VEITSHÖCHHEIM/LANDKREIS KT

Aufregend wie eine Hochzeitsnacht

Sehr nervös sei er, gestand Dr. Hermann Kolesch. Und damit es jeder verstand, schob er noch zwei „sehr“ hinterher. Auch der Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes, Artur Steinmann, konnte eine spezielle Aufregung nicht verheimlichen. „Ich fühle mich fast so wie in meiner Hochzeitsnacht.“ Die Fränkische Weinkönigin Kristin Langmann sprach von einem Gänsehautgefühl. Nach fünf Jahren Vorarbeit ist gestern der neue Bocksbeutel in Veitshöchheim vorgestellt worden. Fragt sich nur noch, wie er von der fränkischen Weinwirtschaft und den Kunden angenommen wird.
Artikel drucken Artikel einbetten
Neues Design für Bocksbeutel
Neuheit: Designer Peter Schmidt präsentiert den von ihm entworfenen Bocksbeutel. Foto: Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
+1 Bild

Die Gäste der aufwändig inszenierten Präsentation zeigten sich diesbezüglich optimistisch. „Dieser Bocksbeutel ist viel markanter und prägnanter im Auftritt als sein Vorgänger“, meinte Divino-Geschäftsführer Wendelin Grass. Zusammen mit Dr. Kolesch und dem Geschäftsführer des Weinbauverbandes, Herrmann Schmitt, hat er die Einführung der neuen Flasche in den letzten Monaten vorangetrieben. Vier Jahre wird es nach seiner Schätzung dauern, bis die Fränkische Weinwirtschaft komplett auf den Bocksbeutel PS, benannt nach seinem Schöpfer Peter Schmidt, umgestellt hat. Ohne eine Komplettumstellung wird es nach seiner Ansicht nicht gehen. „Es kann nur eine Ikone des Fränkischen Weinbaus geben.“

Die Divino mit Standorten in Thüngersheim und Nordheim will die neue Flasche schrittweise einführen. Zunächst in der Direktvermarktung und abschließend für den Lebensmitteleinzelhandel.

Etwa 15 Millionen Bocksbeutel werden in Franken Jahr für Jahr abgefüllt, das ist etwa ein Drittel der insgesamt 45 bis 50 Millionen Flaschen. „Wir wollen diesen Anteil steigern“, kündigte Dr. Kolesch an. Die neue Flasche soll gerade bei der jüngeren Zielgruppe punkten. Weinkönigin Kristin Langmann als Repräsentantin dieser Generation machte Mut. Sie bezeichnete die Flasche als modern und gleichzeitig typisch. Das Design sei definitiv cool. In einer Szenekneipe könne sie sich den Bocksbeutel PS genauso gut vorstellen wie in einer Disco.

Bevor es so weit ist, müssen allerdings die Winzer überzeugt sein. Herrmann Schmitt kündigte die Markteinführung der neuen Flasche ab Juni 2016 an. Ab sofort sollen sich die hiesigen Winzer selbst ein Bild vom Bocksbeutel PS machen können. Die rund 450 Verbandsmitglieder werden in den nächsten Tagen Post erhalten. „Jeder bekommt eine volle und eine leere Flasche“, erklärte Dr. Kolesch. Interessierte Winzer können sich ab Montag außerdem in der LWG ein Bild von dem neuen Design machen. „Man muss diesen Bocksbeutel sehen und fühlen, um eine Entscheidung zu treffen“, meinte er. „Anders geht es nicht.“

Die meisten Bocksbeutel werden in der Winzergenossenschaft Franken in Repperndorf gefüllt. Dort sind vor rund zwei Jahren auch die ersten Prototypen auf Bruchfestigkeit und Lagerfähigkeit getestet worden. Vorstandsvorsitzender Andreas Oehm bewertet die Initiative grundsätzlich positiv. „Der Bocksbeutel verdient eine Auffrischung. Jede Generation hat das Recht auf gestalterische Veränderungen und eine neue Formensprache.“ Zum heutigen Zeitpunkt könne er aber weder Ja noch Nein zu einer Markteinführung sagen. „Wir müssen die Rahmenbedingungen sehr sorgfältig prüfen.“ Etliche Fragen stünden noch offen: Ergibt die Einführung der neuen Flasche betriebswirtschaftlich Sinn, ist sie überhaupt in den erforderlichen Mengen verfügbar? Fragen, die in den kommenden Wochen beantwortet werden müssen.

