Franken
Grenzerfahrung

Wenn Jule schreit: Eine Pflegefamilie erfährt die Grenzen ihrer Belastbarkeit - und gibt nicht auf

Mit Jule kommt niemand klar. Früher oder später wird die Neunjährige von einer Pflegefamilie an die nächste abgegeben. Ein Fall für Sarah und Christian Hofmann, die sich seit Jahrzehnten um Pflegekinder kümmern. Doch das Paar muss sich eingestehen: Zum ersten Mal stoßen auch sie an ihre Grenzen.
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Die neunjährige Jule leidet an regelmäßigen Schreiattacken. Mittlerweile lebt sie bei ihrer sechsten Pflegefamilie. Doch ihre neuen Pflegeeltern wollen das Mädchen auf keinen Fall aufgeben. Symbolfoto: Britta Pedersen/dpa
Die neunjährige Jule leidet an regelmäßigen Schreiattacken. Mittlerweile lebt sie bei ihrer sechsten Pflegefamilie. Doch ihre neuen Pflegeeltern wollen das Mädchen auf keinen Fall aufgeben. Symbolfoto: Britta Pedersen/dpa
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Jule schreit und schreit. Schreit bis sie kaum noch Luft bekommt. Schreit bis sie fast erbrechen muss. Immer noch eine Oktave höher, schriller, lauter. "Da könntest du wahnsinnig werden." Doch Sarah Hofmann gibt nicht auf. Denn sie weiß genau: Wenn sie Jule nicht helfen kann, dann schafft es keiner.

Niedlich sieht sie aus mit ihren Kulleraugen und der Stupsnase. Sarah lächelt, während sie am Handy von einem Foto zum nächsten wischt: Jule beim Knuddeln mit dem Kaninchen, Jule im bunten Sommerkleidchen. Ein breites Grinsen und wache Augen, die hinter Ponyfransen hervorblitzen. Niedlich. Und harmlos. Fünf Pflegefamilien hat Jule bereits hinter sich. Und dabei ist sie gerade einmal neun Jahre alt. "Mit der werdet ihr noch eurer blaues Wunder erleben!", warnte Jules leibliche Mutter.

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Sarah Hofmann und ihr Mann Christian nehmen seit vielen Jahren Pflegekinder bei sich auf. Zuletzt lebten immer drei Kinder zeitgleich bei ihnen. Als eines davon im Sommer auszog, hatten sie eine Woche Zeit, um durchzuatmen. Und dann kam Jule. Ein kurzer Abriss über die Vorgeschichte des Kindes, ein erstes Treffen, um zu sehen, ob die Chemie stimmt. So läuft es normalerweise ab. Nicht so bei Jule.

Zu viele schlimme Dinge

"Bei ihr hieß es: Bevor ihr das Kind seht und euch verliebt, lest vorher lieber die Unterlagen durch." Was genau in den Berichten des Jugendamtes steht, was Jule damals bei ihren Eltern widerfahren ist, darüber darf Sarah nicht sprechen. "Aber Jule ist neun Jahre alt und wir sind die sechste Station. Sie muss eine starke Bindungsstörung haben und hat schlimme Sachen erlebt."

Hinter Jule liegt eine wahre Odyssee, zwischen den alkoholkranken, drogenabhängigen Eltern und mehreren Kurzzeit-Pflegefamilien immer hin und her. Jules fünfte Bereitschaftsmutter hatte bereits viel Erfahrung und gute Fortschritte mit ihr gemacht. 13 Monate lang lebte Jule bei ihr. "Eine lange Zeit, in der das Kind weiß, es kann dort nicht bleiben. In der die Pflegemutter sagen muss: Stopp, kein ,Mama' und kein Küsschen!", macht Sarah deutlich. "Das ist schrecklich." Über die vorherige Pflegemutter erfuhr das Paar einiges über Jules Eigenarten. "Und genauso, wie sie es beschrieben hat, hat Jule es dann auch bei uns gemacht."

Schrei nach Aufmerksamkeit

An manchen Tagen beginnt das Drama schon am Frühstückstisch: Will Jule Aufmerksamkeit, fängt sie an zu brüllen. "Sie sagt immer den gleichen Satz und jedes Mal lauter. Das ist ihre Tour." In ihrer Anfangsphase bei den Hofmanns habe sie das täglich durchgezogen. "Wir sind fast ausgerastet", gibt Sarah offen zu. "Du kommst nicht mehr an sie ran. Wenn sie einen Anfall hat, muss man sie einfach in ihrem Zimmer schreien lassen, bis sie sich abreagiert hat und hoffen, dass die Nachbarn nicht die Polizei rufen."

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Jule ist intelligent, eine tadellose Schülerin - und spielt ihre Mitmenschen gegeneinander aus. Sarah und Christian müssen sich permanent austauschen, um sicherzugehen, ob der jeweils andere wirklich dieses und jenes erlaubt hat. Oder ob Jule lügt. Und da ist noch etwas anderes, was Sarah Sorgen bereitet: Jules vorherige Pflegemutter hat sie gewarnt, die Neunjährige nicht mit kleinen Kindern alleine zu lassen. Das könne gefährlich werden. "Auch heute habe ich kein gutes Gefühl, wenn sie mit meinem Enkel in ihrem Zimmer spielt und die Tür zu ist. Da werde ich unruhig."

