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Von Masar-e Scharif nach Eltmann: Endlich in Sicherheit

Wahid hatte in Afghanistan keine Zukunft mehr, musste um sein Leben bangen. Er machte sich vor über drei Jahren alleine auf den Weg nach Deutschland. Damals war er 15 Jahre alt. Mittlerweile hat er in Eltmann Fuß gefasst.
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Wahid kam 2011 als 15-jähriger Flüchtling aus Afghanistan alleine nach Deutschland und wurde in der Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef in Eltmann aufgenommen. Hier kümmert sich unter anderem Peter Rödelmaier (rechts) um die jungen Menschen. Foto: Andreas Lösch
Wahid kam 2011 als 15-jähriger Flüchtling aus Afghanistan alleine nach Deutschland und wurde in der Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef in Eltmann aufgenommen. Hier kümmert sich unter anderem Peter Rödelmaier (rechts) um die jungen Menschen. Foto: Andreas Lösch
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Der Weg nach Deutschland war beschwerlich. Rückblickend fragt sich Wahid, wie er es überhaupt geschafft hat. "Es war ganz schlimm. Und richtig, richtig gefährlich", sagt er. Von seiner Heimatstadt Masar-e Scharif in Afghanistan aus gelangte er mit Hilfe von Schleppern über den Iran, die Türkei bis nach Griechenland und von dort aus weiter über Italien und Österreich nach München.

15 Jahre alt war Wahid, als er 2011 in der bayerischen Landeshauptstadt ankam. Alleine, ohne Bezugsperson, ohne Kontakt in die Heimat. Ein Polizist, der sich in München zunächst um ihn kümmerte, habe ihn fragend angeschaut und gesagt: Alleine? Wie das denn möglich sei.

Deutsch verstand Wahid nicht, also verständigte er sich auf Englisch.
In der Behördensprache wird jemand wie Wahid als "umF" bezeichnet - die Abkürzung steht für "unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling".


Ausbildung begonnen

Heute ist Wahid 18 Jahre alt, hat in Eltmann eine Ausbildung zum Maler und Verputzer begonnen und wird ab Januar erstmals in eine eigene Mietwohnung ziehen. Bis zum Ende des Jahres wohnt er noch in seinem Zimmer in der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef in Eltmann. Hier ist er vor drei Jahren gelandet, nachdem er von München aus für sechs Monate zunächst in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Zirndorf und schließlich in den Landkreis Haßberge gekommen war.

Hier begann ein neues Leben für Wahid. So beschreibt er es, wenn er von St. Josef und seiner persönlichen Entwicklung in Eltmann spricht. Er war nicht mehr alleine, Menschen kümmerten sich um ihn, er erkannte, dass das hier eine echte Chance ist. Schnell lebte er sich ein, besuchte einen Deutschkurs in Haßfurt, machte seinen Mittelschulabschluss in Eltmann, knüpfte Kontakte zu anderen Jugendlichen. Ein Leben in Sicherheit, nicht zu vergleichen mit dem in seiner Heimat. "Ich bin vielleicht neugeboren. So fühlt sich das für mich an."

Das Beispiel Wahid zeigt, wie es funktionieren kann. Ob es denn immer so reibungslos ablaufe mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen? "Reibungslos funktioniert es nie. Aber es funktioniert", sagt Peter Rödelmaier. Der Diplom-Pädagoge wird bei der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef ab kommenden Montag die neue Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Galgenleite in Eltmann betreuen. Zehn Plätze sollen hier entstehen, vorerst werden vier junge Flüchtlinge unterkommen. Man wolle ihnen "ein Gefühl von Sicherheit vermitteln", erklärt Rödelmaier, der erst kurzfristig erfahren wird, wer zu der Wohngruppe stößt.

Meist stammen die Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia und Eritrea. Entsprechend haben die Betreuer von St. Josef begonnen, sich auf diese Länder vorzubereiten, etwas über ihre Kultur und politische Lage zu erfahren, um leichter einen Zugang zu schaffen zu den möglicherweise traumatisierten Neuankömmlingen. Denn eines, so beschreibt es Rödelmaier, haben viele junge Flüchtlinge gemeinsam: Sie haben in ihrer Heimat und auf der Flucht Schreckliches erlebt und gesehen und brauchen dringend Unterstützung, um hier Fuß zu fassen.


Kein Kontakt mehr in die Heimat

Angesprochen auf die Situation in seiner Heimat und seine Familie, weicht Wahid aus. Er lächelt verlegen, weil er nicht unhöflich sein will, spricht zaghaft. Die Erinnerungen wühlen ihn auf. "Es ist sehr, sehr traurig", sagt er und senkt den Kopf. Sein Vater habe ihn mit einem Geldbetrag ausgestattet, um ihm die Flucht zu ermöglichen, das erzählt er leise. So machte er sich auf den Weg. Einmal wurde die Gruppe von Flüchtlingen, die von Schleppern geleitet wurde, an der iranischen Grenze beschossen, einige Weggefährten starben. Wahid schildert das und wird unruhig. Er erklärt, dass er manchmal noch davon träumt. Seit vier Jahren hat er keinen Kontakt mehr in seine Heimat. Zurückkehren kann er nicht, sagt er, dort wäre sein Leben bedroht. Das Land sei ein sehr gefährlicher Ort, auch für die, die jetzt noch da sind: "Du gehst einkaufen und weißt nicht, ob du es überlebst", sagt Wahid.

Um nach solchen oder ähnlichen Erlebnissen einen Zugang zu den Flüchtlingen zu bekommen, muss man behutsam vorgehen. Nützlich dabei sei zum Beispiel Sport, erklärt Peter Rödelmaier. Beim Fußball etwa funktioniert Gemeinschaft und Verständigung auch mal, ohne dass man die gleiche Sprache spricht. Ebenso finden Jugendliche und Betreuer bei gemeinsamen Kegelabenden einen Draht zueinander. Wichtig sei, dass man Vertrauen aufbaut. Dann gehe es Schritt für Schritt weiter, mit dem Ziel, die minderjährigen Flüchtlinge zur Selbstständigkeit zu erziehen. Das funktioniert laut Rödelmaier recht gut, denn die jungen Männer und Frauen bringen "eine hohe Eigenmotivation mit", sagt der 32-Jährige. Oft haben sie durch die Erlebnisse in ihren krisengeplagten Heimatländern und auf der strapaziösen Flucht ohnehin gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln. Die meisten waren sehr früh auf sich allein gestellt.

Wahid, der es geschafft hat und schon seinen eigenen Weg geht, will nun auch anderen Flüchtlingen helfen, Fuß zu fassen. Der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef hat er seine Hilfe angeboten, will zum Beispiel als Dolmetscher und Ansprechpartner da sein, wenn junge Männer und Frauen neu in Eltmann ankommen. Da hat er schon auch in den vergangenen Monaten immer wieder geholfen. "Die fragen: Wie hast du es geschafft? Und ich sage dann: Da kommst du auch hin", erklärt er und lächelt.
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