LKR Haßberge
Literaturverfilmungen

Wenn Kinderbücher im Kino flimmern

Klassiker des Kinderbuchs auf die Leinwand zu bringen, liegt momentan im Trend. Im Landkreis Haßberge entstehen interessante Wechselwirkungen.
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Otfried Preußlers  "Kleine Hexe", wie sie Generationen von Lesern kennen.Foto: Daniel Naupold/dpa
Otfried Preußlers "Kleine Hexe", wie sie Generationen von Lesern kennen.Foto: Daniel Naupold/dpa
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"Zaubern möchte ich auch können", sagt Alina. Die Neunjährige kommt ganz begeistert aus dem Kino in Zeil. "Die kleine Hexe" hat ihr gut gefallen, ihr kleinerer Bruder Paul fand vor allem den Raben Abraxas lustig. Für beide Kinder ist klar, dass sie bald wieder ins Kino gehen wollen, denn mit den "Fünf Freunden" und den Abenteuern von "Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer" laufen weitere tolle Kinderfilme. Dazu müssen die beiden aber erst mal gute Leistungen in der Schule bringen, sagt die Mama. Der Papa findet, seine beiden Kinder sollten die Geschichten lieber lesen: "Das regt die Fantasie an", sagt er, "ist wie Kino im Kopf!"

Führen Kinderbuchverfilmungen junge Leute ans Lesen heran? Diese Frage beantwortet Franz Wölfel, der Inhaber der Buchhandlung Glückstein in Haßfurt, spontan. "Aus meiner Sicht ist es eher andersrum", sagt er: "Wenn jemand das Buch gut findet, geht er auch mit seinen Kindern ins Kino."
Die Verfilmung der "kleinen Hexe" sei überregional sehr gut besprochen worden, "deswegen legen wir die ,Hexe' auch in der Buchhandlung hin", sagt Anette Haas, die mit der Kinderecke im Laden betraut ist, "und zwar nehmen wir immer die klassische Version, die auch die Eltern kennen."


Wenig Einfluss

"Ja, die kleine Hexe ging so", sagen Ulla Graebe, Inhaberin der Buchhandlung "Leseinsel" in Ebern, und Verkäuferin Annabel Hauguth einhellig, wenn sie auch das "Ja" mit etlichen As verzögern. Beide glauben, dass dieser Kinderbuch-Klassiker daheim viel vorgelesen wird, die meisten Menschen ihre Preußler-Bücher aber schon zu Hause haben. Von der Jim-Knopf-Verfilmung hatten sich beide einen größeren Effekt erwartet, Michael Endes Buch zur Präsentation im Regal nach vorne gelegt. Inzwischen ist es aber wieder nach hinten gewandert.

Allgemein haben die Buchhändlerinnen die Erfahrung gemacht, dass sich die Klassiker, egal ob Astrid Lindgren, Michael Ende oder Otfried Preußler, eher schleppend verkaufen, sofern nicht die Erwachsenen die Geschichten noch aus eigener Kindheit kennen.


Noch ein kleiner Kick

Wie ihre Eberner Kolleginnen kommt auch Annette Haas in Haßfurt zu dem Schluss, dass irgendwelche Leinwand-Versionen kaum Einfluss auf die Buchverkaufszahlen haben. "Die fünf Freunde" werden zurzeit nach ihrer Beobachtung zur Kommunion "rauf und runter verschenkt", wobei die Verfilmung allenfalls zusätzlicher Ansporn zum Kauf sei. Gleiches habe jüngst für den Kinofilm "Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft" gegolten. "Da gibt der Film dem Buch halt vielleicht noch einen kleinen Kick", sagt Haas, die "seit fast 30 Jahren dauernd und immer in der Buchhandlung" beschäftigt ist.

Mal abgesehen von den Erich- Kästner-Werken, die nicht mehr den Stellenwert hätten wie noch vor 20 Jahren, verkaufen sich die Klassiker, zu denen sie auch Paul Maar schon zählt, einfach beständig gut: "Eltern die damit groß geworden sind, fragen danach.
Auch Annelie Ebert, die Leiterin des Bibliotheks- und Informationszentrum (Biz) in Haßfurt, schwört auf die Klassiker. Sie wiederum hat die Erfahrung gemacht, dass Karoline Herfurth in ihrer Rolle als "Kleine Hexe" dem Buch nochmals Auftrieb verliehen hat. Wegen der gestiegenen Nachfrage habe das Biz deshalb eine zusätzliche Ausgabe gekauft. Bei Michael Endes Jim Knopf erwartet sie eine ähnliche Wirkung.

