"Ich habe meinem kleinen Bruder geraten, nicht zu dem Treffen zu gehen", berichtete ein junger Mann gestern vor dem Kitzinger Amtsgericht. Doch dieser hatte nicht auf ihn gehört und wurde verprügelt. Was dann geschah, brachte schließlich beide Brüder mit zwei ihrer Kumpels auf die Anklagebank.

Dem Treffen des 16-Jährigen mit einer Gruppe Jugendlicher waren Beleidigungen in einem Internet-Chatroom vorausgegangen. Als er mit einem blauen Auge und weiteren Verletzungen nach Hause kam, haben die Beleidigungen aber zu- statt abgenommen. "Nach ein paar Tagen sind wir losgezogen, um den Leuten ein bisschen Angst zu machen", erzählte der große Bruder weiter. Vorerst waren die Jungs nur eine kleine Gruppe - bis sich ihnen weitere angeschlossen haben. "Wir haben sie nicht gebeten mitzukommen", verteidigt sich der Angeklagte. Am Ende fuhren 20 Jugendliche zu dem Treffen, um die Beleidigungen aus dem Chat zu bereinigen. Natürlich sind die Kontrahenten davon gelaufen, als die Truppe auf sie zustürmte, schließlich waren sie in der Unterzahl.

Vom Fahrrad geholt


Einer floh auf dem Fahrrad, wurde aber vom dritten Angeklagten heruntergeholt und von anderen aus der Gruppe in Brennnesseln gestoßen und geschlagen. "Ich hatte am nächsten Tag zum Glück keine großen Schmerzen. Aber sowas bleibt schon auf einem sitzen, ich hatte längere Zeit danach noch Albträume", berichtete der 17-Jährige. Der vierte Angeklagte hätte seine Leute zurückgepfiffen und ihm geholfen, wieder aufzustehen. Anschließend sei er nach Hause gegangen.

Sein Freund - 16 Jahre alt - floh derweil Richtung Main und versteckte sich im Gebüsch. "Nach einer halben Stunde bin ich mal raus - da kamen 15 bis 20 Leute auf mich zu." Keinen anderen Ausweg in Sicht ist er auf einen Baum geklettert und hat beobachtet, wie er von den Jugendlichen gesucht wird. Erst zehn Minuten später sei er schließlich entdeckt worden. "Sie standen dann alle um den Baum rum und haben mir gedroht, mich tot zu prügeln, wenn ich nicht runterkomme", erinnerte sich der 16-Jährige. Sein nächster Fluchtplan sei der Main gewesen - allerdings nur im Notfall. Nach etwa fünf Minuten sei der Größte der Truppe mit einem Baseballschläger bewaffnet den Baum rauf geklettert. "Das hat mir dann richtig Angst gemacht, so dass ich in den Main gesprungen bin."

Damit aber nicht genug. Der vierte Angeklagte hat zusammen mit ein paar Kumpanen an einer anderen Stelle zwei Wipfelder geschlagen. Er ist der Halbbruder des 16-Jährigen, dessen blaues Auge der Auslöser für die ganze Aktion war. Er beteuerte, dass er den Jungen nur Angst einjagen wollte: "Ich habe ihnen einmal ins Gesicht geschlagen und das war's. Dann haben wir nur geredet", sagte er vor Gericht.

Die Geschädigten sagten jedoch aus, dass sie mehrere Schläge, möglicherweise soger Tritte einstecken mussten. Unklar blieb jedoch, wer wie oft und welche Tätlichkeiten ausgeübt hat.

Der Richter und die Anwälte zeigten sich von dem Vorfall geschockt. "Die Polizei hat es unter Landfriedensbruch eingetragen, doch hier geht es eher um Gewaltverbrechen", meinte Jugendrichter Wolfgang Hülle. Die Staatsanwältin stimmt dem zu: "Ihr wart euch nicht bewusst, wie das rüberkommt mit 20 Leuten bewaffnet dort aufzutauchen und wie sehr das ausarten kann?", fragte sie.

Es lag jedoch noch eine weitere Anklageschrift vor. Hier ging es um eine weitere Auseinandersetzung der scheinbar sehr gewaltbereiten Jugendgruppe - allerdings gegenüber anderen Geschädigten. Die Angeklagten sollen ein Jungen aus dem Landkreis gemeinschaftlich verprügelt haben. Es stellte sich aber schnell heraus, dass diese Situation wohl eher harmlos abgelaufen ist. "Der ist mit einem Radschlüssel aus dem Auto gekommen und auf uns los gegangen. Mein Bruder hat ihn festgehalten. Sie sind zusammen auf den Boden gefallen und wir haben ihm den Radschlüssel abgenommen", erzählte der kleine Bruder. Bei diesem Vorfall hatte der angeblich Angegriffene einem der Angeklagten mit dem Radschlüssel zweimal auf den Hinterkopf geschlagen, bevor er selbst zu Boden ging. Bis auf eine daraus resultierende kleine Platzwunde passierte aber nichts.

Reue und gute Entwicklung


Die Ereignisse sind nun schon über zwei Jahre her und die Angeklagten scheinen sich weiterentwickelt zu haben und reifer geworden zu sein. "Die Aktion war totaler Schwachsinn", "Es war dumm das zu machen", "Jetzt würde ich das anders lösen" - diese Aussagen machten klar, dass die Jungen ihre Taten bereuen. Und auch ihr beruflicher Werdegang spricht für sie. "Zwei der Angeklagten haben einen Ausbildungsplatz und es läuft gut", sagte die Jugendgerichtshelferin. Der dritte Angeklagte wird bald seinen Abschluss machen und hat schon einige Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz abgeschickt. Der Vierte hat ebenfalls einen Ausbildungsplatz in Aussicht. "Alles in allem - wenn man die positive Entwicklung berücksichtigt - kann das Verfahren eingestellt werden", erklärt Richter Hülle. Damit sind die vier Angeklagten nochmal davon gekommen - mit einem blauen Auge - und müssen 20 bis 80 Stunden soziale Hilfsdienste ableisten.