Zeil am Main
Vertriebene

Vertreibung ereignet sich bis auf den heutigen Tag

Zum "Tag des Selbstbestimmungsrechts" versammelte sich die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Zeil.
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Elisabeth Pokoi und ihre Töchter Helga und Maria pflegen als "Iglauer Gsangl" mit Gesang und ihren Trachten die Kultur der Iglauer Sprachinsel.Sabine Weinbeer
Elisabeth Pokoi und ihre Töchter Helga und Maria pflegen als "Iglauer Gsangl" mit Gesang und ihren Trachten die Kultur der Iglauer Sprachinsel.Sabine Weinbeer
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Viel mehr Bedeutung müsste dem "Tag des Selbstbestimmungsrechts" zukommen, davon waren alle Redner überzeugt, die am Sonntag beim Unterfränkischen Gedenktag des 4. März 1918 in Zeil sprachen. Der Wert des Selbstbestimmungsrechts der Völker und seine Bedeutung für eine friedliche Welt, müsse gerade heute nachdrücklich herausgestellt werden, betonte Festredner Christoph Winkler.


Jahrhundertelanges Miteinander war einst zerstört worden

"Eigentlich ein trauriger Anlass" sei diese Zusammenkunft in Zeil, meinte Bürgermeister Thomas Stadelmann - "ein außerordentlich wichtiger Anlass" sei es, ergänzte der Bezirksobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Alfred Kipplinger. "Wir wollen nicht aufrechnen, aber erinnern, wie ein jahrhundertelanges Miteinander zerstört wurde und in der Folge Millionen Vertriebene ihre Heimat verloren", erklärte Kipplinger.

Die Angehörigen der vertriebenen Landsmannschaften seien oft beschimpft worden - in ihrer alten Heimat wie auch in den Anfangszeiten in der neuen. "Heute habe ich den Eindruck, dass wieder ein Sündenbock gesucht wird. Bitte lasst euch nicht vor diesen Karren spannen", appellierte er an die Anwesenden, die auch andere Landsmannschaften vertraten.

Der Gedenktag begann mit einem Empfang im Rathaus und einer Kranzniederlegung am Denkmal für die Partnerschaft mit den Römerstädtern. Eine Festveranstaltung im Pfarrsaal schloss sich an. Die Bezirks-Gedenkfeier fand zum dritten Mal in Zeil statt, organisiert vom Kreisobmann Karl-Heinz Schübert. Das habe einen guten Grund, denn rund 1000 Heimatvertriebene kamen einst nach Zeil, viele fanden hier eine neue Heimat.

Zeil habe auch diesen Teil seiner Geschichte aufgearbeitet, den "Treffpunkt Heimat" im Erdgeschoss des Hexenturms geschaffen und der Partnerschaft mit den Vertriebenen aus Römerstadt eine Städtepartnerschaft mit dem heutigen Rymaov folgen lassen. Der Gedenktag sei wichtig, denn "diese Geschichte darf sich nicht wiederholen, nirgendwo auf der Welt", betonte Stadelmann.

Dem schlossen sich stellvertretender Landrat Oskar Ebert und der Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Fahn (Freie Wähler) in ihren Grußworten an. Trotz dieses Gedenktages werde das Recht der Selbstbestimmung der Völker immer wieder mit Füßen getreten. Fahn erklärte, dass der Koalitionsvertrag der Großen Koalition die dezentrale Erinnerungskultur stärken wolle - und die Jugend stärker einbinden. Gerade der Jugend müsse aufgezeigt werden, was es bedeutet, in Frieden aufzuwachsen und wie leicht ein solches Gleichgewicht gestört werden kann. "Schließlich ist das Thema Flucht und Vertreibung hochaktuell, und die Jugend ist es, die die Zukunft gestaltet", so Fahn. Auch Stimmkreisabgeordneter MdL Steffen Vogel (CSU) nahm an Empfang und Kranzniederlegung teil und unterstrich damit die Bedeutung dieses Gedenktages.

Die geschichtlichen Zusammenhänge beleuchtete Zeils Altbürgermeister Christoph Winkler in seinem Fest-Vortrag. Böhmen und Mähren seien immer ein Zankapfel zwischen den Mächtigen gewesen, gerade auch, als die Region zum "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" gehörte. Er erinnerte daran, dass König Wenzel die Stadturkunde für Zeil 1379 in Prag unterschrieben hat. Der Streit unter den Volksgruppen intensivierte sich im Zuge des wachsenden Nationalismus in den 1870er Jahren noch.

In diese Zeit wurde Edvard Benes hineingeboren, seine Abneigung gegen die politischen Verhältnisse in der KuK-Monarchie wuchs stetig. Während der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit seiner Vorstellung vom Selbstbestimmungsrecht der Völker nach dem Ersten Weltkrieg seiner Zeit weit voraus war, lief die Realität leider ganz anders ab. Deutschland und die KuK-Monarchie lehnten seine Vorschläge zu einem friedlichen Miteinander der Völker ab, auch die Engländer, Franzosen und Italiener waren dafür nicht zu gewinnen.


