Die Gemeinden suchen nach dem Stein der Weisen: Wie verbindet man bei der Gestaltung von Straßen, Wegen und Plätzen die Forderungen aus dem Denkmalschutz, gestalterische Gesichtspunkte und die Funktion miteinander? Das ist, im wahrsten Sinn des Wortes, ein Pflaster.

Die betagte Anwohnerin in der Fröschgasse in Haßfurt freut sich: Vor ihrem Haus breitet sich nach der Neugestaltung der schmalen Straße ein Belag aus, der so etwas wie ein Anschauungsobjekt für die Stadtsanierung der Zukunft ist: Große und gesägte Steine, passgenau verlegt mit schmalen Fugen. "Ich bin früher nicht auf der Straße rumgebollert, aber hier läuft es sich jetzt einfach viel schöner", sagt die Frau, die noch gut zu Fuß ist, anders als viele Altersgenossen in der Stadt, die auf eine Gehhilfe angewiesen sind.
 
Mit festen Schuhen


Die meiden zum Beispiel den Platz vor der Stadtpfarrkirche wie der Teufel das Weihwasser, und auch die Dame aus der Fröschgasse zieht "die festen Schuhe an", wenn sie über das unebene Kopfsteinpflaster laufen muss. Die 80-Jährige hat sich schon ihren eigenen Reim auf die "Mode" gemacht, die nicht nur den Kleiderstil betrifft, sondern auch die Grundsätze der Stadtsanierung. "Ich habe miterlebt, wie in der Hauptstraße das Pflaster rausgerissen und geteert wurde. Dann hat man den Teer rausgemacht und wieder Pflaster verlegt ..." Und jetzt?
Haßfurt ist ein gutes Beispiel für das Pflaster mit dem Pflaster. Die Kreisstadt stieg unter dem damaligen Bürgermeister und jetzigen Landrat Rudolf Handwerker (CSU) als eine der ersten in der Region in die Städtebauförderung ein.

Selbstkritische Bilanz


25 Jahre ist das her, das Programm inzwischen aus- und sein Nachfolger angelaufen ist. "Es war ein Segen", sagt der heutige Bürgermeister Rudi Eck (parteilos) und zählt auf, dass dank üppiger Zuschüsse des Staates, öffentlicher und privater Investitionen in diesem Vierteljahrhundert "an die 90 Millionen Euro" in die Altstadt geflossen sind.

Die Bilanz ist freilich nicht nur positiv. Als die Städtebauförderung anlief, war es für Planer und Denkmalschützer keine Frage: Die Straßen, Plätze und Gehwege müssen gepflastert werden, am besten mit gebrauchten Steinen, um den historischen Charakter zu betonen. Dabei griff man zwar nicht auf Steine aus der Zeit der Römer zurück, die die ersten Straßen in Germanien gepflastert haben; die historische Chance tat sich durch die Wiedervereinigung auf: In den Städten der ehemaligen DDR wurde großflächig das alte Buckelpflaster ausgebaut und günstig angeboten oder gar verschenkt. Das bescherte vielen Städten im Westen eine florierende Steinzeit.

Das Pflaster mit dem Pflaster


"Ich könnte mir heute noch sonstwohin beißen", sagt Handwerker, wenn man ihn auf den Pflaster-Boom in der ersten Phase der Stadtsanierung anspricht. Das Quartier hinter der Sparkasse ist ein Beispiel dafür, wie die schöne Optik zum Stein des Anstoßes wurde. Die Anwohner waren von Anfang an skeptisch, nicht zuletzt wegen der Probleme bei der Pflege des unebenen Straßenbelages. Heute wissen aber auch Eck und Handwerker, dass die Steine etwa in der Kaplaneigasse nicht der Weisheit letzter Schluss waren. Senioren und Familien mit Kinderwagen meiden solche Straßen - dabei will man doch gerade in den Altorten die Generationen zusammenbringen.

Vorbild Königsberg?


Deshalb ist Haßfurt nicht nur dazu übergegangen, bei Baumaßnahmen fußfreundliche Beläge zu wählen. "Wir denken auch darüber nach, in bestimmten Bereichen wie auf dem Platz vor der Stadthalle einen Gehweg in die Pflasterfläche zu legen", sagt Eck. Vorbild könnte Königsberg sein, wo erst jüngst die gepflasterte Tretgasse (da passt der Name) einen geglätteten Seitenstreifen erhalten hat.

Auch bei Dorferneuerungsprojekten wie in Oberaurach denken Planer und Gemeinderäte inzwischen um. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist auf dem Dorf anders als in einer Stadt der Pflasterbelag nicht "historisch". Straßen und Wege in den Dörfern bestanden früher schlichtweg aus "Dreck".

Neu oder alt?


Zum zweiten ist auf dem Markt kaum noch gebrauchtes Pflaster zu bekommen, günstig schon gar nicht, und die Industrie bietet inzwischen genormte Betonsteine ein, die mit ihrem antik angehauchten Design auf den ersten Blick kaum von einem alten Stein zu unterscheiden sind. Nur, dass die Oberfläche sehr viel ebener wird. Auch Natursteinpflaster wird heute vor allem in der veredelten Form verbaut (zum Beispiel auf dem Dorfplatz in Sand), mit gesägten und sandgestrahlten Oberflächen und regelmäßigen Formen. Vielleicht wird der neue Stein, der alt aussieht (und sei es erst in ein paar Jahrzehnten), zum Stein der Weisen in Dörfern und Städten.