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Münsterschwarzach

Als Privatmann wäre er Millionär: Managermönch Anselm Grün wird 75

Wer 20 Millionen Bücher verkauft, hat ein Gespür für Themen und Menschen. Und Anselm Grün weiß auch mit Geld umzugehen. An diesem Dienstag wird der Mönch 75 Jahre alt.
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Hat mit seinen Büchern und Vorträgen seit Jahren großen Erfolg: der Münsterschwarzacher Benediktinermönch Anselm Grün. Am 14. Januar feiert er seinen 75. Geburtstag. Foto: Thomas Obermeier
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Hier also entstehen Bestseller. Ein kleines Zimmer mit Schreibtisch und Sitzecke, stapelweise Bücher, Hefte, Dokumente. Der Computer ist an, auf einem Tischchen liegt die "Berliner Zeitung" mit einem ganzseitigen Bild von ihm. Drei Seiten haben sie ihm zum Jahresauftakt gewidmet. Ihm, dem wohl bekanntesten Mönch Deutschlands. Einer, bei dem alles zu passen scheint. Der Name, seine weise Erscheinung mit lichtem Haar und Rauschebart,  seine Gedanken zu Leben und Glauben.

Und die Zeit, in die er gefallen ist. Die hat gepasst. Eine Ära ohne die großen Theologen vom Schlage eines Karl Rahner oder Hans Urs von Balthasar. Das war die Chance für Pater Anselm Grün , weit über das Benediktinerkloster Münsterschwarzach (Lkr. Kitzingen) hinaus gehört zu werden. An diesem Dienstag wird er 75 Jahre alt.

Einnahmen fürs Kloster und eigene Bescheidenheit

Anselm Grün hat die Chance genutzt. In über 30 Sprachen sind seine Bücher übersetzt, sie haben eine Auflage von rund 20 Millionen Stück erreicht. Manche sagen, er habe von der Esoterikwelle profitiert, Grün selbst ficht das nicht an. Fünf bis acht neue Titel erscheinen pro Jahr, an die 300 sollen es mittlerweile sein. So genau weiß er es selbst nicht. Auch nicht, wie viel Geld er mit seinen Vorträgen und Büchern für die Abtei erwirtschaftet hat, deren Cellerar – also wirtschaftlicher Leiter – er von 1977 bis 2013 war.

Als Privatmann wäre er längst Millionär, als Mönch lebt er weiterhin in seiner 20-Quadratmeter-Zelle, hat kein eigenes Konto und fährt mit seinem Golf noch selbst zu allen Vorträgen. "Sonst käme ich da abends nicht mehr heim." Das Geld zum Tanken lässt er sich aus der Klosterkasse vorstrecken.

Anselm Grün ist knapp getaktet in diesen Tagen vor seinem runden Geburtstag. Zig Medien wollen Interviews, wollen seine Popularität ergründen und ein wenig selbst davon profitieren. So ist es, wenn jemand einen Draht zu Menschen findet, die auf der Suche sind – nach Sinn, nach Inspiration, nach Rat im beschwerlichen Alltag oder bei fordernden Aufgaben.

Gerade ist die Post gekommen, der Pförtner zeigt den Packen Briefe: "Schauen Sie, so viel ist das jeden Tag. Und der schafft das bis morgen weg!" Womit er meint: Der prominente Bruder beantwortet alles in kurzer Zeit, lässt nichts auflaufen. Genauso hält er es mit den E-Mails, rund 30 sind es täglich. Auf die allermeisten reagiert Anselm Grün schnell und freundlich. Nur bei wenigen erspart er sich die Antwort. Dort, wo Schreiber nur Dampf ablassen oder ihn beschimpfen. "Da ist kein Dialog möglich."

Auch mit 75 noch als Autor und Referent gefragt

Der nun 75-Jährige reflektiert und entscheidet bewusst, wem oder was er Macht über sich gewährt. Macht ist eines seiner aktuellen Themen, über die er geschrieben hat – neben Liebe, Engel, Vertrauen, Beziehung. Und: das Alter. Kann er es selbst so gelassen annehmen, wie er es in seinen Büchern empfiehlt? Kann er kürzer treten und die Ansprüche an sich selbst zurückschrauben? Nun ja... 

Grün wirkt für sein Alter hellwach, hat einen schnellen Schritt – und wenig Zeit, zumindest an diesem Tag. Das nächste Radio-Interview wartet. Man könnte auch sagen: Da ist ein Rast- und Ruheloser, beseelt nicht nur in seiner Spiritualität, sondern auch von seinem unglaublichen Erfolg. Noch hält er an die 150 Vorträge im Jahr . Nein, süchtig sei er nicht nach dem Zuspruch, beteuert Anselm Grün. Aber viele Menschen zu erreichen - das bereite ihm Genugtuung. Ihm, der als Kind mal Naturwissenschaftler werden wollte.

Geboren im fränkischen Junkershausen ist er in München aufgewachsen und kam mit 13 Jahren ans Internat nach Münsterschwarzach. Am Würzburger Riemenschneider-Gymnasium machte er das Abitur und entschied sich mit 19 für den Eintritt ist Kloster. Seelsorger wollte er eigentlich sein.

