Haßfurt

Statt Mathe in die Notaufnahme

Im Haßfurter Krankenhaus erfahren Schulsanitäter, was passiert, wenn der Rettungsdienst einen Verletzten aus der Schule abgeholt hat.
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Marie (links) und Mia (rechts) von der Dr.-Ernst-Schmidt-Realschule Ebern üben die Reanimation. Simone Gilley, Erste-Hilfe-Ausbilderin beim BRK-Kreisverband, gibt dabei Tipps.Michael Will/BRK
Marie (links) und Mia (rechts) von der Dr.-Ernst-Schmidt-Realschule Ebern üben die Reanimation. Simone Gilley, Erste-Hilfe-Ausbilderin beim BRK-Kreisverband, gibt dabei Tipps.Michael Will/BRK
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Immer wenn es an ihrer Schule zu einem medizinischen Notfall kommt, erkrankte und verletzte Schüler oder Lehrer versorgt werden müssen, dann sind sie zur Stelle, um Erste Hilfe zu leisten: An mittlerweile 14 Schulen im Landkreis stehen rund 170 Schulsanitäter zur Verfügung. Vom Roten Kreuz ausgebildet, sind sie erste Ansprechpartner, wenn es um die Versorgung und Betreuung von Mitschülern bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes geht.

Um für den Alltag und die Erste Hilfe fit zu sein, finden in Zusammenarbeit mit dem BRK immer wieder Fortbildungen statt, die von engagierten Betreuungslehrern des Schulsanitätsdienstes begleitet werden. Mit Erster Hilfe ist es in etwa so wie mit dem Lernen in der Schule: Was man regelmäßig übt und wiederholt, beherrscht man und kann es sicher anwenden.

Hinter die Kulissen des Krankenhauses

Im zweiten Halbjahr 2019 legten Ingrid Böllner und Simone Gilley, beim BRK-Kreisverband zuständig für die Aus- und Fortbildung der Schulsanitäter, ihr Augenmerk darauf, die Mädchen und Jungen nicht nur im Umgang mit Erster Hilfe zu schulen, sondern ihnen auch einmal zu zeigen, was eigentlich passiert, nachdem der Rettungsdienst einen verletzten oder erkrankten Mitschüler aus der Schule abgeholt hat. In Zusammenarbeit mit dem Haus Haßfurt der Haßberg-Kliniken fand kürzlich ein Aktionstag statt, bei dem die Schulsanis einen Blick hinter die Kulissen eines Krankenhauses erhielten. Von der Einlieferung eines Patienten mit dem Rettungswagen bis hin zur weiteren Versorgung in der Notaufnahme konnten die Schüler dabei interessante Einblicke gewinnen.

Die Haßberg-Kliniken und das Bayerische Rote Kreuz erhoffen sich von derartigen Aktionstagen, bei den Mädchen und Jungen das Interesse an Berufen im medizinischen und pflegerischen Sektor zu wecken. Denn der Fachkräftemangel in sozialen Berufen macht auch nicht vor den Krankenhäusern halt, weiß Karin Kramer, Referentin Öffentlichkeitsarbeit bei den Haßberg-Kliniken. "Wir haben in unseren Kliniken viele interessante Berufe zu bieten", sagt sie. "Wenn es uns gelingt, durch solche Aktionstage das Interesse bei jungen Menschen für Berufe in Medizin und Pflege zu wecken und sie sich für eine Ausbildung bei uns bewerben, ist das ein Gewinn."

Nicht anders ist die Situation beim BRK. Auch hier macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar, sagt Michael Will, Pressesprecher des Kreisverbandes. "Wir bemühen uns stets darum, Nachwuchskräfte für eine Ausbildung bei uns zu gewinnen." So bietet das Rote Kreuz unter anderem Ausbildungen zum Notfallsanitäter, zur Altenpflegerin und in Verwaltungsberufen an, auch angehende Erzieher können ihr Vor- bzw. Berufspraktikum ableisten. "Die Schüler von heute sind unsere Einsatzkräfte von morgen", umschreibt Will die Situation. Denn vor allem auch auf dem ehrenamtlichen Sektor im Katastrophenschutz, in den Bereitschaften, bei der Wasserwacht, dem Jugendrotkreuz und in der Wohlfahrt- und Sozialarbeit sind neue Helfer immer gerne gesehen. "Ohne Ehrenamtliche wäre das BRK nur halb so stark."

Wo es um Leben und Tod geht

Die Schulsanitäter erleben bei dem Aktionstag abwechslungsreiche Stunden. Für viele ein Höhepunkt: die Besichtigung der Notaufnahme inklusive des Schockraums, in dem Schwerverletzte von einem Team aus Ärzten, Schwestern und Pflegern nach ihrer Einlieferung durch den Rettungsdienst versorgt werden. Oberärztin Kathrin Gumprecht-Fleck, ebenso als Notärztin im Rettungsdienst tätig, erklärt die Ausstattung, medizinische Geräte und informiert, wie es gelingen kann, Atmung, Kreislauf und Bewusstsein eines Patienten zu stabilisieren, um ihn anschließend auf Station weiterbehandeln zu können.

