Mainbernheim

Altort-Serie: Mit Bauchgefühl ins Pfarrhaus

Keine Siedlung, kein Neubau: Die Mainbernheimerin Claudia Dörr wollte immer ein altes Haus. Der Traum erfüllte sich, aber anders als gedacht.
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Claudia Dörr und ihr Mann Sebastian Blob-Dörr kauften 2007 das alte Pfarrhaus in Mainbernheim und richteten es her. Das barocke Portal steht unter Denkmalschutz. Foto: Foto: Julia Lucia
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Claudia Dörr war schwanger, als sie ihr Traumhaus gefunden hatte: uralt, verfallen und in der Altstadt von Mainbernheim. „Es müssen wohl die Hormone gewesen sein“, sagt sie lachend. Nicht nur, auch der Zufall spielte eine Rolle.

Eigentlich wollten sie und ihr Mann Sebastian ein altes Haus in Iphofen. Nach fünf Jahren Suche gaben sie den Traum auf. Da landete ein Exposé ihres Maklers im Briefkasten: Das alte Pfarrhaus in der Mainbernheimer Herrenstraße stand zum Verkauf. „Eigentlich wollte uns der Makler ein anderes Haus anbieten, aber irgendwas ging schief“, erinnert sich Dörr.

Liebe auf den ersten Blick

Immer neugierig auf alte Häuser, schaute sich das Paar das Haus, das 1713 gebaut wurde, an. „Wir kamen erst gar nicht rein, weil im Hof meterhoch Laub lag“, erinnert sich Sebastian Blob-Dörr. „Das Haus war mega-verfallen“, ergänzt seine Frau. Doch trotz aller Widrigkeiten war es Liebe auf den ersten Blick – zumindest von Claudia Dörr. „Und ich hatte nichts zu melden“, neckt Blob-Dörr seine Frau.

„Ich wollte immer in die Altstadt. Siedlungen sind mir zu steril“, sagt die 37-Jährige, deren Elternhaus auch in der Herrenstraße steht. Sie wollte immer ein Haus mit Hof und Garten – eine Seltenheit in der eng bebauten Mainbernheimer Altstadt.

Zwei Wochen vor der Geburt in die Baustelle gezogen

Nicht wissend, worauf sie sich einlassen, begannen sie im November 2007 mit dem Umbauarbeiten auf dem knapp 1000 Quadratmeter großen Grundstück. Viel machten der Karosseriebaumeister, sein Schwiegervater und Freunde selber. Die Zeit drängte, Claudia Dörr wollte vor der Geburt des zweiten Kindes einziehen. „Das haben wir geschafft. Anfang Februar sind wir in die Baustelle gezogen. Etwa zwei Wochen später kam unser Sohn Benedikt auf die Welt.“

Zehn Jahre später fragt sie sich: „Warum diese Eile?“ Ein Grund war sicherlich die Miete für die Wohnung in Iphofen. Im Nachhinein gibt sie künftigen Bauherrn den Rat, so viel wie möglich vor dem Einzug zu machen. Sie haben damals die alten Fenster gelassen. Eigentlich müssten sie jetzt ausgetauscht werden.

Zu Viert im Wohnzimmer geschlafen

Eigentlich, denn die Familie graut es vor dem Dreck und dem Chaos. Claudia Dörr kann sich noch gut an das Leben in der Baustelle erinnern. Überall lag der feine Staub, der sich trotz Schmutzschleuse in der Wohnung verteilt hat. Zu viert haben sie im Wohnzimmer geschlafen, da unter dem Dach erst Schlaf- und Kinderzimmer ausgebaut werden mussten.

„Wir waren total jung, schätzten den Aufwand oft falsch ein und hatten Angst, dass wir uns finanziell zuviel zumuten“, begründet sie die Entscheidung, alles nach und nach zu renovieren. „Es war immer eine Geldfrage.“ Aber sie waren beide auch immer davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt. „Ich konnte mir von Anfang an vorstellen, wie schön es wird“, sagt Claudia Dörr.

Das Haus hat eine jahrhundertealte Geschichte

Mit viel Geduld haben Sebastian Blob-Dörr und seine Helfer Altes wieder hergestellt. Mühevoll wurden mit Sandsteinmasse fehlende Stücke ergänzt und morsche Balken ersetzt. Leider wurde das alte Pfarrhaus Ende der 60er Jahre umgebaut und dabei viel der alten Struktur kaputt gemacht. Das nüchterne Treppenhaus und auch die Einscheibenfenster erinnern immer noch an diese Bausünden. Freistehende Balken, das große Tor zum Hof und auch das barocke Eingangsportal erzählen dagegen von der jahrhundertealten Geschichte des Hauses.

Einzigartig ist wohl der Bär beim Portal. Steht der Mainbernheimer Bär überall aufrecht, ist er dort auf allen vieren in Ketten zu sehen. „Angeblich steht er nicht auf zwei Beinen, weil Mainbernheim noch unter der Herrschaft der Ansbacher Marktgrafen stand, als das Haus gebaut wurde“, erklärt Sebastian Blob-Dörr.

Erst Pfarrhaus, dann Arztpraxis

Sicher ist auf jeden Fall, dass viele Mainbernheimer Erinnerungen an das alte Pfarrhaus haben. „Hier habe ich noch Kicker gespielt, als es das Jugendhaus war“, erzählt Claudia Dörr. Sehr viele erinnern sich auch noch an die Zeit, als der Arzt Michael Seemann seine Praxis in der Herrenstraße 20 hatte.

Diese Räume baute Claudia Dörr um und gibt dort Kurse für Babys, Mütter und junge Familien. Nicht nur die Kleinen fühlen sich dort wohl. Auch die Dörrs lieben ihr altes Pfarrhaus mit dem versteckten Garten dahinter. „Wie gut, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe“, sagt Claudia Dörr und lacht. Oder waren es doch die Schwangerschaftshormone?

Aufbruch in Mainbernheims Altstadt

Aktuelle Lage: In den vergangenen fünf Jahren fanden rund 30 Anwesen in der Altstadt einen neuen Eigentümer. Auch die Stadt sanierte einige Gebäude, zum Beispiel die Radlerherberge, und schloss mit Quartiersstellplätzen oder dem Mehrfamilienhaus am Kirchplatz zwei Baulücken. Zurzeit gibt es etwa 20 leer stehende Häuser, die jedoch nicht alle verkauft werden. Laut Bürgermeister Peter Kraus finden sich Käufer für Anwesen, bei denen der Preis realistisch und der Sanierungsbedarf nicht zu hoch ist. Förderung: Mainbernheim ist seit 2002 in der Städtebauförderung und hat den „Altstadtbereich mit Umgriff“ als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Für Bauherren bedeutet das unter anderem eine Beratung der Stadtplanerin Yvonne Slanz auf Kosten der Stadt, Staat und Kommune beteiligen sich an den Baukosten oder es werden durch das kommunale Förderprogramm bis zu 30 Prozent der Kosten (höchstens 20 000 Euro) erstattet.

Albergo diffuso: Die Idee, leer stehende Häuser touristisch zu nutzen, stammt aus Italien und wird in Mainbernheim seit 2014 verfolgt. Das Projekt wurde bei einem Wettbewerb des Bundesbauministeriums ausgewählt und seitdem gefördert. Läuft alles wie geplant, soll in diesem Jahr der Pulverturm zu einem besonderen Übernachtungsquartier ausgebaut werden.



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