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Zeil am Main
Geschichte

Wider die Fehler der Vergangenheit

Der "Zeiler Hexenturm" zeigt zehn Modelle von Würzburger Gymnasiasten als Vorschläge für ein Mahnmal zur Hexenverfolgung.
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"Wer hat den Stein ins Rollen gebracht" von  Erik Endres Monika Schraut
"Wer hat den Stein ins Rollen gebracht" von Erik Endres Monika Schraut
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In Zeiten von Corona sind alle Museen geschlossen. Im Dokumentationszentrum "Zeiler Hexenturm" wurde die Ausstellung "Im Brennpunkt" aufgebaut, aber niemand konnte sie bisher sehen. Unsere Mitarbeiterin Monika Schraut besuchte die Schau nun allein und schildert ihre Eindrücke aus dem Dokumentationszentrum, das an die Zeit der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert erinnert. Rund 400 Menschen wurden damals in Zeil getötet.

Sie schreibt: "Sonnenschein, Blütenfülle und blauer Himmel begleiten mich. Ich öffne den Eingang zum ,Zeiler Hexenturm'. Bis sich meine Augen an das Dunkel gewöhnen, fällt hinter mir die schwere Tür ins Schloss. Ich schrecke zusammen, greife intuitiv in meine Tasche. Der Schlüssel ist da. Gott sei Dank.

Im Jahr 1617 konnte niemand nach einem Schlüssel greifen, denke ich. Rochus Hofmann hat, mit was auch immer, in den Stein vor mir diese Jahreszahl und seine Initialen eingeritzt. So hat er ein Denkmal geschaffen an die düstere Zeit der Hexenverfolgung. Vielleicht hat er durch den selben Schlitz weit, weit über mir auch einige Sonnenstrahlen gesehen? Die Treppe, die ich jetzt nutze, gab es damals nicht. Er wurde mit einem Strick neun Meter in die Tiefe gelassen und musste in Kälte und Düsternis seinem Tod entgegen harren. Ehrlich gesagt: Wer will sich denn an solche Schrecken erinnern?

Oben angekommen betrete ich die Wechselausstellung ,Im Brennpunkt'. Der Bewegungsmelder lässt Strahler über die zehn Entwürfe für ein Mahnmal für die Opfer der Hexenverfolgung aufleuchten. Sie wurden von Abiturienten aus dem Röntgen-Gymnasium geschaffen. Da es ,keine Dauer in Erinnerung und Wahrnehmung' gibt, lese ich da von Isabel Zendeh, muss jede Generation eine eigene Erinnerungskultur schaffen. Nur so kann verhindert werden, dass sich die Fehler der Vergangenheit unverändert wiederholen. Zu schnell verwischen die alten Erinnerungen, zu gerne würde man die Schrecken abwischen. Ihr Objekt ,Der Auflistung Ebenbild' hat im Zentrum eine riesige schwarze Kugel, auf die man mit Kreide den Schmerz, die Klage, die Mahnung schreiben kann. Allerdings ist diese Kugel auf Wasser gebettet und dreht sich beständig. Man sieht, die für einen selbst so wichtigen Worte weniger und weniger werden, und der nächste muss selbst wieder Worte finden für die Lehre aus der Vergangenheit.

Genau das war das Ziel des Praxis-Seminars, das von Religionslehrer Pfarrer Martin Wohlleber und Kunstlehrer Hubert Pfingstl begleitet wurde. Sich ein Mahnmal auszudenken, das die heutige Generation trifft und zu Mitgefühl und Nachdenken animiert. Ein Kunstwerk, das den zigtausend Opfern der Hexenverfolgung gerecht wird und mahnend unseren Umgang miteinander anfragt. All das erfahre ich an einer Bildschirmanimation vor Ort. Außerdem kommt jede Künstlerin, jeder Künstler zu seinem Entwurf zu Wort. Riesige Objekte sollen es werden. Jedes wäre, wenn es in die Realität umgesetzt würde, mindestens drei Meter groß. Die Mahnung soll gesehen werden.

Am Ende der Ausstellung harren viele Klebepunkte der noch nicht vorhandenen Besucher. Man kann bewerten, welches Kunstwerk man am besten findet. Ich würde meinem Punkt heute bei Erik Endres setzen. ,Wer hat den Stein ins Rollen gebracht' heißt sein Werk. Ein fünf Meter hoher Steilhang, auf dem riesige rollende Kugeln angebracht sind, die unaufhaltbar in die Tiefe donnern und dort Menschen zermalmen. Schon ein Wort, zur Unzeit losgeschickt, kann zur Lawine werden, die Hass und unaufhaltbare Wut entzündet. Ich denke an meine Whatsapps und Mails, die ich einfach so mal drauflos schicke oder weiter poste, und nehme mir vor, mehr auf meine Worte zu achten.

Als ich den Hexenturm wieder verlasse, fällt mein Blick auf das Türschild. Jemand hat dort einen Glitzerstein hingelegt, auf dem die Worte ,Bleibt gesund!' stehen. Worte haben Kraft, denke ich. Es liegt in unserer Entscheidung, welche wir wählen."

Nach Auskunft der Stadt Zeil werden alle geplanten Ausstellungen synchron verschoben, so dass nach der Coronakrise genügend Zeit ist, die Ausstellung "Im Brennpunkt - Entwürfe eines Mahnmals für die Opfer der Hexenverfolgung" zu besuchen. Die Künstler sind: Isabel Zendeh, Erik Endres, Max Dobry, Theresa Gebhardt, Joy Glockmann, Tobias Schaupp, Leonard Schwozer, Benedikt Seufert, Janina Stafflinger und Justus Wiese.

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