Ein emotionsgeladener Tag 1918

Als Österreich-Ungarn zerfiel, forderten die Tschechen ihren eigenen Staat, ein eigenes Land "Sudetenland" oder "Deutschböhmen" konnte nicht geschaffen werden, tschechische Einheiten besetzten die Gebiete und schufen Tatsachen. Für den 4. März 1918 wurde daraufhin von den Sudetendeutschen ein Generalstreik ausgerufen. In 20 Städten wurde demonstriert - und überall wurde auf Demonstranten geschossen. 55 Tote und rund 350 Verletzte gab es. An diese Ereignisse erinnert der Tag des Selbstbestimmungsrechts.

Winkler zeigte auf, wie das Selbstbestimmungsrecht auch der Südtiroler, der Istrier, am Balkan und in vielen Ländern der Welt missachtet wurde. "Man legte den Sprengstoff für die nächsten Auseinandersetzungen".

Im Dritten Reich sei dann wieder das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen massiv missachtet worden. Hitler habe das Thema instrumentalisiert, und die westlichen Machthaber hätten den Sprengstoff darin unterschätzt. Die meisten Sudetendeutschen hätten die nationalsozialistischen Absichten abgelehnt, doch auf die Germanisierungspläne im Dritten Reich folgte die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Winkler zitierte Benes aus Reden im Jahre 1945 und stellte fest;: "Was für ein Hass! Aber kommt uns das nicht bekannt vor?" Auch heute wieder würde das Selbstbestimmungsrecht mit Füßen getreten, "müssen wir die Geschichte erneut erleben, weil wir nichts daraus gelernt haben", fragte er mit Blick auf heutige Vertreibungen. Scharf kritisierte er, dass noch immer die Benesch-Dekrete völkerrechtliche Gültigkeit haben "obwohl sie im Gegensatz zum Geist und den Werten der Europäischen Union stehen".

Im Blick auf Zeil erinnerte er, dass die Unterbringung von rund 1000 Flüchtlingen eine große Herausforderung gewesen sei, weil auch die heimische Bevölkerung unter den Kriegsfolgen litt und Wohnraum knapp war, doch die Vertriebenen hätten sich um Integration bemüht. Winkler zitierte den früheren Stadtrat Michael Minnich: "Wir sind zwar mit leeren Händen gekommen, aber nicht mit leeren Köpfen."

Und so hätten sie sich fürs Gemeinwesen engagiert und schon bei der ersten freien Kommunalwahl 1948 seien vier von 14 Stadträten auf verschiedenen Listen in den Stadtrat gewählt worden. 1950 führten Heimatvertriebene in Zeil 22 Geschäfte und Firmen. Viele von ihnen waren aus Römerstadt, und sie ließen ihr altes Pestgelübde wieder aufleben mit der Römerstädter Wallfahrt zum Zeiler Käppele.

Seit 2015 gibt es die Städtepartnerschaft mit Römerstadt, heute Rymarov, und im "Treffpunkt Heimat" setzen sich regelmäßig auch Jugendliche aus Tschechien mit der gemeinsamen, schwierigen Vergangenheit auseinander. Diese Arbeit sei umso wichtiger, als es seitdem so viele Vertreibungen gegeben hat, auf dem Balkan, im Irak, in Syrien, in Miramar "oftmals als ethnische Säuberung verharmlost. Etwa 120 Millionen Menschen sind in den vergangenen 100 Jahren Opfer von Vertreibung geworden", erklärte Winkler. Und gerade zur Zeit "erleben wir einen wieder wachsenden, teilweise primitiven Nationalismus. Es gibt wieder mehr Menschen, auch an verantwortlicher Stelle, die glauben, man sei allein stark, nicht gemeinsam", warnte Winkler vor den Entwicklungen in Großbritannien, USA, Polen und Ungarn, der Türkei, vor dem Islamismus, aber auch Tendenzen hier in Deutschland.

Deshalb sei es wichtig, an die Wurzeln dieses Gedenktages zu erinnern, auf die Folgen und Auswirkungen bis heute aufmerksam zu machen. "Seien wir wachsam gegenüber denjenigen, die solche Tage abschaffen wollen, denn diese wollen oft nicht, dass den Menschen bewusst wird, was Selbstbestimmungsrecht und Heimat bedeuten".

Einen passenden musikalischen Rahmen für den Nachmittag setzten die Abt-Degen-Bläser, die Harfenistin Judy Harper und das "Iglauer Gsangl", das sind Elisabeth Pokoi und ihre Töchter Helga Pokoi-Müller und Maria Kühnlein aus Ebern.
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