"Das hat mich erstmal in eine Krise gestürzt."
Anselm Grün über seine Bestellung zum wirtschaftlichen Leiter des Klosters

Dass man ihn in den 70er Jahren dann gebeten hat, als Cellerar die Abtei zu managen – "das hat mich erstmal in eine Krise gestürzt." Doch in Münsterschwarzach dachte man: Der Anselm, der mit bürgerlichem Namen Wilhelm heißt, kann das – immerhin führte sein Vater in München ein Elektrogeschäft. Ergänzend zu dieser "Qualifikation" absolvierte der studierte Philosoph und promovierte Theologe  dann noch ein Studium der Betriebswirtschaft in Nürnberg. Er wurde zum Manager in Kutte. Nahm vorübergehend Kredite auf, um das Geld in Aktien und Anleihen anzulegen und das Klostervermögen zu mehren.

Solches Denken hat nicht wenige Mitbrüder verstört. Anselm Grün dagegen handelte aus Überzeugung: "Ich habe nicht spekuliert, sondern investiert, um unsere Einrichtungen zu finanzieren. Geld dient den Menschen." Rund 20 Unternehmen mit 300 Angestellten, Laien und Mönche, gehören heute zur Benediktinerabtei Münsterschwarzach, darunter  Metzgerei, Bäckerei, Autowerkstatt und Verlag.  Den größten Zuschussbedarf hat das klostereigene Egbert-Gymnasium mit rund 800 Schülern.

"Haben Sie heute schon das Sparkassen-Depot geprüft?", erkundigt sich Grün bei einem Mitarbeiter, der ihm im Gang über den Weg läuft. Zwar hat er nicht mehr die Hauptverantwortung als Cellerar, weiterhin aber für die Vermögensanlagen. Anselm Grün hat in vier Jahrzehnten in viele Aktien und Fonds investiert – darunter auch in schwierigen Ländern wie Argentinien und Russland. Dies hat ihm kritische Fragen und Erklärungsdruck beschert. Und ja, sagt er, auch Fehler habe er gemacht. Womit er nicht die Verluste während der Finanzkrise 2008/09 meint. Die habe alle getroffen und die Werte hätten sich innerhalb von zwei Jahren wieder erholt.

"Man kann durch Anlagen Einfluss nehmen auf eine gesunde Wirtschaftsweise."
Anselm Grün über ökologisch und ethisch saubere Investments

Aber eigentlich mag der "Glückspater" über seine Aktiengeschäfte nicht mehr gerne sprechen – obwohl er Bücher auch über nachhaltige Geldanlagen geschrieben hat. Ihn ärgert der öffentliche Eindruck, befördert durch Boulevardmedien , hier sei ein Zocker am Werk. Auf rund sechs Prozent schätzt er die Durchschnittsrendite, die er in den vergangenen zehn Jahren mit den Anlagen erwirtschaftet hat. Bei der Auswahl ist er heute sensibler und verweist auf Fonds, deren ökologische und ethische Nachhaltigkeit geprüft ist. "So kann man durch Anlagen Einfluss nehmen auf eine gesunde Wirtschaftsweise", meint Grün.

Er warnt vor einer Zahlendominanz, selbst habe er es nie auf Gewinnmaximierung abgesehen. Unternehmen sollten immer ihre Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen: "Man darf den Menschen nicht den Zahlen unterordnen, sonst wird er ausgenutzt und ausgepresst." Hier der spirituelle Ratgeber, dort der Aktienjongleur. Hier der private Verzicht, dort das Vermögen der Gemeinschaft: Was widersprüchlich im Leben des Anselm Grün erscheinen mag, hat er für sich selbst versöhnt – und ist zu einer Marke geworden.

Eine Marke, die sich verkaufen lässt. Benutzen lassen will sich der Managermönch nicht. Er lehne Verlagsanfragen ab, wenn ihm das Thema nicht zusagt. Ebenso Bitten um Vorträge, wenn der Veranstalter horrende Eintrittspreise verlangen will. Er selbst nimmt für einen Auftritt 700 Euro zu Gunsten des Klosters, "hier geht es auch um Wertschätzung".

"Ich will nicht zu viel über mich selber schreiben."
Anselm Grün zum öffentlichen Umgang mit seiner Krebserkrankung

Anselm Grün hat das, was man eine positive Aura nennt. Aus seinen Worten spricht Hoffnung, sein Lächeln verbreitet Zuversicht. Ein Wohlfühltheologe will er dennoch nicht sein. Er hat über Depression, Ängste und das Scheitern geschrieben. Und seine eigene Nierenkrebserkrankung vor einigen Jahren?  Er verheimlicht sie nicht, trägt sie aber nicht vor sich her. "Ich will nicht zu viel über mich selber schreiben." Vielleicht auch, um die Marke Anselm Grün zu schützen?

Er hat jedenfalls noch einiges vor. Jüngst hat der 75-Jährige viele überrascht, als er sich in einer öffentlichen Erklärung hinter die Frauenkirchenbewegung Maria 2.0 stellte – ausgerechnet er, der sich in all den Jahrzehnten  mit Kritik an der Institution Kirche zurückgehalten hat. Diesmal wollte er ein Zeichen setzen: "Da ist Not und Frustration. Wir müssen auf die Stimme der Frauen in der Kirche noch intensiver hören. Sonst verlieren wir sie, so wie die Kirche die Arbeiter verloren hat."

Er hat also noch etwas zu sagen, dieser Manager und Inspirateur in Mönchskutte – vor allem über das Menschsein in einer turbulenten Welt. Er setzt auf Verwandlung statt Veränderung, was so viel heißt wie: Verbiege dich nicht, sondern akzeptiere und entwickle dich. In einer Zeit von Überinformation und digitaler Revolution will Anselm Grün die Menschen zur Besinnung auf sich selbst ermutigen – oder wie er es sagt: "Lasst uns die Weisheit der eigenen Seele entdecken."

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