Erwachsene erinnerten sich gern an die Literatur ihrer Kindheit, wollten schöne Leseerinnerungen weitergeben, erklärt Annelie Ebert. Zudem würden immer wieder neue Ausgaben den Markt ankurbeln. Aktuell grinst etwa Paul Maars "Sams" in frisch kolorierter Fassung aus dem Regal. Bücher von Preußler, Lindgren und Maar sind laut laut Auskunft der Bibliothekarin "absolute Selbstläufer".
Alina und Paul, die Geschwister aus dem Kino übrigens, haben daheim den "Hotzenplotz" entdeckt. Alina ist begeistert, weil es auch dort einen Zauberer und sogar eine zauberhafte Fee gibt. Und Paul findet Preußlers Räuber mit seiner Pistolen und all den Messern "cool".


Buch-Helden heißen heute Bibi und Sam

Der Geschmack wandelt sich und damit auch die Lese-Vorlieben der Kinder. Buben greifen zurzeit bevorzugt zu den "Fünf-Freunde"-Büchern, und dies, egal ob sie im Kino waren oder nicht. Auch Drachen, Piraten und die drei Fragezeichen kommen gut an. Absoluter Held kleinerer Buben ist im Moment aber wohl der "Feuerwehrmann Sam".
"Allgemein haben's die Jungs eh nicht so mit dem Lesen", befindet Buchhändlerin Ulla Graebe aus Ebern und spricht da aus Erfahrung mit den eigenen Kindern und Enkelkindern. Viele Mädchen dagegen seien echte Leseratten. Ihre Enkelin Hanna setzt sie sogar als Testleserin für Pferdebücher ein.

Bei Mädels seien rosafarbene Bücher mit Glitzer und Glamour gefragt, wobei die Popstars und die Topmodel-Reihe schon im Kindergarten der Renner sind. Die Haßfurter Buchhändlerin Annette Haas sagt: "Die Klassiker hegen und pflegen wir, "dieses verschnarchte rosa Glitzer-Gedöns wollen wir nicht".

In der Grundschule schwören die Lehrer noch immer auf die Franz-Geschichten von Christine Nöstlinger.

Untereinander empfehlen sich Kinder zurzeit die Bücher von Enid Blyton, weiß die Leiterin des Haßfurter Biz, Annelie Ebert, zu berichten, auch wenn dies von den Eltern nicht so gerne gesehen werde. Der Markt reagiere mit neugeschriebenen Blyton-Geschichten.

"Nicht totzukriegen" seien Bibi Blocksberg, Bibi und Tina oder Benjamin Blümchen, berichtet Annelie Ebert. Deren Abenteuer seien nicht gut geschrieben, eher in der Masse seriell produziert, aber sie kommen einfach an. Ebert: "Die Bücher gehen gut, aber die Hörbücher leider noch viel, viel besser"! Allein die 46 CDs mit Bibi-Blocksberg-Geschichten im Biz-Bestand wurden im vergangenen Jahr 580 Mal ausgeliehen, jedes im Schnitt also zwölf Mal!
"Wir sind liberaler geworden in der Auswahl als noch vor 20 Jahren", gesteht Annelie Ebert. Der "große Volksbildungsauftrag" wirke nicht mehr so. "Aber was wirklich schlecht ist, nehmen wir nicht". Wenn die Nachfrage allerdings sehr groß ist, dann komme auch das Bibliothekszentrum in Haßfurt einfach nicht daran vorbei.


Bildung mit Buch und Film

An der Grundschule in Haßfurt-Sylbach war "Die kleine Hexe" großes Thema. Ehe es für die Ganztagsklassen eins bis vier der Außenstelle gemeinsam zum Besuch ins Zeiler Capitol-Kino ging, lernten die Schüler die Geschichte im Unterricht kennen. Die oberen Klassen haben Teile selbst gelesen, in den unteren Klassen wurde vorgelesen, berichtet Anja Ruff, die in den ersten und zweiten Klassen eingesetzt ist.

Die Pädagogin nutzte eine feste Zeit, jeweils "zum Runterkommen" nach der ersten Pause, zum Vorlesen. Zudem hatte Kinobetreiber Bruno Schneyer den Lehrern eine Fortbildung angeboten. Es ging darum, wie sich die Themen des Buchs/Films in der Schule weiterdenken lassen.
Das geht zum Beispiel so: Otfried Preußlers Heldin, die "Kleine Hexe", hört auf ihren Raben Abraxas und hilft den armen Menschen. Dafür bestrafen sie aber alle anderen Hexen, denn gute Hexen tun angeblich nur Böses. Die Haßfurter Schüler beschäftigten sich daher im Unterricht mit der Frage: Was ist gut und was ist böse. "Bei den Kindern kam das richtig gut an", sagt Anja Ruff



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