„ Zum Glück ist der Designer nicht wesentlich von der klassischen Form abgewichen.“
Karl Schneider Restaurator aus Volkach

Laut Herrmann Schmitt werden die Produktionskosten in etwa so hoch liegen wie beim herkömmlichen Bocksbeutel, also zwischen 30 und 40 Cent. Bezüglich der Verfügbarkeit laufen Gespräche mit der Glasindustrie. „15 Millionen sind für Hersteller wie Wiegand eine sehr geringe Zahl“, gibt Wendelin Grass zu bedenken. Ein weiterer Knackpunkt: Jedes Weingut musste bislang für sich verhandeln. „Wir überlegen, ob wir die Bestellungen in Zukunft nicht doch frankenweit bündeln können.“

Egal, wie viele Betriebe wie schnell umstellen: Eines bleibt auch in Zukunft unverändert. „In den Bocksbeutel PS werden wir nur Qualität füllen“, versicherte Artur Steinmann. Das Wohlergehen der fränkischen Winzer hänge nun mal von der Qualität ab. Diesbezüglich habe sich in den letzten Jahren sehr viel getan, bestätigte Minister Helmut Brunner. Nach Investitionen in eine zeitgemäße Vermarktung, in Vinotheken und eine moderne Architektur runde der Bocksbeutel PS die fränkischen Qualitätsoffensive ab.

Die finanziellen Investitionen in den neuen Bocksbeutel halten sich nach Steinmanns Worten in Grenzen. „Peter Schmidt ist uns bei der Honorarforderung sehr, sehr entgegengekommen.“ Laut Geschäftsführer Schmitt ist bislang noch gar kein Geld geflossen. Der Verband habe mit dem Stardesigner ein Honorar für den Erfolgsfall vereinbart.

Wird der neue Bocksbeutel so ein Erfolgsfall? Kaum einer kennt den Formenreichtum des Bocksbeutels so gut wie der Volkacher Karl Schneider. „Es ist über die Jahrhunderte schon sehr viel probiert worden“, sagt der Grabungstechniker und Restaurator, der viele Jahrzehnte beim Landesamt für Denkmalpflege beschäftigt war. „Die meisten Versuche sind gescheitert.“

Der Volkacher hat ein mehr als 300 Seiten starkes Buch über den Bocksbeutel geschrieben. Titel: Bocksbeutel. Platt-, Feld- und Pilgerflaschen. Einige Dutzend Exemplare stapeln sich in seinen Regalen. Die wertvollsten hat er in einem Schrank verschlossen. Eine Keramikflasche aus Syrien aus dem Jahr 200 vor Christus liegt da neben einer kleinen römischen Glasflasche aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Die typische bauchige Form hat es nach seinen Worten schon viel früher gegeben.

Den Bocksbeutel PS betrachtet Schneider mit der Gelassenheit eines langjährigen Mitglieds des „Old Flash Club“, einer Vereinigung internationaler Sammler historischer Flaschen. „Zum Glück ist der Designer nicht wesentlich von der klassischen Form abgewichen“, sagt er. Letztendlich betrachtet Schneider die Einführung des neuen Gebindes eher nüchtern. „Es kommt nicht alleine auf die Form an.“ Eine Weisheit, die auch auf jede Hochzeitsnacht übertragbar ist.

-> Weitere Artikel auf Seite 20
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren