KITZINGEN

Alles Müller? Nicht wirklich!

Nach der Wahl ist vor der Wahl – sagt Franz Böhm. Und er muss es wissen. Seit 36 Jahren ist Böhm im Kitzinger Stadtrat. Seine Erfahrung zeigt: In den nächsten Tagen werden die politischen Weichen in der Großen Kreisstadt gestellt. Wer kann mit wem? Und wie stellt man sich jetzt schon am geschicktesten auf, um in sechs Jahren den größtmöglichen Erfolg zu haben?
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Vier Müllers aus drei Generationen: Der kleine Maximilian freut sich nach dem Wahlkrimi genauso wie sein Onkel Christian (links), sein Opa Siegfried und sein Papa Manuel. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Nach der Wahl ist vor der Wahl – sagt Franz Böhm. Und er muss es wissen. Seit 36 Jahren ist Böhm im Kitzinger Stadtrat. Seine Erfahrung zeigt: In den nächsten Tagen werden die politischen Weichen in der Großen Kreisstadt gestellt. Wer kann mit wem? Und wie stellt man sich jetzt schon am geschicktesten auf, um in sechs Jahren den größtmöglichen Erfolg zu haben?

Mit 52,5 Prozent und 337 Stimmen Vorsprung ist Siegfried Müller (UsW) zum zweiten Mal zum Kitzinger Oberbürgermeister gewählt worden. Den Rückhalt hat er vor allem in seinen Hochburgen erhalten: in der Siedlung und den Stadtteilen.

Das Ergebnis vom Sonntag zeigt: Die Stadt ist politisch zweigeteilt. Denn in den Wahllokalen auf der Stadtseite hat Stefan Güntner gewonnen. Teilweise mit klarem Vorsprung. In der Paul-Eber-Schule holte er 67 Prozent, in der Berufsschule II 65 Prozent. Müller punktete im Wahllokal Mainfränkische Werkstätten (Tannenbergstraße/Siedlung) mit 80 Prozent. In der Siedlungsschule holte er 70 Prozent. Auch in den Stadtteilen hatte Müller die Nase vorn, vor allem in Hoheim, wo er 71 Prozent holte. In Sickershausen und Repperndorf kam Müller knapp über 60 Prozent, in Hohenfeld landete er bei 53 Prozent.

Klarer Vorsprung in der Stadt

Alle Wahlbezirke auf Stadtseite hat er für sich geholt: Stefan Güntner kann auf diesem Ergebnis aufbauen. Dass er es nicht beim guten Wahlergebnis belassen wird, sondern aktiv mitbestimmen will, war am Wahlabend nicht zu überhören. Der 32-Jährige versicherte, er wolle etwas bewegen und durchaus „ein bisschen anschieben“. Oberbürgermeister Siegfried Müller wehrte sogleich ab: „Anschieben braucht er mich nicht“; mitziehen dürfe Güntner aber sehr gerne.

Seinen Wahlsieg führte Müller nicht zuletzt auf sein „tolles Team“ der UsW zurück, das ihn „super unterstützt“ habe. Den guten Zusammenhalt innerhalb der UsW – nach der Abspaltung mehrerer Räte, die künftig nicht mehr im Stadtrat sitzen – betonte auch der Fraktionsvorsitzende Manfred Marstaller. Die geplante Weichenstellung für den Stadtrat formulierte er so: „Wir wünschen uns mehr Ruhe im Rat – und das wird uns auch gelingen, weil wir gewillt sind, mit der größten Fraktion, der CSU, vernünftig zusammenzuarbeiten.“

Gemeinsam mit den acht CSU-lern haben die sechs UsW-Räte – Rolf Ferenczy rückt aufgrund des Stichwahl-Ergebnisses nach – und Oberbürgermeister Siegfried Müller künftig 15 Stimmen; zwei fehlen zur Mehrheit. Die Fühler zu SPD und ÖDP sind bereits ausgestreckt, wie führende Köpfe der Parteien inoffiziell bestätigten. Gemeinsam würden diese Parteien über 22 Stimmen verfügen – eine satte Mehrheit. Also neue Zeiten im Kitzinger Stadtrat?

Astrid Glos, Kandidatin und Stadträtin der SPD, wünscht sich jedenfalls, dass „Müller dieses Mal auf die richtigen Pferde setzt“. Andrea Schmidt (ÖDP) glaubt, dass Müller in seiner ersten Amtsperiode „Lehrgeld bezahlt“ hat und „die Sache diesmal anders angeht, dass er offener ist und versucht, möglichst viele Stadträte aus möglichst vielen Fraktionen mit ins Boot zu nehmen“.

SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Brigitte Endres-Paul sieht gerade in der Vielfalt der Gruppierungen ein Problem. Acht Fraktionen und Gruppen sprechen im Stadtrat mit. Die Bayernpartei ist mit Uwe G. Hartmann zum ersten Mal vertreten. „Es wird außerordentlich schwer, einen Konsens zu finden“, prophezeit sie. Eine feste Koalition wird es nach ihren Worten sicher nicht geben. Aber wenn Siegfried Müller die kommenden Aufgaben klar strukturiert, eine Prioritätenliste erstellt, kommuniziert und durchzieht, wird sich die SPD nicht verschließen. „Es geht uns schließlich um das Wohl der Stadt.“

Weiter im gleichen Stil?

Um das Wohl der Stadt geht es auch Klaus Christof (KIK). Nach den Ergebnissen der Stichwahl und der Stadtratswahl zeige sich aber, dass die Bürger keine großen Veränderungen wollten. „Für die Entwicklung der Stadt wäre aber eine hundertprozentige Kehrtwende nötig gewesen“, sagt er. „Menschen werden sich nicht zu hundert Prozent ändern.“ An einen Wandel in der Stadtratspolitik kann er deshalb nicht glauben. „Es wird im gleichen Stil weitergehen“, prognostiziert er und warnt vor einer schnellen Mehrheitsfindung ohne durchdachte Qualität. Themen wie die Entwicklung der Innenstadt seien komplex, müssten diskutiert werden und seien nur im Konsens zu lösen. Für Gespräche sei er immer offen, versichert der Bürgermeister. „Aber wir werden uns nicht anbiedern.“

Am Dienstag, 6. Mai, wird die konstituierende Sitzung des neuen Stadtrates stattfinden. Bis dahin werden hinter den Kulissen Gespräche geführt. Natürlich auch über die künftige Besetzung der Bürgermeister- und Referentenposten. Am Wahlabend hatten Müller und Güntner Fragen danach abgeblockt mit dem Hinweis, dass die Zeit für ein Postengeschacher viel zu früh sei. Erst die Sachthemen, dann die Personalentscheidungen. So lautete die Botschaft.

Franz Böhm weiß aus Erfahrung, dass gerade Posten wie die der zwei Bürgermeister wichtig für das Renomee der Parteien sind. Diese Besetzungen werden ein Teil der kommenden Sondierungsgespräche sein. „Alle Parteien werden jetzt gute Startpositionen für sich suchen“, sagt Böhm. „In sechs Jahren finden schließlich die nächsten Wahlen statt.“

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