Und dann kam der Abend, an dem Sarah fast aufgegeben hätte. "Ich habe mir nicht vorstellen können, das jahrelang mitzumachen. Es ist schon zu viel passiert, als dass wir es noch gerade biegen könnten." Doch Sarah und Christian betrachten die Situation noch einmal von außen, ganz nüchtern, ganz unpersönlich. Wenn sie das Mädchen jetzt aufgeben, wird sie von einem Heim ins nächste weitergereicht. In immer kleinere Gruppen mit engerem Personalschlüssel und sonderpädagogischer Betreuung. "Was nach uns passiert, das kann nichts Gescheites sein", bringt es Christian auf den Punkt.

Bevor es zu sehr schmerzt

Das Paar beginnt, Jule zu analysieren. "Sie tut alles, um aus der Familie rauszufliegen. Denn besser jetzt, als später, wenn sie uns richtig gern gewonnen hat." Sie lernen, an Jules Mimik abzulesen, wann der nächste Anfall droht - und sie dann im richtigen Moment abzulenken. Sie legen Kalender an, in denen sie akribisch das Auftreten der Schreiattacken und psychosomatischen Schmerzen notieren.

Und die Bemühungen zeigen Wirkung: Jules Anfälle werden deutlich kürzer, an manchen Tagen bleiben sie sogar komplett aus. Vor dem Schlafengehen besteht sie auf einen festen Drücker von Christian und eine Runde Vorlesen mit Sarah. "Es ist ein großer Fortschritt, dass sie körperliche Nähe zulässt. Am Anfang konnten wir sie nicht einmal an der Hand berühren, da ist sie zusammengezuckt", erinnert sich die Pflegemutter.

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Stück für Stück setzt sich ein Bild von Jules Vergangenheit zusammen. Zu Frauen habe sie tendenziell ein schlechteres Verhältnis. Und rechnet sie mal nicht damit, dass jemand hinter ihr stehen könnte, erschrickt sie so heftig, dass sie sich in einer Ecke versteckt, die Arme schützend vors Gesicht reißt und anfängt zu weinen. "Man sieht ganz klar, dass sie Gewalt erfahren hat." Bald soll Jule eine Traumatherapie beginnen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass es wieder ordentlich knallt, wenn dabei alte Erinnerungen hochkommen", befürchtet Sarah. "Aber da müssen wir durch."

Opfer und Chancen

Wieso sie sich das eigentlich antun, all die Opfer für ein fremdes Kind, Sarah fragt es sich manchmal selbst. Keine spontanen Treffen mehr mit Freunden, kaum noch Zeit mit dem Partner. "Es wird sehr einsam um uns herum." Doch die beiden geben nicht auf. "Jedes unserer Kinder hat einen super Weg gemacht. Kein einziges hätte diese Chance gehabt, wenn wir nicht gewesen wären." "Jule ist ein intelligentes Mädchen und aus ihr kann was richtig Gescheites werden", fügt Christian voll Überzeugung an.

Die Neunjährige ist bei den Hofmanns mittlerweile nicht mehr nur in Bereitschafts-, sondern in Dauerpflege. Was sich die beiden für die Zukunft ihrer Pflegetochter wünschen? "Das wir es schaffen", sagt Sarah und fegt einen Brösel vom Esstisch. "Ganz einfach."

*Aus Rücksicht auf die Beteiligten wurden alle Namen von der Redaktion geändert.

115 Pflegekinder lebten im Jahr 2018 im Landkreis Haßberge, verteilt auf 63 Pflegefamilien.

0-21 Jahre alt waren die Pflegekinder im Jahr 2018. 46 Prozent davon waren weiblich.

§33 des Sozialgesetzbuches beschreibt die Hilfe zur Erziehung von Kindern in Vollzeitpflege.

Verschiedene Formen von Familienpflege

Vollzeitpflege Wenn sich herausstellt, dass sich die leiblichen Eltern auf absehbare Zeit nicht mehr selbst um ihre Kinder kümmern können, werden diese langfristig bei Pflegeeltern untergebracht.

Wochenpflege Bei dieser Form leben die Kinder unter der Woche montags bis freitags bei einer Pflegefamilie. Die Wochenenden dürfen sie jedoch bei ihren leiblichen Eltern verbringen.

Kurzzeitpflege Wenn sich alleinerziehende Mütter oder Väter kurzzeitig nicht um ihre Kinder kümmern können, beispielsweise weil sie ins Krankenhaus müssen, können sie bei einer Kurzzeitpflegefamilie unterkommen. Der Zeitraum der Betreuung reicht von einigen Tagen bis zu drei Monaten.

Bereitschaftspflege Kommt es in einer Familie zu akuten Problemen und ein Kind muss dringend aus der Situation herausgeholt werden, greift die Form der Bereitschaftspflege. Hier bleiben die Kinder solange, bis eine geeignete Perspektive für sie gefunden wurde, beispielsweise auf längere Zeit bei einer Pflegefamilie oder zurück bei den leiblichen Eltern.

Pflegefamilie im Film

Der Film "Systemsprenger" feierte am 8. Februar 2019 im Rahmen der Berlinale Premiere und gilt als deutscher Favorit auf den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Regisseurin Nora Fingscheidt vereint darin mehrere Schicksale traumatisierter, schwer erziehbarer Kinder: Die neunjährige Benni ist kaum zu bändigen, schreit, schlägt um sich, randaliert. Ihre leibliche Mutter ist mit ihr überfordert, Benni wird zwischen Kinderheimen, Pflegefamilien und psychiatrischen Einrichtungen hin und her geschoben. Bis sich Bennis neuer Schulbegleiter Micha in den Kopf setzt, ihr zu helfen.

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