MAINSONDHEIM

Altortserie: Junges Leben in alten Mauern

Drei Generationen leben im einstigen Forsthaus Mainsondheim. Wie das Haus saniert wurde und wie das Zusammenleben funktioniert, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.
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Eine Idylle mitten im Ort: Die Hauseingänge der Worschechs und Rauhs liegen heute im Innenhof. Foto: Foto: Andreas Rauh
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Vielleicht war Reinhard Worschech schon beim ersten Gang durch das Forsthaus 1974 klar, dass dessen mächtige Mauern all das neue Leben gut tragen können. Denn Leben zog zwei Jahre später reichlich ein in die einen halben Meter dicken Außenwände: Sechs Kinder brachten Ingrid und Reinhard Worschech mit nach Mainsondheim. Anna, Nummer 7, wurde 1982 dort geboren. Ob das ein Grund war, dass sie das Haus schon immer übernehmen wollte?

500 Jahre alte Mauern

Heute füllt das Lachen ihrer beiden Töchter Mathilda (6 Jahre) und Luisa (4) die Gänge des über 500 Jahre alten Gebäudes. Anna Rauh ist ihrem Mann Andreas „sehr dankbar“, dass er mitgekommen ist nach Mainsondheim, sagt die 36-Jährige. Leicht hat das Paar sich die Entscheidung nicht gemacht. Ein halbes Jahr hat es überlegt – und ist dann 2012 von Aschaffenburg in Anna Rauhs Elternhaus gezogen. Seitdem gehört den Rauhs das Anwesen mit seinen über 300 Quadratmetern Wohnfläche und dem 1000 Quadratmeter großen Grundstück. Annas Eltern Ingrid und Reinhard haben ein lebenslanges Wohnrecht.

Das Besondere: Der Wohnraum ist nicht nach Stockwerk und Generation aufgeteilt, es gibt keine abgeschlossenen Einheiten. Die Rauhs und Worschechs haben eine andere Form des gemeinsamen Lebens gewählt: Jede Familie hat ein eigenes Wohn- und Esszimmer, die Küche nutzen sie gemeinsam. Sie ist das Reich von Ingrid (73), die fürs Kochen und die Wäsche zuständig ist. Ihr Mann Reinhard (82) räumt nach dem Essen ab und spült, Schwiegersohn Andreas (38) kümmert sich um den großen Garten und seine Frau Anna (36) putzt. Und „sie hält alles zusammen“, fügt ihre Mutter Ingrid hinzu.

Arbeitsteilung zwischen den Generationen

Angesichts der Größe von Haus, Hof, Garten und Nebengebäuden gibt es reichlich Arbeit. Aber, und das sei ein riesiger Vorteil dieser Form des Zusammenlebens: „Man kann getrost sein, dass immer jemand da ist, der hilft“, betont Ingrid Worschech.

Das war schon damals wichtig, als es vor 44 Jahren ans Renovieren ging. Vier Forstämter waren 1974 in Unterfranken zum Verkauf ausgeschrieben, erinnert sich Reinhard Worschech. Zwei Jahre vorher war er Unterfrankens Bezirksheimatpfleger geworden, der Arbeitsplatz in Würzburg von Mainsondheim aus gut erreichbar. Das Gebäude von 1580, ursprünglich ein Pfarrhaus, musste grundlegend saniert werden. Es gab weder fließendes Wasser noch eine Heizung, aber Worschech sah, dass es „unwahrscheinlich schön“ war. Eineinhalb Jahre wurde geschuftet, dann konnte die achtköpfige Familie einziehen.

Auch eine Frage des Geldes

Die freizügigen Bilder, mit denen sich Worschechs drei Brüder damals unter der Tapete verewigten, entdeckte Schwiegersohn Andreas Rauh über 40 Jahre später wieder. Der Geschäftsführer des Human Dynamics Centre der Uni Würzburg packte kräftig mit an, als sie das unter Denkmalschutz stehende Haus fit machten für die Zukunft.

Finanzielle Unterstützung für den denkmalpflegerischen Mehraufwand gab's von der Stadt Dettelbach, dem Landkreis und dem Bezirk. Dennoch könne man sich von dem Geld, das sie in das Anwesen gesteckt haben, auch einen kleinen Neubau leisten, sagt Anna Rauh heute. „So etwas machst Du nur, wenn Dein Herz daran hängt.“ Dort unbedingt bleiben zu wollen, liege aber auch an Mainsondheim selbst, betont die Fachlehrerin für Handarbeit und Hauswirtschaft: „Hier will eigentlich keiner weg, weil's so schön ist.“

Großes Anwesen macht viel Arbeit

Schmucke Häuser wie das der Rauhs tragen dazu bei. Seit ihrem Einzug haben sie es streichen lassen, alle 35 Fenster erneuert, die Treppe, Bäder und das Dach. Hinzu kamen noch die Arbeiten an der Scheune. Sie wird heute vielfältig genutzt: für Winterholz, als Spielraum, für die Meerschweinchen. Sogar Gottesdienste wurden dort gefeiert, als die Kirche direkt gegenüber renoviert wurde.

Zudem ist in der Scheune viel Platz für Familienfeiern. Die fallen bei den Worschechs nämlich groß aus: 30 Leute kommen bei 13 Enkeln im Alter von 3 bis 27 Jahren und einer Urenkelin schnell zusammen. Denn selbstverständlich ist und bleibt es das Elternhaus aller Geschwister, auch wenn es heute den Rauhs gehört. Das sei, sagt Anna Rauh, „sehr schön, aber manchmal auch anstrengend“.

Entscheidung nie bereut

Bereut haben sie und ihr Mann die Entscheidung für Mainsondheim aber nie. Als Anna sagt, „wir leben hier von den Vorzügen des Anderen“, nicken ihre Eltern zustimmend. Die enorme Größe des Hauses, die für Ingrid und Reinhard Worschech vermutlich irgendwann zum Problem geworden wäre, ist der entscheidende Vorteil. Ein gemeinsames Essen am Tag ist fix, ansonsten kann jeder seiner Wege gehen. Die führen Mathilda und Luisa immer wieder ins Arbeitszimmer von Opa Reinhard. „Abends schleicht plötzlich eine in den Raum. Da freu ich mich“, sagt der 82-Jährige – und strahlt ob des jungen Lebens in den alten Mauern.

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Die Autorin ist die Cousine von Anna Rauh. Früher hat sie bei Besuchen dort die riesige Badewanne beeindruckt, in der alle Kinder Platz hatten.

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