Vor der Klinik steht derweil ein Krankentransportwagen der BRK-Rettungswache Haßfurt. Julian Vetter, Auszubildender zum Notfallsanitäter, zeigt den Schulsanis dessen Ausstattung. Dann geht es auch gleich ans Üben: Blutdruckmessen steht auf dem Lehrplan. Die Mädchen und Jungen üben den Umgang mit Blutdruckmanschette und Stethoskop. Gerade fertig, kommt Jenny Ploner, Praxisanleiterin in den Haßberg-Kliniken, um die Ecke gelaufen und ruft um Hilfe: Sie ist gestürzt, hat sich offenbar den Unterarm gebrochen. Natürlich nur ein Übungsszenario, dennoch sollen die Schulsanitäter nun ihr Wissen in die Tat umsetzen. Zusammen mit Julian Vetter versuchen sie, den Arm mit einer speziellen Schiene und elastischen Binden ruhig zu stellen.

Profis geben Tipps

Ein paar Meter weiter in der Klinik geht es sprichwörtlich um Leben und Tod: Die Mädchen und Jungen üben die Herz-Lungen-Wiederbelebung. Anästhesiepfleger Ralf Hirschlach und Simone Gilley, Erste-Hilfe-Ausbilderin beim BRK, frischen zusammen mit den Schülern deren Reanimationskenntnisse auf. 30-mal drücken, zweimal beatmen - immer abwechselnd, solange bis der Rettungsdienst eintrifft. Die Übung kostet Kraft und strengt an, die Schulsanis lassen sich davon aber nicht abhalten, üben fleißig und befolgen die Tipps der Profis.

Bei vielen sieht die Reanimation an den Phantomen richtig professionell aus. Im Falle des Falles können die Schulsanitäter bei einem Herzstillstand mit ihren Erste-Hilfe-Maßnahmen so sprichwörtlich zum Lebensretter werden.

Einen Raum weiter geht es "blutig" zu. Erste-Hilfe-Ausbilder Günther Schleelein, Fachmann in realistischer Unfalldarstellung, hat nicht mit Kunstblut und Silikonpaste gespart und Krankenschwester Eva Hückmann eine echt aussehende Wunde an die Stirn geschminkt. Die Schüler müssen diese nun mit Verbänden versorgen. Dass das mitunter gar nicht so leicht ist, zeigt Krankenschwester Manuela Hörhager. Mit ein paar Tricks lässt sich aber beispielsweise auch ein Verband am Kopf oder am Knie so anlegen, dass er nicht verrutscht.

Fast vier Stunden lang haben die rund 30 Schulsanitäter aus den Realschulen Eltmann, Ebern, Haßfurt und Hofheim sowie den Mittelschulen Zeil und Hofheim während des Aktionstages viel Neues erfahren. Den Schülern hat es gefallen. "Voll cool", "ganz schön spannend", "das hat mir super gefallen" und "viel besser als Mathe" lauten einige Kommentare.

Mit Begeisterung dabei

Besonders die Notaufnahme hat es ihnen angetan, so wie den beiden 14-jährigen Neuntklässlerinnen der Dr.-Ernst-Schmidt-Realschule Ebern, Marie Wissendheit und Mia Staudenmayer. Marie kann sich vorstellen, in den Haßberg-Kliniken ein Praktikum zu machen, um noch mehr Einblick in die Arbeit im Krankenhaus gewinnen zu können. Auch Mia hat dieser besondere Einblick beeindruckt, "das habe ich davor noch nie gesehen".

Die beiden Mädchen empfehlen auch anderen Schülern, sich im Schulsanitätsdienst ihrer Schule zu engagieren. "Das macht echt Spaß!", sagt Mia. Beide wurden bereits des Öfteren zu Mitschülern in Not gerufen, so richtig schlimm war es zum Glück aber noch nie. Bei der Versorgung von Platzwunden oder der Betreuung eines verletzten Schülers beim Sportfest bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes haben sie schon mitgewirkt.

Lehrerin Nicole Hojer, die beim Aktionstag die Eberner Realschüler begleitet, berichtet von der Begeisterung, mit der die Schulsanitäter dabei sind. Der Dienst mache ihnen nicht nur Spaß, sondern sei durchaus sehr wichtig. Mehrmals die Woche würden die Schulsanis vom Sekretariat aus zum Einsatz gerufen, um sich um erkrankte oder verletzte Mitschüler zu kümmern. An der Eberner Realschule hat man für den Schulsanitätsdienst sogar Funkgeräte angeschafft, um die diensthabenden Schulsanis stets schnell zu erreichen.

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