KITZINGEN

Angeregte Diskussion über Rother

Vor ein paar Tagen kam Jürgen Wolfarth unangekündigt in die Main-Post-Redaktion „Mir gefällt ihre Berichterstattung über Richard Rother gar nicht“, monierte er und lieferte die Begründung mit.
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Jürgen Wolfarth Foto: Foto: Paulus
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Vor ein paar Tagen besuchte Jürgen Wolfarth die Redaktion dieser Zeitung, unangekündigt. „Mir gefällt ihre Berichterstattung über Richard Rother gar nicht“, monierte der 78-Jährige und lieferte die Begründung gleich mit: „Wenn man diesem Künstler vorwirft, dass er sich mit den Nazis eingelassen hat, dann müsste man auch eine ganze Reihe anderer Persönlichkeiten ins Visier nehmen.“

Der Rentner hat den direkten Weg in die Redaktion gewählt, weil ihn ein Augenleiden am Schreiben hindert. „Sonst hätte ich längst einen Brief geschrieben.“ Die Wolfarths hatten bis in die 1980er Jahre ein Fotogeschäft in der Stadt: Erst Jürgens Opa, später seine Tante und seine Mutter Therese. Dadurch ist Fotograf Jürgen Wolfarth zum Sammler geworden, weiß (fast) alles über 60 Jahre Stadtgeschichte.

Einstimmiger Beschluss

Er packt ein paar alte Schwarz-Weiß-Fotos aus, die zwischen 1933 und 1945 in Kitzingen gemacht wurden. „Sehen Sie: Schon am 1. Mai 1933 wurde Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht der Stadt Kitzingen verliehen, nach einem einstimmigen Ratsbeschluss“, zeigt er einen Abzug der Urkunde mit der Unterschrift des damaligen Bürgermeisters Siegfried Wilke.

„Sollen wir jetzt also den ganzen Stadtrat verurteilen? Sollen wir jetzt die Siegfried-Wilke-Straße umbenennen?“, fragt er. Für ihn sind es rhetorische Fragen. Er verweist darauf, dass Wilke am 4. April 1945 vielen Menschen das Leben gerettet, Kitzingen vor weiterer Zerstörung bewahrt hat, als er die Stadt kampflos an die Amerikaner übergeben hat.

Kitzingen war am 23. Februar 1945 bei einem Luftangriff schwer getroffen worden: 600 Tote, 800 zerbombte Häuser – Wilkes Handeln am 4. April hat also nachweislich ein zweites Inferno verhindert.

In über 25 Jahren Amtszeit hat sich Wilke für die Stadt eingesetzt, hat das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen, ist Kitzinger Ehrenbürger. „Wilke ist ein Beispiel von vielen“, sagt Wolfarth. „Es herrschte Diktatur, alle standen unter totalem Druck.“ Der 78-Jährige zeigt auf ein Bild, das die Adolf-Hitler-Straße zeigt, die bis zur Umbenennung Friedrich-Ebert-Straße hieß – genau wie heute wieder. „Für echte Kitzinger wie mich ist das ohnehin die Bahnhofstraße. Von uns benutzt niemand den offiziellen Namen.“

Aber zurück zum Kern des Gesprächs, zu Richard Rother. Jürgen Wolfarth sieht keinen triftigen Grund, warum die Kitzinger Realschule umbenannt werden müsste. Auch nicht der Hindeburgring, wie vor Jahren gefordert worden ist. „Und ich bin kein Brauner, das ist mir ganz wichtig.“ Das hätte Jürgen Wolfarth nicht betonen müssen: Es ist ein ruhiges, nachdenkliches Gespräch, bei dem der Autor der Rother-Artikel vor allem zugehört hat.

Würzburg, sagt er, geht mit seiner Nazi-Vergangenheit anders um. Dort geht es aktuell um die Hellmuth-Zimmerer-Straße, um die Nazi-Verstrickungen des früheren Oberbürgermeisters, insbesondere dessen rassistische Doktorarbeit. Und in Würzburg haben OB Christian Schuchardt und der Stadtrat ein klares Zeichen gesetzt, die Umbenennung steht offenbar bevor.

Noch keine Antwort

In Kitzingen wurde die Frage der Richard-Rother-Schulfamilie überlassen, OB Siegfried Müller, Stadtrat und Kreistag halten sich aus der Namensfrage komplett raus. Zuletzt sickerte durch, dass die Schule ihren Namen beibehalten will: Die Antwort auf eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung steht noch aus.

An Jürgen Wolfarth lautet die entscheidende Frage: „Sollte eine Bildungseinrichtung, die jungen Leuten Demokratie und Werte vermitteln soll, nach Richard Rother benannt bleiben? Oder gäbe es nicht Persönlichkeiten, die sich den Nazis entgegengestellt, dafür sogar ihr Leben gelassen haben?“

Diese Diskussion sollte mit den Zeitungsbeiträgen angestoßen werden – ergebnisoffen. Jürgen Wolfarth ist ins Grübeln gekommen. „Jetzt verstehe ich ihr Anliegen.“ Wir wollen uns wieder treffen, im Gespräch bleiben. Gerne auch mal zu weniger brisanten Themen.

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