Kitzingen
Gericht

15 Monate Knast als letzte Chance

Ein Jahr und drei Monate muss ein Rentner in Haft, in dessen Wohnung in der Kitzinger Siedlung es im August 2012 nach Mitternacht gebrannt hat. Weil der Strom abgestellt war, hatte er sich mit Hilfe von Teelichtern auf die Suche nach seinem Gebiss gegeben und dabei Müll in Brand gesetzt.
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Weil die Feuerwehr schnell da war, entstand nur etwa 5000 Euro Schaden. Dem 61-Jährigen war vorgeworfen worden, dass er ohne Rücksicht auf andere Mieter Wohnung und Wohnblock abfackeln wollte, als er brennende Teelichter auf den Fußboden seiner stark vermüllten Ein-Zimmer-Wohnung stellte. Dafür gebe es jedoch weder verlässliche Hinweise und vor allem kein Motiv, so am Freitag Nachmittag eine Große Strafkammer des Landgerichts Würzburg bei der Urteilsverkündung.

Fest steht, dass der seit langem alkohol- und betäubungsmittelabhängige Mann aus Iphofen, gelernter Schneider, die städtische Wohnung, die ihm seine Betreuerin einige Monate vor dem Brand vermittelt hatte, und vor allem die Umgebung dort hasste. Er sei sich wie "eingelagert" vorgekommen, sagte der Rentner vor Gericht und habe sich daher mehr in Würzburg aufgehalten, am Bahnhof und bei einer Freundin.
In der Unglücksnacht sei er mit dem Zug nach Kitzingen gefahren, um sein Gebiss zu holen.

Knapp drei Promille

Bei einer Geburtstagsfeier, die Freunde für ihn am Mainufer in Würzburg organisiert hatten, sei gegrillt worden und ohne Zähne habe ihm beim Essen der nötige Biss gefehlt. Da seine Wohnung ohne Strom war, habe er zum Zähne-Suchen drei Teelichter angezündet und eines ausgetreten, das zu nah am Müll war und ein "Feuerchen" verursachte. Warum er dann fluchtartig nicht durch die Türe, sondern durchs Fenster die Wohnung verlassen hat, keinen Notruf auslöste und erst zurückkam, als Feuerwehr, Polizei und Sanitäter schon da waren, konnte der Angeklagte sich angeblich nicht erklären. Dafür hatte der Vorsitzende Richter Burkard Poepperl sogar gewisses Verständnis: Bei knapp drei Promille hatte der Angeklagte trotz seiner langjährigen Alkohol-Erfahrung vermutlich den Bereich, wo man noch vernünftig denken kann, bereits endgültig verlassen.

Die 18 Monate ohne Bewährung gab es über die fahrlässige Brandstiftung hinaus für einen Zwischenfall im Würzburger Juliusspital. Dorthin war der Angeklagte während der Untersuchungshaft verlegt worden, in ein "Spezial-Zimmer" mit angeblich ausbruchsicherem Fensterglas, einer Überwachungskamera mit Bildschirm im Zimmer nebenan und einem Knast-Beamten rund um die Uhr. Den hatte er gebeten, ihm für einen Gang zur Toilette die Fußfesseln abzunehmen. Als er zurückkam, hatte der "Patient" unter einem Handtuch eine Flasche mit Desinfektionsmittel und damit hat er seinen Bewacher, als der ihm wieder Fußfesseln anlegen wollte, kräftig eingesprüht.

Flucht aufs Krankenhausdach

Danach hatte der "Patient" die Zimmertür von innen mittels Stuhllehne unter dem Türgriff verrammelt und mit einem Hocker das ausbruchsichere Fenster eingeschlagen. Um die 20 Schläge soll es gedauert haben, bis ein Loch zum Durchschlüpfen frei war. Danach stieg der Angeklagte aufs Dach, forderte freien Abzug und drohte, hinunter zu springen.

Die Verhandlungen mit der Polizei schilderte der Angeklagte recht unterhaltsam. Einige von den Schutzmännern seien ausgesprochen nett zu ihm gewesen, weil man sich von zahlreichen Einsätzen im Penner-Milieu kannte. Mit dem Beamten, der zu ihm zum Verhandeln aufs Dach kletterte, habe er erst noch eine Zigarette geraucht und dann den Rückzug ins Krankenhaus angetreten. Fürs Runterspringen sei es ihm einfach zu hoch gewesen. Das Krankenhaus hat seinen Schaden mit 7000 Euro angegeben, unter Berücksichtigung des vorübergehenden Nutzungsausfalls von zwei Betten.

Von der angeklagten gefährlichen Körperverletzung haben die Richter das "gefährlich" gestrichen, weil es sich bei dem Desinfektionsmittel nicht um eine gefährlich-scharfe Flüssigkeit handelte, sondern eine eher milde "Seifenlauge". Der Beamte, dessen Augen zunächst heftig brannten, hatte nach dem Auswaschen schon bald wieder vollen Durchblick und keine Folgeschäden. Die Entschuldigung seines "Kunden" hat er im Gerichtssaal angenommen. Ihm sei der Gaul durchgegangen, so der Rentner, weil er sich angekettet vorkam "wie ein Hundsköter".

Kriminalität im 1-Euro-Bereich

Acht Vorstrafen hat der Rentner, aber, so Staatsanwalt Peter Weiss, er habe bisher noch nicht erlebt, dass es dabei, wie hier , überwiegend um echte Kleinigkeiten ging. Verurteilt worden ist der Mann, häufig vom Amtsgericht Kitzingen, meist wegen Diebstahls. Da ging es um einen Kaugummi, Verkaufspreis damals 1,20 DM bei Edeka, Tabak und eine Cola, 4,20 Euro im Kaufland, ein Fläschchen Weinbrand, 1,19 Euro im Rewe-Markt, Fortsetzung bei Kupsch und Norma in Würzburg und in München ging es mal um 1,03 Euro für eine Flasche Bier... Bewährung gab es nicht für den Rentner, weil man es, so das Gericht, gut mit ihm meint. Allein werde er es in Freiheit trotz aller Beteuerungen nicht schaffen, auf Alkohol, Drogen oder Drogenersatzstoffe zu verzichten. Ihn zur Therapie in Lohr oder Werneck unterzubringen, sei ohne Erfolgsaussicht. Daher solle für ihn, während er die Strafe oder zumindest einen Teil verbüßt, eine Senioren-Einrichtung gefunden werden mit Kontrollmechanismen unter Berücksichtigung seines Freiheitsdranges.

Das sei für ihn, so der Vorsitzende Richter, vermutlich die letzte große Chance in einem Leben, von dem er, vor allem durch eigenes Verschulden, schon schwer genug gestraft wurde. Um eine solche letzte Chance hatte der Rentner in seinem Schlusswort gebeten, unter Tränen. Er hatte versprochen, dass er keinen Tropfen Alkohol mehr trinkt, aber er wollte lieber in eigener Regie und mit eigener Hausordnung leben, nicht in festen Strukturen einer Senioreneinrichtung für Leute mit seiner Biografie.
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