“

Jeder zehnte Erwachsene erkrankt

In der Fachsprache heißt die Krankheit „chronisch obstruktive Lungenerkrankung“, kurz COPD, Matthias T. ist im fortgeschrittenen Stadium. An COPD erkranken in Deutschland zehn Prozent der über 40-Jährigen, macht Stefanie Held die Dimension deutlich. Die Oberärztin, Internistin und Pulmologin an der Kitzinger Klinik hat deshalb zusammen mit Chefarzt Dr. Wolfgang Karmann (Innere Medizin, Kardiologie) den 1. Kitzinger Lungentag organisiert.

Am Samstag, 27. September, geht es in einem Arzt-Patienten-Seminar um die Funktion der Lunge, um ihre Gefährdung und Erkrankungen. Die Besucher sollen über die Möglichkeiten informiert werden, wie man Atemwegs- und Lungenkrankheiten vorbeugen kann, wie man sie erkennt und welche modernen Behandlungsmethoden es gibt.

Heilen kann man COPD ebenso wenig wie Lungenemphyseme (die „Überblähung“ der Lunge) oder Asthma bronchiale. „In der Forschung tut sich derzeit unheimlich viel, sowohl in der Entwicklung neuer Medikamente als auch interventioneller Techniken beispielsweise zur Behandlung des Lungenemphysems“, macht Stefanie Held Hoffnung. Dr. Wolfgang Karmann gibt ihr Recht: „Die Lungenheilkunde explodiert richtig.“

Umso wichtiger sei es, dass Ärzte und Patienten stets auf dem neuesten Stand sind, was individuelle Behandlungsmittel und -methoden betrifft. „Bei unserem ersten Lungentag wollen wir rundum informieren. Und da ist es toll, dass Stefanie Held in Münnerstadt vor kurzem eine spezielle Pneumologie-Ausbildung absolviert hat.“

„Man kann COPD durchaus gleichstellen mit den Volkskrankheiten Diabetes und Bluthochdruck.“
Stefanie Held, Oberärztin

„Oft entwickeln sich Lungenkrankheiten schleichend“, weiß die Oberärztin (Innere Medizin). Sehr oft seien sie aufs Rauchen zurückzuführen, ab und zu auch auf berufliche Belastung, etwa durch Stäube, oder auf Umweltfaktoren. „Man kann COPD durchaus gleichstellen mit den Volkskrankheiten Diabetes und Bluthochdruck.“ Ohne Behandlung gehe es den Betroffenen am Ende sehr schlecht; „letztlich ersticken die Patienten“.

Um Menschen solches Leid zu ersparen, möchten Held und Karmann beim 1. Lungentag auch dafür sensibilisieren, Lungenkrankheiten frühzeitig zu erkennen – oder ihnen gleich vorzubeugen, indem man zum Beispiel gar nicht mit dem Rauchen beginnt beziehungsweise wieder damit aufhört. „Aufzuhören lohnt sich in jedem Stadium der Erkrankung“, macht Dr. Karmann allen Rauchern Mut. „Hustenreiz und Schleimproduktion reduzieren sich, zum Teil bilden sich Schäden zurück.“

Zusammen mit einer modernen Therapie könne man auch Patienten mit deutlichen Lungenschäden heute noch eine gute Lebensqualität ermöglichen. Wie das individuell funktioniert, darum gehe es am Samstag in der Klinik.

Lungenbläschen zerstört

Matthias T. aus Kitzingen hat nur noch wenig Hoffnung auf Besserung. Drei stationäre Klinikaufenthalte und eine Reha hat er hinter sich. „Meine Lungenbläschen sind größtenteils zerstört, da kann man nicht mehr viel machen, außer Sauerstofftherapie.“ Auch die oberen Luftwege sind verengt. „Als ich vor eineinhalb Jahren unter dramatischen Umständen ins Krankenhaus kam, war gleich klar, dass sich mein Leben durch die stark eingeschränkte Lebenserwartung radikal ändern wird.“

Matthias T. setzte neue Maßstäbe. Er hörte spontan mit dem Rauchen auf – „Elektro-Zigaretten haben mir dabei geholfen“ – und zog in eine Wohnung, in der er auf einer Ebene in alle Räume gelangt, richtete sich schön ein und beschloss, die Tage so zu genießen, wie es eben geht. Sein Bruder hilft ihm bei alltäglichen Arbeiten. „Ich versuche, nicht an das zu denken, was ich jetzt nicht mehr machen kann, denn ich möchte nicht in Depressionen verfallen.“ Angst vor dem Tod habe er ohnehin nicht – „nur vor dem Leidensweg in der letzten Phase“.

Wäre Matthias T. noch einmal 30, würde er mit dem Qualmen gar nicht erst anfangen. Verbittert hat ihn seine schwere Lungenkrankheit jedoch nicht. Trotz seiner prekären Situation ist er ein angenehmer Gesprächspartner, klug und witzig. Er sagt, eine kleine Hoffnung bleibe ihm ja noch: eine Spenderlunge. Und auch Oberärztin Stefanie Held hat ihn noch längst nicht aufgegeben. „Wie gesagt, die Lungenheilkunde geht derzeit mit Riesenschritten voran.“

Erster Kitzinger Lungentag

Angebot: Bei freiem Eintritt lädt die Klinik Kitzinger Land am Samstag, 27. September, zum 1. Kitzinger Lungentag ein. Das Arzt-Patienten-Seminar findet von 9 bis 12 Uhr im Gemeinschaftsraum der Klinik (Ebene 1) statt. Das parken ist kostenlos (Parktickets werden ausgegeben).

Programm: Nach der Einführung von Chefarzt Dr. Wolfgang Karmann klärt Oberärztin Stefanie Held über die drei Lungenkrankheiten COPD, Lungenemphysem und Asthma auf und bespricht Therapiemöglichkeiten.

Von 9.50 bis 10.10 Uhr machen die Physiotherapeuten der Klinik die Gäste mit Atemtherapie vertraut. Bis 10.30 Uhr erklärt Stefanie Held die Sauerstoff-Therapie.

In der darauffolgenden Pause besteht die Möglichkeit, sich am Infostand der Gartenstadt-Apotheke SW unter anderem über Dosier-Aerosole, Inhalationsgeräte und Hilfsmittel zu informieren.

Von 11 bis 11.45 Uhr referiert Dr. Thomas Fink (Chefarzt der Fachklinik für Pneumologie und Allergologie an der Rangauklinik Ansbach) darüber, was Rehabilitation bei COPD bringt.

Bis 12 Uhr gibt Stefanie Held schließlich noch einen Einblick in neue Therapie-Optionen bei Lungenemphysemen. ldk

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