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Aus der Angst heraus erstarkt

Politikwissenschaftlerin Tanja Wolf über die Stärken und Schwächen der AfD.
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Tanja Wolf: „Frauke Petry wurde früher dem rechten Rand der Partei zugerechnet, heute ist sie eher am linken Rand beheimatet.“ Foto: Foto: Uni Würzburg

Die AfD hat es in 13 von 16 Landtagen geschafft. Ist sie damit schon eine etablierte Partei oder geht es ihr wie einst den Republikanern oder Piraten? Tanja Wolf hat eine Prognose.

Frage: Wie geht man mit der AfD am besten um? Ignorieren oder sich intensiv mit ihren Inhalten auseinandersetzen?

Tanja Wolf: Ein vernünftiges Mittelmaß erscheint mir sinnvoll. Wenn man die Partei ignoriert, richtet sie sich in einer Opferrolle ein.

Fühlt sich die AfD in dieser Rolle wohl?

Wolf: Björn Höcke kommt jedenfalls wunderbar mit der Opferrolle zurecht. Das ist quasi seine Masche. Andere mögen dagegen eine übertriebene mediale Aufmerksamkeit.

Und die bekommen sie?

Wolf: Denken Sie doch mal daran, wie anfangs über die AfD berichtet worden ist. Wie kopflose Hühner sind manche Medien damit umgegangen. Bernd Lucke hat meines Erachtens viel zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Dabei war die Partei unter ihm noch gar nicht rechtsnational. Er hat Themen wie eine liberale Wirtschaftspolitik oder den Euro-Austritt in die Diskussion eingebracht.

Und warum ist Ihrer Meinung nach dann so intensiv berichtet worden?

Wolf: Wir hatten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie eine echte rechtspopulistische Partei und hatten schlichtweg Angst davor. Aus dieser Angst heraus ist so viel geschrieben worden.

Fühlen sich die Wähler der AfD auch als Opfer?

Wolf: Manche schon. Sie glauben, dass sie Opfer der faulen Griechen sind, der ungebildeten Afrikaner und natürlich der bösen Moslems. Die AfD hilft diesen Menschen, ihre Meinung zu sagen.

Und überschreitet dabei Grenzen?

Wolf: Vieles mag ethisch nicht in Ordnung sein, aber die AfD überschreitet keine juristischen Grenzen. Die Partei deshalb auszugrenzen, ist höchst problematisch. Ich meine, dass unsere Demokratie stark genug ist, um damit umzugehen.

Wo kommen die ganzen Wähler her, die ihr Kreuz bei der AfD machen?

Wolf: Aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Einige waren CSU/CDU- Wähler, viele Nichtwähler sind dabei, einige kommen sogar von der linken Schiene. Ihnen gefällt, dass die AfD den Protektionismus betont.

Wie entwickelt sich die AfD weiter? Wird die Partei auf lange Sicht erfolgreich bleiben?

Wolf: Ich denke schon. Sobald weniger Flüchtlinge kommen und das Thema abkühlt, wird sich die AfD allerdings neuen Themen zuwenden müssen. Eventuell wird es auch zu Streitigkeiten innerhalb der Partei kommen. Vor allem, wenn zu viele Mitglieder mit extremem rechten Gedankengut beitreten.

Das heißt: Als Beraterin der AfD würden Sie empfehlen, den ganz rechten Flügel nicht allzu stark aufkommen zu lassen?

Wolf: Björn Höcke sollte für die Partei quasi der Rechtsaußen sein. Wenn Menschen wie er in Massen kommen, wäre das fatal für die AfD.

Zumal die Partei ja auch intern über ihren Kurs streitet.

Wolf: Die internen Streitigkeiten lassen sich aber auch positiv instrumentalisieren. Je mehr Flügel ich in einer Partei habe, desto mehr Wählerpotenzial kann ich abgreifen. Bei der AfD reicht das ja vom christlich fundamentalistischen Ansatz bis zum rechtsnationalen. Politisch gesehen macht es Sinn, mehrere Aushängeschilder zu haben. Der Wählerpool lässt sich so vergrößern.

