Memmelsdorf
Jüdisches Leben

Synagoge Memmelsdorf: Altes Gebäude vermittelt Zukunft

Der Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf hat in 20 Jahren dem Landkreis ein Stück jüdischer Geschichte zurückgegeben. Und er hat viele Menschen für ein unschätzbares Erbe und kollektive Verantwortung sensibilisiert.
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Symbol der Offenheit: Beim Festakt im Jahr 2004 übergab Haim Zuri (von links), der Bürgermeister der Partnerstadt Kiryat Motzkin, an Landrat Rudolf Handwerker, Hansfried Nickel, den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins, und Untermerzbachs damaligen Bürgermeister Walter Eichhorn eine illustrierte Bibel. Foto: Archiv/tog
Symbol der Offenheit: Beim Festakt im Jahr 2004 übergab Haim Zuri (von links), der Bürgermeister der Partnerstadt Kiryat Motzkin, an Landrat Rudolf Handwerker, Hansfried Nickel, den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins, und Untermerzbachs damaligen Bürgermeister Walter Eichhorn eine illustrierte Bibel. Foto: Archiv/tog
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Lernen an Spuren der Geschichte. Dazu kommen Führungen, Kulturveranstaltungen und Vorträge, welche die deutsch-jüdische Geschichte und besonders die Tradition des fränkischen Landjudentums lebendig werden lassen. Mit diesem Konzept hat der Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf schon zahllose Menschen erreicht. Er hat sie bewegt, in den Untermerzbacher Gemeindeteil zu kommen, aber auch motiviert, sich mit der Geschichte zu befassen.

Der Verein, der in Hansfried Nickel auf einen unermüdlichen Vorsitzenden bauen kann und 2006 mit der Bayerischen Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet wurde, besteht seit 20 Jahren.

Heute steht die Synagoge für eine international anerkannte Einrichtung im Dienste der Völkerverständigung. Das 1728/29 entstandene Gebäude in Memmelsdorf gilt als älteste erhaltene Synagoge Unterfrankens. Relativ unscheinbar eingebaut in der heutigen Judengasse, hatte das Haus den Krieg und die Ausschreitungen gegen Juden in der NS-Zeit weitgehend unbeschadet überstanden und nach 1945 jahrelang leer gestanden, später dann einem Privatmann als Werk- und Lagerraum gedient.


Bedeutende Funde
Alles begann Ende der 70er Jahre mit rätselhaften Funden auf dem Dachboden des alten Hauses. Es handelte sich um so genannte Genisa, religiöse Schriften und andere Gegenstände der ehemaligen jüdischen Gemeinde, welche das Gebäude 210 Jahre lang als Betraum genutzt hatte, ehe ihr das NS-Regime ein Ende setzte. 1939 mussten die letzten Juden den Ort verlassen, einige von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Nach 1945 kehrte kein Jude nach Memmelsdorf zurück.

Die Genisa erwiesen sich als sensationeller Fund und wurden in europäischen Städten, aber auch in Jerusalem und den USA ausgestellt. Ein Teil des Materials lagert heute im jüdischen Dokumentationszentrum in Würzburg. Die Funde und deren Bedeutung waren Auslöser dafür, dass sich 1993 der Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf gründete, der von anfangs 37 auf aktuell etwa 120 Mitglieder angewachsen ist.

Pädagogen, allen voran der damalige Gymnasiallehrer Hansfried Nickel aus Ebern, erkannten die Chance, das Projekt "Synagoge Memmelsdorf" in die seit 1993 bestehende Partnerschaft des Landkreises Haßberge und den Schüleraustausch mit Kiryat Motzkin in Israel einzubinden. In der Vereinssatzung heißt es

"Besonderes Anliegen des Vereins ist die Jugendarbeit. Er sieht einen Schwerpunkt in der Information und Aufklärung junger Menschen über jüdische Kultur und Religion mit dem Ziel, dabei geschichtliches und menschliches Verständnis auch für andere Minderheiten in unserer Gesellschaft zu wecken. (...)Junge Menschen sollen zu Verantwortung und Zivilcourage ermutigt werden, gegen Beeinträchtigungen und Verletzungen der Menschenwürde einzutreten. "

1995 kaufte der Verein die Synagoge, wobei er, neben einem Darlehen, auf Mittel des Kreises, der Gemeinde Untermerzbach sowie vieler Spender bauen konnte. Der Verein achtete bewusst darauf, eher zu konservieren als zu restaurieren. Ziel war und ist es, die Spuren einer fast 300-jährigen Geschichte nicht zu verwischen, wozu auch die Spuren der Fremdnutzung nach 1945 gehörten.


Schüler arbeiteten am Konzept mit
Am didaktischen Konzept, das Besucher zu einer Spurensuche im Gebäude einlädt, arbeiteten Schüler des Friedrich-Rückert-Gymnasiums in Ebern mit, die über Jahre hinweg am Projekt "denkmal aktiv" der Deutschen Stiftung Denkmalschutz teilnahmen. Die museumspädagogische Umsetzung galt als Pilotprojekt.

Mit einem Besuch würdigte 1996 der damalige israelische Botschafter in Deutschland, Avraham Primor, das Projekt - eine bedeutende Geste .

1998 und 1999 fanden bei sogenannten "trinationalen Workcamps" mit israelischen, polnischen und bayerischen Jugendlichen die ersten Arbeiten statt, später machten sich Profis an die Arbeit. 2004 konnte das eigenwillige und eindrucksvolle Dokumentations- und Erlebenszentrum bei einem Festakt eingeweiht werden.

Bei der inhaltlichen Aus- und Aufarbeitung erwies sich in den Jahren 2005 bis 2007 das Engagement der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Heike Tagsold als Glücksgriff für den Verein. Sie hat Geschichte greifbar gemacht und, laut Nickel, "Türen geöffnet und wesentlich zur Integration dieses Projektes ins Ortsgeschehen beigetragen".


Kulturelle Glanzlichter
Heute stehen die Memmelsdorfer zu "ihrer" Synagoge und neben dem heutigen "Nordheimer Platz" erinnern auch Stolpersteine im Pflaster und Stelen auf der Straße an die jüdischen Mitbürger. Die "Lernstätte" ist zugleich touristisches Aushängeschild der gesamten Gemeinde.

Hier fanden mehrfach Treffen der Nachfahren jüdischer Familien statt, es gibt viel beachtete Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Solisten der Bamberger Symphoniker, allen voran Konzertmeister und Professor Peter Rosenberg stellen immer wieder jüdische Komponisten in den Mittelpunkt ihrer Konzerte. "Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann", befindet Hansfried Nickel, der auch nach 20 Jahren bescheiden bleibt. Dabei haben er und sein Verein doch so Großes geleistet.

Die Synagoge kann bis November jeweils am ersten Sonntag im Monat von 13 bis 17 Uhr besichtigt werden. Um 14 Uhr werden jeweils Führungen angeboten. Auch am Internationalen Museumstag, 12. Mai, ist sie von 11 bis 13 Uhr geöffnet.


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