Kitzingen
Engagement

71-Jährige kümmert sich um Jugendliche

Immer dienstags gibt´s was auf die Platte: Bärbel Steinkamp spielt Tischtennis mit den St. Martin-Schülern. Nicht nur deshalb bekommt die 71-Jährige heute das Kitzinger Weihnachtslicht.
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Bärbel Steinkamp und ihre Tennis-Schüler.  Fotos: Diana Fuchs
Bärbel Steinkamp und ihre Tennis-Schüler. Fotos: Diana Fuchs
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Das Lob geht runter wie Butter. Marko Schmitt grinst verschmitzt. Als "unser Tischtennis-Ass" hat ihn Bärbel Steinkamp vorgestellt. Die 71-Jährige muss es wissen: Marko ist schon seit vielen Jahren ihr Schützling. Und mittlerweile auch manchmal ihr Lehrer: "Er ist so gut geworden, dass er jetzt mich trainiert", sagt die 71-jährige Kitzingerin - und grinst mit dem 17-Jährigen um die Wette.

Gegen Marko verliert sie gerne mal. Immerhin ist es zum Großteil ihr eigener Verdienst, dass der St. Martin-Schüler an der Tischtennisplatte nur schwer zu schlagen ist. Jeden Dienstag steht die pensionierte Heilpädagogin neben ihm und zahlreichen anderen Schülern mit geistiger Behinderung an den zwei blauen und einer grünen Platte, die eigens in der Schulaula aufgebaut werden. Zwischen 12 und 15.30 Uhr wird in der St. Martin-Schule geschmettert, was das Zeug hält.


Einfach sein, wie man ist

Steinkamp, aktive Tischtennisspielerin im TSV Hohenfeld, ist nicht nur die Trainerin der Neun- bis 18-Jährigen. Sie hat auch die Platten gespendet. "Es ist toll für unsere Schule, dass wir jemanden wie sie haben", ist Jürgen Baier dankbar. Der stellvertretende Schulleiter weiß: "Das Kollegium könnte so ein Angebot nicht zusätzlich machen."

Die Schüler reißen sich um die Trainingsstunden - Fortgeschrittene genauso wie Anfänger. Bei besonderen Schwierigkeiten gibt es auch mal Einzeltraining mit Bärbel. "Ich freue mich auf jeden Dienstag!", tut Maik Siedler kund. Der 16-Jährige ist ein ehrgeiziger Spieler. Konzentriert steht er an der Plate. Macht er einen Punkt, ballt er kurz die Faust und feuert sich selbst an. Nach dem Match wischt er sich zufrieden den Schweiß von der Stirn und stellt fest: "Tischtennis macht einfach Spaß."

Ob bei solchen Duellen oder beim beliebten Rundlauf: "Die Schüler erwerben beim Tischtennis, aber auch bei anderen Sportarten soziale Kompetenzen. Sie lernen zu gewinnen, zu verlieren und fair zu sein." Das hat Bärbel Steinkamp in unzähligen Stunden beobachtet. 32 Jahre lang stand die gebürtige Essenerin als Heilpädagogin im Dienst der St. Martin-Schule, seit 40 Jahren ist sie bereits Mitglied beim Schulträger, dem gemeinnützigen Verein Lebenshilfe. "Die Lebenshilfe ist meine Familie geworden", meint die alleinstehende 71-Jährige lächelnd.

Sie nimmt den Namen des Vereins wörtlich: Nicht nur Schülern leistet sie "Hilfe zum Leben", sondern auch Senioren verschiedener Heime, die sie regelmäßig besucht. "Ich finde, wenn man Zeit hat, kann man sie ruhig mit anderen teilen."

Als Steinkamp vor acht Jahren in Pension ging, riss der Kontakt zur Schule nie ab. "Meine so genannten Behinderten sind mir einfach ans Herz gewachsen. Zu manchen früheren Schülern, die heute in der Werkstatt arbeiten, habe ich fast schon familiären Kontakt. Bei jedem Wiedersehen ist die Freude groß - auf beiden Seiten."
Das gilt für die heutigen Schüler der Tischtennis-Gruppe genauso. Mit lautem Hallo empfangen sie Bärbel Steinkamp. Diese freut sich ebenfalls: "Es ist einfach schön, wie herzlich sie mich jeden Dienstag begrüßen!"

Tischtennis sei ein sehr inte-grativer Sport. Und Integration liegt Bärbel Steinkamp am Herzen. Die Pädagogin ist froh, dass die "Zeit des Gaffens, Auslachens und Verspottens vorbei ist". Sie müsse allerdings auch vorbei sein, denn: Nur wer dem Mitmenschen begegne statt an ihm vorbei zu leben, sei am Ende ein Gewinner.
"Es ist normal, verschieden zu sein", erinnert sie an das Motto der Lebenshilfe. "Jeder hat doch das Recht, so zu sein, wie er ist."

Liebenswerte Wegbegleiter

"Behinderte verstellen sich nicht. Sie sagen, was sie empfinden." Steinkamp erlebt sie als "liebenswerte und liebevolle Freunde und Wegbegleiter". Als Beispiel nennt die 71-Jährige die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter: "Da habe ich viel Mitgefühl und Fürsorge von ihnen erfahren."
Gerade Behinderte hätten "große individuelle Fähigkeiten", speziell im sportlichen oder musischen Bereich. Deshalb sei es auch "ganz normal", wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen Sport treiben. Ihre St. Martin-Schüler haben auf sportlicher Ebene schon viel erreicht: Letztes Jahr stellte die Schule zum Beispiel erstmals den unterfränkischen Meister. Für 2013 plant die Schule - nach Anregung durch die Tischtennis-Gruppe - ein besonderes Turnier: "Schüler gegen Lehrer", soll es im Januar heißen. Nicht nur Maik und Marko freuen sich schon darauf, auch Bärbel Steinkamp und Konrektor Jürgen Baier. Die Erwachsenen wissen, dass der Nachwuchs keine Punkte verschenken wird.

"Kitzingen leuchtet"
- und das nicht nur am Weihnachtsmarkt. Der Stadtmarketing-Verein Kitzingen überreicht seit 2010 alljährlich engagierten Kitzingern, die vornehmlich im Hintergrund sozial tätig sind, ein Weihnachtslicht.

Preisträger Stellvertretend für Vereine, Selbsthilfegruppen und soziale Organisationen sind es in diesem Jahr: Bärbel Steinkamp (ehrenamtliche Mitarbeiterin der Lebenshilfe), Angela Furkel (Belange von Kindern und kath. Kirche), Peter Dodt (Rheumaliga) und Helene Schamann (Kitzinger Tafel).
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