Der zweite Platz von Frank Busemann bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta war eine Sensation und überstrahlte sogar die deutschen Goldmedaillen-Gewinner. Was der Zehnkämpfer, damals 21, noch nicht wusste: Es sollte sein größter Erfolg bleiben. Der Körper streikte. Die Geschichte von Frank Busemann ist auch eine Geschichte des Leidens, des Aufbegehrens gegen den eigenen Körper - und der Eingliederung ins "normale" Leben.
Seine Erfahrungen gibt der redegewandte Ex-Athlet in Vorträgen weiter - an Sportler, aber auch an Manager. Am Montag war Busemann auf Einladung der VR-Bank in Dettelbach zu Gast. Die Kitzinger sprach im Vorfeld mit Busemann.

Fällt der Name Frank Busemann, heißt es oft: "Ach, der hatte doch damals Gold gewonnen." Dabei war es ja "nur" Silber. Wissen Sie, warum sie als gefühlter Olympia-Sieger wahrgenommen werden?
Frank Busemann: Erklären kann ich mir das nicht. Vom Gewinnen habe ich ja keine Ahnung. Ich glaube, das verwischt ein bisschen, eben, weil damals ein großer Aufstand gemacht wurde. In einer Quiz-Show wurde einmal nach dem 800-Meter-Olympiasieger gefragt, die Antwort des Teilnehmers: "Das war der Busemann." Die Silbermedaille war sehr überraschend, nachher konnte der Zuschauer gar nicht mehr unterscheiden, ob Erster, Zweiter oder Dritter. Von der Sportart - ich war ja Zehnkämpfer, kein Sprinter - mal ganz abgesehen.

Ihr kometenhafter Aufstieg war nicht abzusehen, sie waren 21, ein Greenhorn ohne großen sportlichen Erfolg. Hat dieser Überraschungseffekt den Hype um Ihre Person befeuert?
Mit Sicherheit. In Atlanta kam eine ganze Menge zusammen, die Zeitverschiebung war sicherlich hilfreich. Die Menschen sind spätnachmittags von der Arbeit nach Hause gekommen, pünktlich zum Zehnkampf quasi und konnten bis in die Nacht hinein die ersten fünf Disziplinen verfolgen. Das wiederholte sich dann Tags darauf.

... am Ende stand die Silbermedaille. Und ein Frank Busemann, auf den sich die Medien stürzten.
Oder ich mich auf die Medien, so kann man das auch sehen. Wenn etwas Emotionales passiert, muss ich immer quatschen. Die einzigen, die da rumstanden, denen ich etwas an die Backe quatschen konnte, das waren eben die Journalisten. Die waren natürlich dankbar und glücklich, dass ein Athlet kam, der literweise Quasselwasser getrunken hatte. Ich habe die Journalisten geliebt und diese haben mich geliebt. Ich habe eine Plattform bekommen und sie genutzt.

Haben Sie damit gerechnet, dass die Ereignisse von Atlanta in den Köpfen der Deutschen noch so lange nachhallen?
Nein, überhaupt nicht. Ich wurde Zweiter, das kratzt doch keine Socke, wir haben genug Olympiasieger - habe ich mir gedacht. Meine Frau hat mir aber gleich gesagt, dass hier alle Kopf stehen und die Hölle los sei. Bei der Ankunft in Düsseldorf waren unzählige Journalisten und Fotografen am Flughafen. Ich habe mich schon gefragt, wer denn noch alles im Bus sei, für irgendwen muss das ganze Brimborium ja sein. Als die Türe aufging, haben sich alle auf mich gestürzt. Das war wie in einem Traum. Ich habe Monate gebraucht, um das zu realisieren.

Anschließend folgte eine jahrelange Leidenszeit, mit unzähligen Verletzungen. 2003, mit nur 28 Jahren, verkündeten Sie das Karriere-Ende. Haben Sie sich gefragt, was alles noch möglich gewesen wäre, wenn der Körper mitgespielt hätte?
Ich habe mich das oft gefragt, als Sportler darf man sich diese Frage aber nicht stellen. Hätte, wenn und aber - der Konjunktiv ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Mit Wehmut zurückblicken bringt nichts. Man muss unterscheiden: Habe ich alles gegeben, was in meiner Macht stand? Habe ich nie aufgegeben? Wenn sich eine Chance auftut, muss man alles hineinstecken. Dann kann man mit reinem Gewissen sagen: So ist es halt. Ich war für den zweiten Platz gemacht, zu mehr sollte es nicht reichen.

