Das spätere Opfer hat gerade seinen Aushilfsjob beendet und steht jetzt am Bahnsteig in Kitzingen. Es ist Ende Januar dieses Jahres, kurz nach Mitternacht. Mit dem letzten Zug für diese Nacht will der 17-Jährige nach Hause. In dem Zug nach Nürnberg sitzt eine Gruppe Jugendlicher, die sich nach einem Discobesuch in Würzburg ebenfalls auf dem Heimweg befindet.

Als die Discobesucher in Kitzingen aussteigen, entdeckt der 17-Jährige in der Gruppe einen Bekannten und will diesen um eine Zigarette anschnorren. Bis hierher eine ganz normale Szene – die jedoch augenblicklich und völlig grundlos in blanke Gewalt umschlägt.

„Bedenklich, dass er so schnell zuschlägt.“

Die Jugendgerichtshilfe über den Angeklagten

Ein Freund des jungen Mannes, der um eine Zigarette gebeten wurde, interpretiert die Szene völlig falsch. Der Freund, nennen wir ihn B., glaubt, sein Kumpel wird angemacht und eilt diesem zu Hilfe.

Und zwar wie ein Wildgewordener: B. stürzt sich sofort auf den Gleichaltrigen und schubst ihn um. Als der Angegriffene sich wieder aufrappelt, prasseln auch schon Hiebe auf ihn nieder. Mehrere Faustschläge ins Gesicht muss das Opfer einstecken. Wie viele genau, lässt sich am Ende nicht mehr klären. Die Angaben der Beteiligten pendeln irgendwo zwischen zwei und acht. Dabei hatte das Opfer noch einigermaßen Glück: Es kam mit einer Schwellung davon.

Vor dem Kitzinger Jugendschöffengericht wird klar, warum die Dinge sofort eskalierten: B. war bis zum Anschlag betrunken. Die getrübte Wahrnehmung ließ es ihn „so empfinden“, als habe es einen Streit gegeben.

Dass B. so schnell und unmotiviert zuschlägt, hält nicht nur die Jugendgerichtshilfe „für bedenklich“. Zumal es schon mal einen solchen Vorfall gegeben hatte: Ziemlich genau ein Jahr vor der Tat im Bahnhof hatte der Auszubildende einem Gleichaltrigen Faustschläge ins Gesicht verpasst. Im Mai 2011 war er dafür zu 60 Stunden Hilfsdiensten verurteilt worden – eine Lehre schien das nicht gewesen zu sein. Weshalb die Mitarbeiterin des Jugendamtes letztlich auch nur „eine ungewisse Prognose“ abgeben kann, wie die Zukunft von B. aussehen könnte: Besinnt er sich oder liegen hier schädliche Neigungen vor?

Das Gericht setzt eine ganze Reihe von Mitteln ein, um B. den Ernst der Lage klar zu machen. Zum einen muss der 17-Jährige zwei Wochenenden im Jugendknast verbringen. Zudem wird ihm auferlegt, sechs Monate lang an einem Antiaggressionstraining teilzunehmen.

Und: B. muss seinen Alkoholkonsum ab sofort in überschaubaren Grenzen halten. Wird er innerhalb eines Jahres mit mehr als 0,5 Promille erwischt, drohen dem Schläger die nächsten Konsequenzen.