LANDKREIS KITZINGEN

Aus dem Gericht: Wenn der Kinderarzt einen Verdacht hat

Morgens halb acht an einem Septembertag im vergangenen Jahr. Es ist Freitag, der 13. Während die Mutter noch schläft, ist das viereinhalbjährige Mädchen bereits in der Wohnung unterwegs. In der Küche schnappt sich das Kind einen Schemel, um an einen Pudding im Kühlschrank zu gelangen – und stürzt.
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Gerichtssache
Foto: Regina Krömer

Morgens halb acht an einem Septembertag im vergangenen Jahr. Es ist Freitag, der 13. Während die Mutter noch schläft, ist das viereinhalbjährige Mädchen bereits in der Wohnung unterwegs. In der Küche schnappt sich das Kind einen Schemel, um an einen Pudding im Kühlschrank zu gelangen – und stürzt.

Mit einer linken Gesichtshälfte, die voller Einblutungen ist, weckt das Kind seine Mutter. Die sieht das Unglück, schnappt sich ihre Tochter und macht sich umgehend auf den Weg zum Kinderarzt.

Als dieser sich wenig später die kleine Patientin anschaut, keimt ein schlimmer Verdacht auf: Die Art der Verletzung stimmte irgendwie nicht mit der Schilderung der Mutter überein. „Ich konnte mir nicht erklären, wie das passiert ist“, wird der Arzt später zu Protokoll geben. So wie er auch erklären wird, dass das Kind nicht allzu lange davor einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte. Der Kinderarzt geht auf Nummer sicher und weist die Vierjährige in die Würzburger Kinderklinik ein.

Dort kommt ebenfalls ein Verdacht auf Misshandlung auf: Bis zum Ohr hin war die linke Gesichtshälfte lädiert – da schien ein Sturz „einfach nicht plausibel“, so der Fachmann. Der Vorwurf wird nach eingehender Untersuchung konkreter: „Das Abdruck erinnerte an eine Hand!“

Die Dinge nehmen ihren Lauf: Jugendamt und Polizei werden eingeschaltet. In der Wohnung wird versucht, die Spurenlage zu sichern. Allerdings: Eine Rekonstruktion, wie genau der Unfall passiert sein könnte, ist nicht möglich.

Auch eine Befragung des Kindes führt nicht entscheidend weiter. Zwar erzählt es was von einer Ohrfeige und dass es „von der Mama den Arsch vollbekommen“ habe – konkret zuordnen lässt sich das aber nicht. „Sie hat ein bisschen was erzählt, aber es war nicht eindeutig“, erinnert sich die Polizistin. Um dem Rätsel um die Verletzungen doch noch auf die Spur zu kommen, wird schließlich eine Gutachterin eingeschaltet.

Inzwischen hat die 27-jährige Mutter Post vom Kitzinger Amtsgericht bekommen: ein Strafbefehl über 900 Euro – 60 Tagessätze zu je 15 Euro. Als Buße dafür, dass ihr gehörig die Hand ausgerutscht ist, nachdem sie von ihrem Kind geweckt worden war.

Die Frau legt Einspruch ein, es kommt zur Verhandlung vor dem Kitzinger Jugendrichter. Die damals Alleinerziehende will von einem Schlag nichts wissen. Sie habe das Kind „nicht angefasst“ und sei in „panischer Angst“ sofort zum Arzt.

Das kann so nicht gewesen sein – zu diesem klaren Ergebnis kommt indes die Gutachterin. Ein Großteil der Verletzung habe mit dem Sturz schlichtweg nichts zu tun. Zwar könne es den Sturz durchaus gegeben haben, es muss aber noch mehr gewesen sein. Diese „Mehr“ wird auch benannt: „Es sieht nach einem Schlag mit der Hand aus.“ Zumal sich die Medizinerin einen Gegenstand, der derartige Abdrücke in einem Gesicht erzeugt, beim besten Willen nicht vorstellen kann.

Für die 27-Jährige wird es jetzt eng: Bei einer Verurteilung, so deutet das Gericht nach der Zeugenbefragung an, könnte es um einiges bitterer und vor allem teurer für die Angeklagte werden. Nach einer kurzen Beratung mit ihrem Verteidiger zieht die Frau ihren Einspruch zurück und akzeptiert damit die 900 Euro aus dem Strafbefehl.

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