Worauf führen Sie Ihre körperlichen Beschwerden zurück? Genetische Veranlagung? Zu viel Ehrgeiz?
Die Hebamme hatte mich damals rausgezogen und gesagt: "Ein Baby mit so dicken Beinen habe ich noch nie gesehen."

Nicht Ihr Ernst?
Doch, doch. In der Pubertät war ich immer wieder verletzt, meine Eltern sind mit mir von einem Arzt zum anderen gerannt. Der Tenor war immer ähnlich: Lass' es sein mit der Leichtathletik. Mit dieser Kombination - kräftige Beine, schmächtiger Oberkörper - wird das nichts.

Ein Rat, den Sie nicht befolgt haben ...
Irgendwann habe ich mir gedacht: Kein Mensch ist perfekt. Egal. Los geht's. Über Grenzen zu gehen war ein Fluch, weil ich mich mit Ansage kaputt gemacht habe. Ich war ein Wettkampftier, habe Leistungen abgerufen, die eigentlich nicht da waren. Der Körper hat sich dann natürlich gerächt.

Sie sind nun als Freiberufler unterwegs, haben Bücher geschrieben, halten Vorträge. Wann haben Sie den letzten Zehnkampf in voller Länge verfolgt?
In voller Länge? Puh. Das muss 2001 gewesen sein, da war ich aber selbst noch aktiv. Wenn ich mal in Götzis oder Ratingen bin, dann verfolge ich einen Zehnkampf meist nur einen Tag, nie aber über die gesamte Dauer.

Ist die Distanz zum Sport so groß geworden?
Es ist ein Zeitproblem, auch ein Verschieben der Prioritäten. Mit Familie, Kindern und meinem Beruf bleibt einfach weniger Zeit.

Hätten Sie diesen beruflichen Weg eingeschlagen, wenn Atlanta nicht gewesen wäre?
Das, was ich heute tue, hängt zu 100 Prozent mit Atlanta zusammen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mich vor Leute zu stellen und denen etwas zu erzählen. Als ich mit dem Sport fertig war, habe ich das Studium zu Ende bringen und mir einen Job suchen wollen. Ich wollte ein normales Leben haben. Sportler denken, der Sport sei normal. Das ist Quatsch. Der Sport ist das Außergewöhnliche, das wir erleben dürfen.
Dann haben sich die Ereignisse bei mir überschlagen. Plötzlich war ich in einer Unternehmensberatung, habe für die ARD gearbeitet, durfte um die Welt reisen. Diese Möglichkeiten hätte ich niemals bekommen, wenn Atlanta nicht gewesen wäre.
Sie gelten als bodenständig, authentisch und sind praktisch der Gegenentwurf zu vielen Leichtathletik-Größen wie etwa Usain Bolt, die sich inszenieren. Muss man aus dem Nichts kommen oder diese Extravaganzen an den Tag legen, um medial gehört zu werden?
Man braucht eine Geschichte oder eine sehr, sehr außergewöhnliche Leistung. Aber: Auch diese außergewöhnliche Leistung muss mit irgendwas unterfüttert sein, damit es nicht langweilig ist. Authentizität ist immer von Vorteil. Und das ist auch das Problem vieler Athleten heutzutage: Sie haben Rhetoriktrainer, bevor sie Leistung bringen. Sie haben Manager, bevor sie überhaupt einmal die Grube getroffen haben. Ich denke mir dann immer: Mensch, haltet doch mal den Ball flach und trainiert. Der Rest kommt schon von allein. Den Personen geht es aber darum, sich medial darzustellen.

Sie sind ein Kenner der Leichtathletik-Szene. In welchem Zustand befindet sich die deutsche Leichtathletik?
Das Problem der Leichtathletik ist einfach zu benennen: Sie ist zu billig und von der ganzen Welt machbar. Reiten, Fechten, Stabhochsprung, das sind elitäre Disziplinen, mit denen Entwicklungsländer Schwierigkeiten haben. Laufen kann jeder, Springen auch. Der Kuchen der Leichtathletik verteilt sich auf 200 Länder. Für Deutschland gibt es eben keine zehn Goldmedaillen mehr zu gewinnen.

Die großen Zeiten der deutschen Leichtathletik sind also vorbei?
Wir haben das Tal der Tränen durchschritten, das frühere Niveau werden wir aber nicht mehr erreichen. Medaillen sind eine Ausnahme, die Globalisierung schreitet voran. Wenn bei Olympia in London dieses Jahr fünf Medaillen herausspringen, wäre das toll.
In Peking 2008 war es nur eine Bronze-Medaille. Für eine Nation mit so viel Geld und Förderung ist das natürlich nicht zufriedenstellend.

Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Tobias Schneider.