Großlangheim

Abenteuer statt Eigenheim: Mit dem Motorrad nach Indonesien

Der Mittlere Osten, überall Not? Eine andere Welt erlebt der Großlangheimer Michael Scheller bei seiner Motorrad-Reise: Frieden, Freude – und die Gastfreundschaft des Islam.
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Wo er auch hinkommt, lächeln die Menschen ihm zu: Michael Scheller ist mit seinem Motorrad von Großlangheim aus bis an Indonesiens Südspitze gefahren. Das Bild zeigt eine Begegnung in Myanmar. Foto: Daryl Cauchi
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Die zarte Muschelkette an seinem Handgelenk deutet darauf hin, dass Michael Scheller eben noch die nackten Füße im Sand Balis vergraben hat. Nichts Besonderes heutzutage? Doch, wenn man von Großlangheim aus mit dem Motorrad (und Fähren) 50 000 Kilometer bis in den Süden Indonesiens fährt. Der 31-Jährige ist abgezweigt von dem Weg, der geradewegs Richtung Karriere, Familie, Eigenheim führte.

Zwischen Maschinenbau-Studium in München und Arbeitsbeginn bei VW in Wolfsburg im Jahr 2015 reist Scheller erstmals länger alleine, leiht sich in Indien ein Motorrad. Er fährt, seit er 16 ist. An das chaotische Treiben auf den Straßen dort gewöhnt er sich schnell. "Irgendwie funktioniert es, alles bleibt im Fluss." Ein Gedanke, der ihm später auf der Reise noch häufig begegnen wird. Und noch einer lässt ihn nicht mehr los: Nach Indien fahren mit dem Motorrad wäre toll.

Zweieinhalb Jahre später kommt sie wieder, die Idee von damals. Und die Erkenntnis: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Innerhalb von zwei Monaten sind die Vorbereitungen getroffen, er und seine BMW R 100, Baujahr 1995, startklar. Von einer Weltreise ist da noch keine Rede. Selbst von seinem Sehnsuchtsziel Indien erzählt er nicht jedem, bevor er im Oktober 2017 in Großlangheim losfährt. Gut zwei Monate später erreicht er an Weihnachten das Taj Mahal, Indiens berühmtestes Bauwerk. Ziel erreicht?

Ist der Großlangheimer der typische Deutsche?

"Irgendwann geht's nicht mehr um das Ziel, sondern um den Weg."Als er das sagt, sitzt Scheller in einem Café in Kitzingen, und wirkt so gar nicht wie einer, der sich treiben lässt. Eher wie der Prototyp eines deutschen Ingenieurs, der er ist. Ruhig, überlegt, systematisch. Noch dazu groß, blond, blauäugig. Der typische Deutsche? Michael Scheller lächelt, wenn er mit diesem Vorurteil konfrontiert wird. Denn genau dieses Bild vom "erfolgreichen Westler", wie er sagt, hilft ihm bei der Reise. Ob Türkei, Iran oder Indien: Der blonde Ausländer auf dem Motorrad steht schnell im Mittelpunkt und ist ständig von Menschen umringt.

Die sind nicht nur neugierig auf den Fremden, sondern laden ihn auch zu sich nach Hause ein, bekochen ihn, stellen ihn ihrer Großfamilie vor. Wenn der 31-Jährige von seinem Motorrad-Abenteuer erzählt, geht es nicht um spektakuläre Wasserfälle oder die schönsten Gipfel, sondern um die Menschen, denen er begegnet. Wie im Südosten der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Dort trifft er auf viel Militär, Straßensperren. Schnell durchfahren, sagt der Kopf. Doch in der Stadt Batman lernt Scheller einen Lehrer kennen, der ihn mitnimmt zu sich – und zum Wandern in die Berge. Zudem darf der Großlangheimer eine Englisch-Stunde in dessen Schule halten. Die Kinder sind begeistert.

"Der Islam ist eine unheimlich gastfreundliche Religion, du wirst wie ein König behandelt."
Michael Scheller, Motorrad-Weltreisender

Und Michael Scheller erst. Vor allem von der Herzlichkeit, die er ständig erfährt: "Der Islam ist eine unheimlich gastfreundliche Religion, du wirst wie ein König behandelt." Das zeigt sich erneut an der Grenze zum Iran: Die Soldaten bringen ihm Tee, während sich ein Freiwilliger um seine Dokumente kümmert. Der Mann macht das in seiner Freizeit, Trinkgeld lehnt er ab. Er findet es einfach toll, dass Leute in sein Heimatland reisen und möchte helfen. Im Iran angekommen, kann Scheller all die Einladungen gar nicht annehmen, die ihm angeboten werden. "Die Welt ist ein viel freundlicherer und vielseitiger Ort als es einem in den Medien manchmal erscheint."

Vom Iran geht es weiter über Pakistan, quer durch Indien und Nepal, in einer Gruppe anderer Motorradfahrer durch Myanmar und über Laos, Thailand und Malaysia bis in den Süden Indonesiens. 18 Länder bereist Scheller in knapp zwei Jahren. Über das Internet-Portal Couchsurfing veröffentlicht er seine Route und die Gastgeber lassen ihn umsonst bei sich übernachten, geben Tipps, zeigen ihre Heimat. Er revanchiert sich mit Gastgeschenken, Mitbringseln für die Kinder – und stets einer Einladung zum Gegenbesuch in Großlangheim.

Reparaturen an der BMW erledigt er selbst

Ob diese jemals angenommen werden? Michael Scheller weiß, dass es für ihn viel einfacher ist, gen Osten zu reisen als umgekehrt. Die Lebenshaltungskosten dort sind niedriger, die Menschen haben weniger Geld und ein Trip nach Mainfranken ist deshalb für die meisten unerschwinglich. Sein finanzielles Polster hingegen ist noch gut, die Ersparnisse von seiner Zeit bei VW ermöglichen den Trip. Reparaturen an seiner BMW erledigt er selbst. Wird es also wirklich eine Weltumrundung? Einmal um den Globus auf der BMW? Die Unterstützung seiner Familie hat er. Sogar seine anfangs besorgte Mama folgt längst seinem Blog und freut sich über neue Fotos auf Instagram. Die Eltern besuchten ihn in Thailand, sein jüngerer Bruder Christian reiste nach Indien.

Michael Scheller will sich nicht festlegen, wohin der Weg noch führen wird. Er hat nur sein nächstes Ziel Australien im Auge. Anfang September geht sein Flieger nach Bali. In Australien will er sich einen Nebenjob suchen, um die höheren Lebenskosten zu bezahlen. Was danach kommt, ist offen. Satt ist er noch nicht, nach all der Vielfalt, der er begegnet ist. All den Lebensgeschichten, in die er eintauchen durfte. Im Gegenteil: "Je mehr ich sehe, desto mehr begeistere ich mich dafür."

Für alle Reiselustigen hat er einen Tipp

Auch für seine Heimat, in der er gerade eine Sommerpause verbringt. Urlaub macht vom Reisen. "Das Frankenland ist extrem schön. Heute sehe ich es mit anderen Augen." Irgendwann, sagt der Großlangheimer, möchte er auf jeden Fall sesshaft werden, eine Familie gründen. Doch bis dahin wird er seinen wichtigsten Tipp befolgen, den er allen Reiselustigen mitgeben möchte: "Man sollte lieber weniger planen, sondern schauen – und annehmen – was passiert."

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