Haßfurt
Fenster-Jubiläum

Wie das Haßfurter Marienfenster entstand

Ein gläserner Zeitzeuge in der Ritterkapelle wird 70 Jahre. Es handelt sich um das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und 1949 erneuerte Marienfenster.
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So sah es in der Haßfurter Ritterkapelle um 1880 aus, hier  der Chor der Ritterkapelle mit Ausstattung und Vorgängerfenstern: Noch zu erkennen in der Mitte "Maria in der Strahlenglorie", links der Heilige Georg und rechts der Heilige Christophorus. Repro: Albin Schorn
So sah es in der Haßfurter Ritterkapelle um 1880 aus, hier der Chor der Ritterkapelle mit Ausstattung und Vorgängerfenstern: Noch zu erkennen in der Mitte "Maria in der Strahlenglorie", links der Heilige Georg und rechts der Heilige Christophorus. Repro: Albin Schorn
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Die Bomben des Zweiten Weltkriegs haben auch Haßfurt getroffen. Der damalige Stadtpfarrer Johannes Kötzner hat diese dramatischen Ereignisse in einem Tagebuch festgehalten. Zu Ostern 1945 notiert er: "Die Erstkommunionfeier von 95 Kindern wird auf Osterdienstag vorgelegt und verläuft ungestört, während der Festgottesdienst von Ostern infolge Fliegeralarm beeinträchtigt war."

Am Abend des Osterdienstag (3. April) fallen Bomben auf die Bahn in der Nähe des Bahnübergangs zur Hofheimerstraße. Ein Soldat wurde getötet. Viele Fenster zersprangen, so auch das schöne Genregemälde, Maria Darstellung im Chor der Ritterkapelle. Es wurde vollständig in den Chor hingeworfen ...."

Zur Geschichte des Marienfensters hält der Stadtpfarrer, der von 1940 bis 1949 zugleich Dekan des Dekanates Haßfurt war, weiter fest:

Carl Alexander Heideloff (1789-1865) hatte dieses Vorgängerfenster, auch als Maria in der Strahlenglorie bezeichnet, entworfen. Die Ausführung übernahm die Glasmalerfamilie Kellner in Nürnberg 1862/63. Die beiden anschließenden, auch völlig zerstörten Fenster in der Chormitte waren dem Hl. Georg und dem Hl. Christophorus gewidmet.

1949 wurde das Marienfenster nach einem Entwurf des Münchner Künstlers Max Lacher in der Ritterkapelle eingebaut. Im gleichen Jahr am 30. November verließ der Ideengeber des Buntglasfensters, Stadtpfarrer Johannes Kötzner, nach zwölf Jahren segensreichen Wirkens Haßfurt. Er wurde ins Würzburger Domkapitel berufen.

Das heutige Fenster - Entstehung

Tatkräftig, unterstützt von der damaligen Kirchenverwaltung, dem Haßfurter Stadtrat, den Bürgern der Stadt, darunter besonders von den Familien Müller, Hiernickel, Mölter und Hart konnte Stadtpfarrer Johannes Kötzner am 28. August 1949 den ersten Gottesdienst in der zu zwei Drittel renovierten Ritterkapelle halten.

Und weiter der Pfarrer: "Viel Freude bereitete das Fenster in der Chormitte. Der Preis dafür beträgt ohne Montage und Spesen 10.000 DM."

Den Auftrag für das Chormittelfenster hatte der Münchner Künstler und Grafiker Max Lacher (1905 - 1988) erhalten, und die Mayer`sche Kunstanstalt die Ausführung. Leider waren die früher angesammelten Gelder durch die Währungsreform auf nur sechs Prozent abgewertet, "sodass die Kosten hauptsächlich durch Kirchensammlungen aufgebracht werden müssen", schrieb der Seelsorger 1948.

Bildprogramm und Symbolverständnis des Fensters

Herzstück des vertikal angeordneten Buntglasfensters ist eine Schutzmantelmadonna. Ihr bekröntes Haupt mit einem Heiligenschein zeichnet sie aus als Königin. Mit ihrem linken Arm hält sie dem Betrachter das Jesukind, den menschgewordenen Gottessohn mit einer Weltkugel auf der Hand entgegen, ein Sinnbild der Weltherrschaft.

Zu ihren Füßen unter ihrem Mantel fühlen sich beschützt, angenommen und aufgehoben und deutlich unterschiedlich gekennzeichnet: Josef Kehl, Ehrenbürger und Altchronist der Stadt; darunter Stadtpfarrer Johannes Kötzner mit Rosenkranz um die Hände geschlungen und einem Ministranten. Gegenüber kniet eine Ordensfrau mit einem Kommunionkind. Klosterfrauen arbeiteten damals in der Krankenpflege, im Kindergarten und in der Schule der Stadt.