Steckt dahinter eine Strategie oder ist das Zufall?

Wolf: Das entwickelt sich eher automatisch. Frauke Petry wurde früher dem rechten Rand der Partei zugerechnet, heute ist sie eher am linken Rand beheimatet.

Wird die AfD auch in Bayern in den Landtag einziehen?

Wolf: In Bayern ist alles ein bisschen anders. Die CSU ist weiter rechts als die CDU. Sie kann mehr Leute aus diesem Spektrum als ihre Schwesterpartei integrieren. Das ist übrigens eine sehr geschickte Strategie.

Mit der sich andere Parteien traditionell schwer tun. Allen voran die SPD. Ist der Schulz-Effekt schon gänzlich verpufft?

Wolf: Es wurden zu viele Hoffnungen in ihn gesteckt. Der erster Eindruck ist ja der: Schulz ist sympathischer als Merkel, er wirkt irgendwie menschlicher. Aber für viele Wähler ist er der Inbegriff der bösen EU, der Bürokratie.

Sind Emotionen für die Wähler mittlerweile wichtiger als die Inhalte?

Wolf: Leider ja. Die Bürger haben die Nase voll von Experten und von Fakten. Themen wie TTIP oder die Finanzkrise sind ja auch unglaublich komplex. Die sind im Wahlkampf kaum zu erklären. Dennoch sind politische Inhalte in Deutschland noch wichtiger als anderswo.

Was meinen Sie?

Wolf: Denken Sie an die USA. Ein mehrfach angezeigter Mensch ist dort Präsident geworden. Warum? Weil er für den Inbegriff des erfolgreichen Selfmade-Mannes steht. Der er im Übrigen gar nicht ist. Den Wählern war es aber völlig egal, was er gesagt hat. Es ging nur um die Hülse, um das Image.

Sieht so die Zukunft eines erfolgreichen Politikers auch hierzulande aus? Werden wir irgendwann auch einen deutschen Trump haben?

Wolf: Früher hat man den Politikern jedenfalls genauer auf die Finger geschaut. Guttenberg hat seine Doktorarbeit gefälscht. Das ging gar nicht. Heute wäre das wahrscheinlich okay. Es wird sogar ein bisschen erwartet, dass Politiker lügen.

Angela Merkel entspricht diesem Bild aber gar nicht.

Wolf: Sie wirkt absolut undramatisch und das tut in diesem Betrieb schon als Gegensatz gut. Außerdem hat sie sich bewiesen, in der Finanzkrise und der Flüchtlingskrise. In ihrer Kanzlerschaft gab es mehr Krisen zu bewältigen als bei ihren Vorgängern. Und wenn wir ehrlich sind: So richtige Alternativen hat es bei den bisherigen Wahlen ja auch nicht gegeben.

Welche Themen werden im bevorstehenden Bundestagswahlkampf entscheidend sein?

Wolf: Finanzen und Flüchtlinge.

Das wird der AfD in die Karten spielen.

Wolf: Davon muss man ausgehen.

Wird es die AfD nicht mehr geben, wenn das Thema Flüchtlinge wegfällt?

Wolf: Schwer zu sagen. Die Partei hat ihre Wandlungsfähigkeit schon bewiesen. Erst war der Euro Thema, jetzt die Flüchtlinge. Vielleicht kommt wieder ein anderes Thema und sie schafft den Wandel. Wenn nicht, kann es schnell vorbei sein.

Ist die Fähigkeit zum Wandel eine Voraussetzung für den langjährigen Erfolg als Partei?

Wolf: Parteien ohne eine Wertebasis können jedenfalls schneller reagieren, im Gegenteil zur SPD und CDU. Die müssen neue Themen immer auf ihre Basiswerte hin abchecken.

Zur Person: Tanja Wolf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Würzburg und arbeitet am Institut für Politikwissenschaften und Soziologie. Sie promoviert zum Thema „Rechts-extremismus und Rechtspopulismus“ und hat im Springer-Verlag ein Buch herausgebracht. Titel: „Rechtspopulismus - Überblick über Theorie und Praxis.

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