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Rentweinsdorf
Kommunalpolitik

"Willi ist ein Schlitzohr"

In Rentweinsdorf endet eine Ära: Bürgermeister Sendelbeck hört nach 27 Jahren auf.
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Diese roten Aktenordner füllen quasi das private Archiv von Willi Sendelbeck. Hier bewahrt er  um die 4000 Zeitungsartikel auf, in denen er genannt wurde oder mit Bild auftauchte. Helmut Will
Diese roten Aktenordner füllen quasi das private Archiv von Willi Sendelbeck. Hier bewahrt er um die 4000 Zeitungsartikel auf, in denen er genannt wurde oder mit Bild auftauchte. Helmut Will
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Willi Sendelbeck ist seit fast 27 Jahren Bürgermeister der Marktgemeinde Rentweinsdorf. Ende April endet seine Amtsperiode, und zum 1. Mai übernimmt sein Nachfolger. Wer das sein wird, steht noch nicht fest. Es gibt eine Stichwahl zwischen Steffen Kropp (SPD) und Stefan Horn (RUL).

Was bleibt? "Willi ist ein Schlitzohr", hört man öfters. Dagegen hat Sendelbeck keinen Einwand, wenn man ihm das sagt. Eine ehemals hochgestellte Persönlichkeit am Landratsamt Haßberge habe ihm als jungem Bürgermeister einst gesagt, dass man als Bürgermeister auch etwas schlitzohrig sein müsse. Das hat der SPD-Politiker offenbar beherzigt. Der 72-Jährige war am 5. September 1993 zum Bürgermeister der Marktgemeinde gewählt worden und hat nie ein Blatt vor den Mund genommen.

Willi Sendelbeck ist ein waschechter Salmsdorfer, der sein gesamtes Leben dort verbracht hat. Erfahrung in der Kommunalpolitik hat er ab dem Jahr 1972 gesammelt, als er Gemeinderat der ehemals selbstständigen Gemeinde Salmsdorf wurde. Damals war Ludwig Bock Bürgermeister in Salmsdorf. "Der war auch ein Schlitzohr, vielleicht habe ich ihm was abgeschaut", sagt Willi Sendelbeck lachend.

In Salmsdorf habe er als Gemeinderat auch die Aufgabe des Gemeindeschreibers übernommen. "Damals konnte dort keiner Schreibmaschine schreiben", sagt Sendelbeck. Stolz ist er darauf, dass er die gesamten Protokolle, so auch seine erste Arbeit, aufbewahrt hat.

Nach der Eingemeindung 1978 war er gleich im Gemeinderat Rentweinsdorf tätig - bis 1993. "Beerbt habe ich dann Willi Vetter als Bürgermeister", sagt Sendelbeck und wirkt hier nachdenklich. Willi Vetter ist am 3. Juni 1993, als er auf dem Friedhof eine Grabrede hielt, umgefallen und verstorben. Sendelbeck sagt: "So wollte ich nicht in das Amt des Bürgermeisters kommen, die reguläre Wahl wäre 1996 gewesen, aber infolge des plötzlichen Todes von Willi Vetter nahm ich schon im Jahr 1993 Platz auf dem Bürgermeisterstuhl."

Insgesamt bringt er es auf 27 Jahre als Gemeindeoberhaupt. Er erinnert sich, dass er als junger Bürgermeister zahlreiche Glückwünsche erhalten hat. "Meine ersten Gratulanten waren die Bürgermeister Erwin Funk aus Gerach und Peter Kirchner aus Kirchlauter", sagt Sendelbeck.

Wenn er auf seine Amtszeit zurückblickt, fallen dem dreifachen Familienvater Helmut Müller, Berthold Bär, Michael Bauer und Walter Pfeufer ein. "Die haben mir als Gemeinderäte damals sehr geholfen, mich unterstützt und den Rücken gestärkt", sagt Sendelbeck. Den Rücken gestärkt hat ihm auch seine Frau Margit.

Das Jahr 1993 sei für ihn überhaupt ein ereignisreiches Jahr gewesen. Mit seiner damaligen Freundin und jetzigen Frau war er in Australien. "Wir kamen schwanger zurück", erklärt Sendelbeck mit einem Schmunzeln. Deshalb wurde nach der Rückkehr beim Bürgermeister Willi Vetter gleich das Aufgebot bestellt. "Trauen konnte er uns dann leider nicht mehr", bedauert Sendelbeck.

Rückblickend sagt Sendelbeck, dass er sein Bürgermeisteramt gerne wahrgenommen habe und nichts bereue. Er habe viele Kontakte nach allen Seiten knüpfen können und sei auch mit den Landräten Rudolf Handwerker und Wilhelm Schneider gut ausgekommen. Auch mit den zwölf Gemeinderäten sei es insgesamt ein einvernehmliches Arbeiten gewesen. "Klar, Konfrontationen hat es immer wieder mal gegeben, vor allem mit Sebastian von Rotenhan zum Anfang meiner Bürgermeisterzeit, der hat es mir nicht leicht gemacht", erinnert sich Sendelbeck. Näher möchte er nach so langer Zeit nicht mehr darauf eingehen. Sendelbeck weiß aber: "In der Regel kommt nach heftigen Diskussionen meistens das Beste raus."

