Rüdenhausen

Altortserie: Junge Familie rettet Schmuckstück in Schieflage

In Rüdenhausen hat Familie Reinfelder über acht Jahre lang ein 300 Jahre altes Haus saniert. Eine Methode war besonders delikat: wie eine Operation am offenen Herzen
Artikel drucken Artikel einbetten
Marco und Astrid Reinfelder auf den Eingangsstufen ihres liebevoll restaurierten Hauses. Mit dabei die Söhne Franz und Leo. Foto: Hanns Strecker
+4 Bilder

In den Unterlagen aus dem Gräflichen Schlossarchiv zu Castell kann man den Kaufvertrag für das Haus Nummer 38 in Rüdenhausen einsehen: Der fürstliche Hofmetzger Georg Schmidt hat am 7. Oktober 1722 vom Bäckermeister Mattheus Hepp das 1716 erbaute Haus für 350 Gulden gekauft. Dass dieses der Nachwelt erhalten bleibt, ist die fast neunjährige, besser gesagt, unendliche Geschichte einer jungen Familie. Mit Anfang 30 war es für Marco und Astrid Reinfelder an der Zeit, sich "was Eigenes" zuzulegen. 2009 wurde Sohn Franz geboren und die 75 Quadratmeter große Wohnung in Düllstadt war eindeutig zu klein. "Wir wollten nichts Neues bauen, wir wollten etwas Ursprüngliches, sagt Marco Reinfelder. Der gelernte Schreiner hat sich als Berufsschullehrer für Holztechnik weitergebildet. Die Sehnsucht ging bei beiden mehr nach "was Altem, Uraltem".

Ein Glücksfall für alle Beteiligten

Viel angesehen hat sich das Paar. "Alles was wir angeschaut haben, war in der vorausgegangenen Zeit ziemlich wild teilsaniert worden", so Reinfelder. Von dem ursprünglichen historischen Reiz war nicht mehr viel da. " Nichts für uns !", stimmt seine Frau zu. Dass das Schicksal dann für sie 2010 in Rüdenhausen zugeschlagen hat, war für alle Beteiligte ein Glücksfall. Ein Haus aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts. In der Ortsmitte, in direkter Nachbarschaft zum Adelssitz der Familie Castell-Rüdenhausen. Aber in armseligem Zustand, wo die Natur bereits die Oberhand gewonnen hat. Über lange Jahre hinweg nicht mehr bewohnt, aber: Es war durchgehend im Besitz der alteingesessenen Rüdenhäuser Familie Schmidt gewesen, und man hatte in der Zeit nichts "kaputtsaniert" .

"Je mehr man freigelegt hat, desto mehr Schäden hat man erkannt."
Marco Reinfelder, Hausbesitzer

Der Vater des Hausherren, Konrad Reinfelder, hat als Hobbyforscher alles in den Archiven nachrecherchiert. Lückenlos hat er die Besitzer aus über 300 Jahren zurück aufgelistet. Die Bestandsaufnahme mit einem Architekten war nicht vielversprechend, aber die Familie kaufte das Haus 2010. Es folgten Begutachtungen durch das Landesamt für Denkmalpflege – das Haus steht unter Denkmalschutz. "Wenn man sich nicht genau daran hält, gibt es keine Zuschüsse von den jeweiligen Ämtern", sagt der neue Hausherr. 

Sanierung strapaziert das Nervenkostüm

Festgestellt wurde, dass das Haus 1727 umgebaut wurde. Ein weiterer Stock kam hinzu. Dazu hatten die Handwerker den Dachstuhl abgebaut, ein Stockwerk daraufgebaut und den Dachstuhl wieder aufgesetzt. Es wurden "Abbundzeichen" in den Balken gefunden, die Zimmerleute eingeschnitzt haben, um die Balken zu markieren, damit sie wieder folgerichtig zusammengebaut werden konnten.  Dass dieses Aufstocken fast zum Verlust des Hauses hätte führen können, war Familie Reinfelder zunächst nicht bekannt. "Wir entkernten quasi das ganze Haus. Fast zwei Jahre hat das gedauert." Geschätzte 20 Tonnen Dreck und Schutt wurden herausgebracht. "Alles mit der Hand !", so Marco Reinfelder. "Je mehr man freigelegt hat, desto mehr Schäden hat man erkannt. Psychologisch nicht so gut."

Hydraulikstempel rücken das Stockwerk wieder gerade

Was das Paar toll fand: die Hilfsbereitschaft der Rüdenhäuser. "Wir wurden super in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Wenn wir was gebraucht haben, war es sofort da. Egal ob Traktor mit Hänger, Abbruchgerät oder helfende Hände."

Dann folgte der Schock: Der Architekt hatte festgestellt, dass das Haus ab dem nachgebauten ersten Stock in Schieflage war. Eine Neigung von bis zu 40 Zentimetern! Das verfaulte Gebälk und die Mauerungen hatten ihren Tribut gefordert. Schnelles Handeln war erforderlich. Eine Spezialfirma plante mit einem Statiker, das Haus anzuheben. Stahlseile wurden um und durch das Haus gespannt, Holzbalken zur Abstützung eingebaut. Im Meterabstand wurden an an der Unterseite des Geschosses hydraulische Stempel befestigt, dann wurde zentimeterweise nach und nach die Decke an der Neigung hochgepumpt." Es knirschte und knackte", schaudert es den Hausbesitzer noch heute. Er schnauft. "Das war eine Operation am offenen Herzen!" Alles hat geklappt. Der entstehende Spalt wurde sofort zugemauert.

Überhaupt geht jetzt alles aufwärts: Sohn Leo ist geboren. Die Großeltern müssen mit ran! Und beim Haus geht es jetzt vorwärts, statt Rückbau! Ende 2018 zogen die Reinfelders ein. Noch ist nicht alles fertig, aber wunderschön. Und stolz sind sie, dass sie mit ihrem "Lebenswerk" etwas historisch Bedeutsames der Nachwelt hinterlassen.

Rüdenhausen
Der Markt Rüdenhausen gehört zur Verwaltungsgemeinschaft Wiesentheid. Er wurde erstmalig 892 urkundlich erwähnt und ist durch seine Dorfschätze, wie das alte Schloss, bekannt. Im Ort leben 892 Einwohner. Laut Bürgermeister Gerhard Ackermann gibt es im Ort derzeit drei Bauplätze der Kommune und vier in privater Hand, die zum Teil noch nicht erschlossen sind. Zudem gibt es einige leerstehende Gebäude in Privatbesitz.
Ein kommunales Förderprogramm ist nicht vorhanden, doch kann die Gemeinde Sanierungen bezuschussen, per Einzelfallentscheidung. Der Bürgermeister hebt die besonders gute Zusammenarbeit mit Familie Reinfelder hervor, die "sehr qualifiziert saniert hat". Er bezeichnet sie als "Glücksfall" für die Gemeinde.

Kommentare (0)

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.