Haßfurt
Strafprozess

Warum verkauft er Marihuana?

Das Amtsgericht in Haßfurt verurteilte einen 22-jährigen Dealer. Die Frage nach dem Motiv blieb unbeantwortet.
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Der ledige Angeklagte (22) gilt an seinem Arbeitsplatz als zuverlässig und leistungsstark. Als stellvertretender Schichtführer bekommt er sicherlich einen guten Lohn. Warum in aller Welt hat er es nötig, in größerem Stil Marihuana zu verkaufen? Sechs Fälle konnte das Jugendgericht am Amtsgericht Haßfurt dem jungen Mann nachweisen, doch die Frage nach dem Tatmotiv blieb letztlich unbeantwortet. Nach Jugendstrafrecht verurteilte das Jugendschöffengericht den Angeklagten zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung, verbunden mit einer 2000-Euro-Geldstrafe.

Auf die Spur des Drogendealers kamen die Ermittler am 13. März 2018. Damals kontrollierte die Polizei im Maintal ein Fahrzeug, das mit vier jungen Leuten besetzt war. Bei der Kontrolle der Fahrerin und der drei männlichen Insassen fanden die Uniformierten eine geringe Menge an Rauschgift. Alle landeten daraufhin bei der Polizei in Haßfurt, wo sie vernommen wurden. Zusätzlich wurden ihre Handys ausgewertet.

Dabei stellte sich heraus, dass sich das Quartett auf einer Einkaufsfahrt befand. Sie hatten es auf Stoff abgesehen, aber auf einen ganz speziellen. Sie wollten nämlich zur Wohnung des Angeklagten fahren, um sich da mit Marihuana einzudecken. Als das klar war, erwirkten die Ermittler einen richterlichen Durchsuchungsbefehl. Kurz vor Mitternacht tauchten die Beamten bei der Wohnung des Beschuldigten auf und traten die Tür ein - damit der Verdächtige nicht noch schnell das Rauschgift im Klo entsorgen konnte. Die dann vorgefundene relativ große Menge an Rauschgift rechtfertigte offenbar die rabiate Vorgehensweise: 124 Gramm Marihuana lagen im Schlafzimmer.

Ein Polizeibeamter der Schweinfurter Rauschgiftfahndung übernahm die weiteren Ermittlungen. Wie er im Zeugenstand berichtete, schickte er das "Gras" an das Landeskriminalamt nach München. Dort berechneten die Experten, wie viel Tetrahydrocannabinol (THC) darin enthalten war. Mit 17,7 Gramm THC-Gehalt ergab sich ein Wert, der weit über dem juristischen Grenzwert von 7,5 Gramm für eine geringe Menge liegt. Das ist überaus wichtig, weil das Handeltreiben mit einer solchen relativ großen Menge rechtlich als Verbrechen verfolgt und mit drastischen Strafen belegt wird.

Rechtsanwalt Maximilian Glabasnia erklärte für seinen Mandanten, dass dieser tatsächlich in gewissem Umfang mit dem Gift gehandelt habe. Das wird von den Gerichten regelmäßig immer dann angenommen, wenn das vorgefundene Rauschgift den Eigenverbrauch weit übersteigt. Ersichtlich wurde es auch durch die Auswertung der Handys. Immer wieder wurde der inzwischen weitgehend entschlüsselte Szene-Jargon benutzt. Um die Transaktionen zu verschleiern, wird beispielsweise Kokain als "Coca-Cola" und Haschisch als "Camel" bezeichnet.

Der Angeschuldigte ist für das Gericht kein Neuling. Bereits drei Mal stand er vor dem Kadi. Zweimal wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln, einmal wegen einer Körperverletzung. Sogar einen dreiwöchigen Dauerarrest hat er bereits abgesessen. Diese Verfehlungen hielt ihm der Staatsanwalt in seinem Plädoyer vor. Er bezeichnete ihn aufgrund der Rückfälle als "uneinsichtig" und attestierte ihm "schädliche Neigungen." Eine Bewährungsstrafe nach Jugendstrafrecht von zwei Jahren und 5000 Euro Geldbuße hielt er für nötig.

Der Verteidiger dagegen zeichnete ein ganz anderes Bild von seinem Schützling. Dessen Lebensgefährtin, schilderte er dem Schöffengericht, habe den Angeklagten vor die Wahl gestellt: "Die Drogen oder ich!" Daraufhin habe der Arbeiter radikal mit seinem bisherigen Freundeskreis und der Drogenszene gebrochen und sei seit eineinhalb Jahren clean. Im Arbeitsleben verhalte er sich vorbildlich und sei sozial voll integriert.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Jugendrichter Martin Kober verurteilte den Mann zu der Freiheitsstrafe einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung, verbunden mit einer 2000-Euro-Geldstrafe. Zudem wurde verfügt, dass die bei der Hausdurchsuchung aufgefundenen 980 Euro eingezogen werden, weil man davon ausgeht, dass das Geld aus illegalen Drogengeschäften stammt. Die nächsten zwei Jahre muss sich der Verurteilte regelmäßig bei einem Bewährungshelfer melden. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, aber die Verteidigung signalisierte, sich mit dem Richterspruch anfreunden zu können.

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