Unter dem Marienbild beschreiben drei weitere Bilder die Verkündigung der Geburt des Erlösers auf dem Hirtenfeld, dann die Geburt Jesu und schließlich die Verehrung des Neugeborenen durch die Heiligen Dreikönige. Umrahmt werden diese Darstellungen durch die Wappen von Persönlichkeiten, die einen Bezug zur Ritterkapelle, oder zur Stadtgeschichte aufweisen und als Vorbilder des Glaubenslebens der Nachkriegszeit gelten.

Die Mariendarstellung

Überlebensgroß hat der Künstler Max Lacher die Gottesmutter im Vergleich mit den Schutzsuchenden dargestellt, wohl Ausdruck ihrer schützenden und beschützenden Funktion für den Gläubigen, der in Nöten, Schutz und Hilfe sucht, aber auch bei ihr seine Lebensfreude findet.

Die symbolische Geste Mariens, Hilfesuchende unter ihren Mantel zu nehmen, leitet sich wahrscheinlich von dem Schutz und Asyl gewährenden "Mantelschutz" ab, der im Mittelalter galt.

Wenn angesehene vornehme Frauen von Hilfesuchenden als Fürsprecherinnen angerufen wurden, konnten sie unter ihrem Mantel Hilfe erhalten. Dieses Symbol wurde vor allem auf die Gottesmutter als die mächtigste Fürbitterin bei Gott übertragen. Das geht auf einen mittelalterlichen Rechtsbrauch der Mantelflucht und der Mantelkindschaft zurück. In der Schutzmantelmadonna wird dieser Brauch auf Maria übertragen.

Für die Entstehung der Marienverehrung gelten die Konzilien von Ephesus (431) und Chalzedon (451). Maria wird verbindlich als Gottesgebärerin bestimmt. Die Marienfrömmigkeit entsteht und damit Mariendarstellungen als zentrales Thema der christlichen Kunst im Kirchenbau, in der Liturgie, in der Musik und in der darstellenden Kunst.

Mutige Männer

Johannes Kötzner (1896-1981), Stadtpfarrer von 1937 bis 1949 in Haßfurt, hat in den schwierigen politischen Jahren des Dritten Reiches die Pfarrgemeinde St. Kilian mit Umsicht und Gefühl für das Machbare als Seelsorger geführt. Mehrmals hatte er mit der Gestapo zu tun. Wohl mit dem Altchronisten und Ehrenbürger Josef Kehl hat er das Bildprogramm des Marienfensters in der Ritterkapelle besprochen und vom Münchner Künstler Max Lacher entwerfen lassen. Auf Grund seiner Verdienste um die Stadt Haßfurt, vor allem durch seine caritative Tätigkeit, hat der Stadtrat 1949 den nunmehrigen Domkapitular zum Ehrenbürger ernannt. In der Sepultur des Würzburger Domes ist der frühere Haßfurter Stadtpfarrer beigesetzt.

Max Lacher (1905-1988) weigerte sich während der NS-Zeit, Parteimitglied zu werden. Zu Kriegsende beteiligte er sich an einer Widerstandsgruppe und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Doch er konnte sich dem Zugriff der Häscher entziehen. Er experimentierte mit neuen bildnerischen Techniken. Ein Glücksfall für ihn: Sein Schwager Adalbert Mayer war Leiter der Mayerischen Hofkunstanstalt in München, eine Werkstätte für Glas und Mosaikgestaltung.

Hier wurde nach Lacher`s Entwurf das Marienfenster für die Ritterkapelle gestaltet. Seinen Lebensweg beschreibt der Künstler 1977 als glückliche Fügung: " Ein innerer Kompaß hat mich durch alle Irrsal und Wirrnis geleitet...".

Walter Kestler, Haßfurter Hobbymodellbauer, hat mit seiner jahrzehntelangen beruflichen Erfahrung als Elektromeister und als Lichttechniker das Marienfenster maßstabsgetreu nachgebaut (140 x 55 x 15 cm).

Monatelang arbeitete Kestler mit Geduld, Feingefühl und Experimentierfreude an der Wiedergabe der originalen Farbgebung der einzelnen Detailfenster und an der gleichmäßigen Belichtung des Modells. Seine Arbeit als Modellgestalter hat ihm wiederholt höchste Anerkennung finden lassen.

Dr. Volker Grumbach hatte ihn dazu angeregt, als er seine kunstvoll geschaffenen Weihnachtskrippen und Kapellen bewundern konnte.

Als Autor des Buches "Nikolaus Mölter" beschreibt Grumbach sachkundig das Buntglasfenster hinter dem Hochaltar in der Ritterkapelle. Es entstanden dazu eindrucksvolle Bilder in seiner Veröffentlichung.

Literaturhinweis

Grumbach, Volker, Nikolaus Mölter - Sein Leben, seine Firma, seine Dichtung, Haßfurt 2011.

Menz, Stefan (Hrsg.), Prälat Johannes Kötzner, Eine Priesterpersönlickeit aus Oberpleichfeld -

Annäherungen an ein bewegtes Leben, Oberpleichfeld/Haßfurt 2011.

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