Der Bürgermeister erhebt sich aus dem Stuhl in seinem Amtszimmer und geht zu einem Aktenschrank. Er zeigt auf eine ganze Reihe von roten Akten und schildert: "Hier sind etwa 4000 Zeitungsartikel gesammelt, in denen ich erwähnt oder mit Foto war. Er greift einen Ordner heraus und schlägt den Artikel auf, in dem am 6. September 1993 über seine erste Wahl zum Bürgermeister berichtet wurde. Mit 52,9 Prozent der Stimmen triumphierte Sendelbeck und verwies Willi Andres und Alfred Neugebauer, die ebenfalls kandidiert hatten, auf die Plätze. "Die Bürger von Rentweinsdorf hatten eigentlich mit einer Stichwahl gerechnet, aber diese wurde nicht nötig", so Sendelbeck. "Als ich als neuer Bürgermeister einer älteren Dame zum Geburtstag gratulierte, sagte sie, wenn sie gewusst hätte, dass ich so ein feiner Kerl bin, hätte sie mich auch gewählt." Auf Gratulationstour ging er immer gerne, gesteht der SPD-Mann, der seit 1996 ununterbrochen im Kreistag Sitz und Stimme hat.

Einiges wurde im Gemeindebereich während seiner langen Amtszeit geschaffen. Er nennt den Kanalbau im gesamten Gemeindegebiet, das neue Baugebiet in Rentweinsdorf, die Dorferneuerungen in Treinfeld und Salmsdorf und den Brückenbau bei Gräfenholz. Als ehrenamtlicher Bürgermeister bringt er in der Woche etwa 50 Stunden für seine Tätigkeit auf. Als er noch berufstätig war, wurde er deshalb von seinem Dienstherrn öfters freigestellt. "Sonst hätte man die Arbeit nicht bewältigen können."

Er gesteht auch, dass er manch schlaflose Nacht hatte. "Aber anmerken ließ ich mir das nie." Der Bevölkerung in Rentweinsdorf spricht er, kurz bevor er seinen Hut nimmt, ein Lob aus: "Die sind in Ordnung; ich wurde nie persönlich unter der Gürtellinie angegriffen oder beleidigt, obwohl ich mir nie ein Blatt vor den Mund nahm und auch oft mit spitzer Zunge sprach", sagt er.

Was wünscht er sich für seine Gemeinde für die Zukunft? "Ich habe meine Vorstellung, wer nach mir Bürgermeister werden sollte; das behalte ich aber für mich. Wünschenswert wäre eine deutliche Verjüngung im Gremium, was sich bei der Wahl am 15. März betätigt hat. "Nun hoffe ich, dass der neue Bürgermeister nicht aus dem letzten Eck eines Ortsteils, so wie es bei mir war, kommt," sagt Willi Sendelbeck. Er zwinkert mit den Augen und meint, dass das künftige Gemeindeoberhaupt aus Rentweinsdorf sein sollte, da der Ort mittlerweile mehr als 1000 Einwohner hat - 300 mehr als zum Antritt seiner Amtszeit.

Wie passt es mit der Verjüngung des Gremiums zusammen, dass er selbst im Alter von 72 Jahren für den Gemeinderat kandidiert hatte? "Ich habe mich auf die Liste setzen lassen, weil man der Meinung war, dass die Gemeinde aufgrund meiner Erfahrung von mir auch als Gemeinderat noch profitieren könnte", so Sendelbeck. Er wäre nicht der "Willi", wenn er nicht auch hier deutliche Worte spricht: "Ich habe allerdings nichts dagegen, dass ich nicht gewählt wurde."

Kann er sich vorstellen, dass er ohne Kommunalpolitik zurechtkommt? "Ich weiß es nicht, denke aber schon. Ich habe ja noch die Jagd und das Angeln als Hobbys, und meine Familie kann ich jetzt auch etwas ärgern", sagt der 72-Jährige lachend. Länger schlafen wird nur selten vorkommen. "Als Jäger stehst du immer sehr zeitig auf. Was ich vielleicht etwas vermisse, ist, dass ich dann nicht so häufig hier im Café des Rathauses meinen Cappuccino trinken kann." Dieses kleine Café war für ihn auch ein Kommunikationszentrum. Dass dem so ist, zeigte sich, als eine Frau aus Rentweinsdorf ihn nach Unterlagen für den Hausbau ihres Sohnes fragte. "Und das an meinem freien Tag!"