Kitzingen
Tag des Schallplattenladens

Auf Platte gepresstes Lebensgefühl

Schwarze Scheiben waren der Lebensinhalt von Hermine Jakubczyk. Bis 1994 betrieb sie einen Schallplattenladen in der Kitzinger Innenstadt. Dort lieferte sie auch ganz besondere Stücke. Zum Record Store Day am Samstag, dem Tag des Schallplattenladens, haben wir sie zu ihrer Leidenschaft befragt.
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Sie wusste stets, welcher Star bei welcher Plattenfirma unter Vertrag war und welche Platte er aufgenommen hatte. Heute hat die 93-jährige Hermine Jacubczyk nur noch wenige Scheiben zuhause. Musik hört sie aber nach wie vor sehr gerne. Foto: Tom Müller
Sie wusste stets, welcher Star bei welcher Plattenfirma unter Vertrag war und welche Platte er aufgenommen hatte. Heute hat die 93-jährige Hermine Jacubczyk nur noch wenige Scheiben zuhause. Musik hört sie aber nach wie vor sehr gerne. Foto: Tom Müller
"Die Frau ist ein lebendes Musiklexikon", schwärmt der Kitzinger Hofrat Walter Vierrether über Hermine Jakubczyk. "Wenn du irgendeine spezielle Platte wolltest, reichte es schon, den Song auch nur anzustimmen, und sie hat das gewünschte Stück aus dem Regal geholt". Oder sie hat die Platte bestellt. "Das war unser Markenzeichen", erzählt die 93-Jährige, die von 1956 bis 1994 in der Kitzinger Schweizergasse einen Schallplattenladen betrieb. "Wir haben auch die ganz ausgefallenen Wünsche erfüllt".

Platten unterm Ladentisch

Hermine Jakubczyk lacht, wenn sie an manche Anekdote aus längst vergangener Zeit denkt. "Es gab sogar so etwas wie 'verbotene Schallplatten'", erzählt sie. "Die wurden unter dem Ladentisch versperrt und durften nicht an Jugendliche verkauft werden". Es waren Platten wie die der Schwabinger Kabarettistin Gisela Kramer, deren für die damalige Zeit reichlich unzüchtiges Chanson "Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen" auf den Index gesetzt wurde. Natürlich hatte Hermine Jakubczyk die Scheibe. Sie hatte alles. Und sie kannte alles, was auf eine Scheibe passte.

Ein Gespräch mit Hermine Jakubczyk ist wie ein Ausflug in die Musikgeschichte. Es ist auch ein Ausflug in die Kitzinger Geschichte, als die Amerikaner noch das Stadtbild prägten und die Musik nach Kitzingen brachten. "Am Ende des Monats, wenn Zahltag war, kamen die Soldaten mit ihren Frolleins in unseren Laden", sagt sie. Die Platten gingen dann wie warme Semmeln über den Ladentisch. Aber nicht nur die Platten. "Manchmal saßen die Damen auch ganz allein da und hofften darauf, einem GI zu gefallen". Auf diesem Weg ist auch die eine oder andere Angestellte aus dem Laden in die USA übergesiedelt.

Treffpunkt Plattenladen

Die "Radio-Zentrale", wie der Laden hieß, in dem bis zum Tod des Ehemanns von Hermine Jakubczyk primär Rundfunkgeräte und danach ausschließlich Schallplatten verkauft wurden, war stets mehr als nur ein Plattengeschäft. In der Mittagspause sind die Angestellten aus den umliegenden Geschäften gekommen, um an den fünf aufgestellten Plattenspielern mittels Kopfhörern die neuesten Scheiben anzuhören. Nebenan war die Sparkasse. Taktisch gut gelegen.

Familienleben mit Musik

"Fünf Mark kostete damals eine Single, etwa 22 Mark eine Langspielplatte", berichtet Petra Kümmel. Die Tochter von Hermine Jacubczyk stand mit im Laden seit sie 15 war, ihre zwei Brüder waren ebenfalls im Geschäft. Die Vinylplatten ernährten eine ganze Familie.

Obwohl Hermine Jakubczyk schon früh im Musikgeschäft war, stand nie ein Grammophon in ihrem Laden. Auch Schellack-Platten waren kaum noch im Sortiment, als sie und ihr Mann das Rundfunkgeschäft eröffneten. Die 70er bis Mitte der 80er Jahre bezeichnet sie als die besten Jahre der Schallplatte. 2000 Mark Umsatz erwirtschafte der Laden da pro Woche. Es waren noch andere Zeiten, damals. Zeiten, in denen es drei Fernsehprogramme gab. "Was da zu sehen war, wurde gleich danach bei uns geordert", erinnert sich die Plattenverkäuferin. Es war die Zeit von Max Greger und Hugo Strasser, von Freddy Quinn und Hans Albers, von Jazz, von Opern und Operetten, von Arien einer Maria Callas und Beethovens 5. Sinfonie, dirigiert von einem Herbert von Karajan. "Und von Elvis". Hermine Jakubczyks Augen leuchten, wenn sie von ihm spricht. Seine Hits spülten regelmäßig Geld in die Kassen des kleinen Ladens. "Als Elvis gestorben ist, haben die Leute bei uns an der Theke geheult", berichtet sie. Ähnliches wiederholte sich beim Tod von Roy Black 1991.

CD löst die LP ab

Da war aber die große Zeit der Schallplatte schon vorbei. Anfang der 80er begann der Aufstieg der Compact Discs, der CDs. Schon 1990 wurden in Deutschland knapp 80 Millionen CDs verkauft, fast doppelt soviel wie LPs. Der Musikmarkt explodierte förmlich. Und mit ihm die kleinen Läden. Masse war angesagt. Der Verkauf von Tonträgern verschob sich mehr und mehr in Super- oder Elektronikmärkte. 1994 gaben die Jakubczyks ihr Geschäft auf. "Da war ich 75 und da hat es auch gereicht", sagt Hermine Jakubczyk. Für Musikliebhaber aus dem ganzen Landkreis, die all die Jahre bei ihr ihre Scheiben geordert hatten, ging damit eine Ära zu Ende.

"Die Platte stellt einfach was dar"

Neulich hat sie im Fernsehen einen Bericht über neue Abspielgeräte und die Renaissance der Schallplatte gesehen. "Ja lieber Gott, jetzt kommen die noch mal mit den Platten daher", hat sie instinktiv gesagt - und gleichzeitig Verständnis geäußert. "Eine schwarze Schallplatte stellt einfach was dar. Es ist ein Lebensgefühl".

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