Haßfurt
Fränkisch statt Fachchinesisch

Sprachunterricht für ausländische Ärzte

Etliche Ärzte, die an den Haßberg-Kliniken im Landkreis beschäftigt sind, sind Ausländer. Für sie gibt es eigens einen ganz speziellen Einzelunterricht in Deutsch. Vor allem für Patientengespräche werden die Mediziner geschult.
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Fachchinesisch in Patientenfränkisch umwandeln: Seit gut einem Jahr betreut Ellen Hartel-Steck an den Haßberg-Kliniken ausländische Ärzte und lehrt sie im Einzelunterricht die deutsche Sprache. Foto: p
Fachchinesisch in Patientenfränkisch umwandeln: Seit gut einem Jahr betreut Ellen Hartel-Steck an den Haßberg-Kliniken ausländische Ärzte und lehrt sie im Einzelunterricht die deutsche Sprache. Foto: p
Seit Anfang 2012 gibt Ellen Hartel-Steck, Dozentin für deutsche Sprache, an den Haßberg-Kliniken Deutschstunden für ausländische Ärzte. Aktuell lernen sechs Mediziner bei der Bambergerin Deutsch. Sie legt im wöchentlichen Einzelunterricht großen Wert darauf, ihre "Schüler" vor allem für Gespräche mit Patienten sprachlich fit zu machen.


Das Kreuz mit dem "Kreuz"

"Oooh, mir tut mein Kreuz so weh!" Was so normal klingt, kommt einem Griechen, Ungarn, Ägypter, Syrier oder Südamerikaner seltsam vor. Bei Kreuz denkt er wohl mehr an eine Kirche denn an den Rücken, wo der Schmerz sitzt. Deswegen spielt Ellen Hartel-Steck ganz bewusst "die fränkische Kranke", wie die Haßberg-Kliniken in einer Pressemitteilung informieren.
Sie fragt dann auch: "Herr Doktor, wann bin ich denn überm Berg?" Oder erklärt, dass es ihr "wurscht" ist, wann sie das nächste Mal zum Arzt kommen soll.

Unterricht in Umgangssprache und Fränkisch ist ein wichtiger Bestandteil der Stunden von Hartel-Steck. "Den Patienten zu verstehen und auf Augenhöhe mit ihm reden zu können, ist ein ganz elementarer Bestandteil für ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten." Zu wissen, dass mit überm Berg sein nicht eine anstrengende Gipfelwanderung, sondern die Genesung des Patienten gemeint ist, ist im Arbeitsalltag der ausländischen Ärzte an den "Haßberg-Kliniken" unverzichtbar.


Nur wer versteht, kann helfen

"Gerade in Extrem-Situationen reagieren Unfallpatienten, die gerade gestürzt sind oder sich bei einem Zusammenstoß verletzt haben, oft unkontrolliert und verfallen noch mehr als sonst in ihren Dialekt und ihre Umgangssprache." Genau die wird aber bei normalen Deutschkursen, in denen die Mediziner das so genannte B2-Niveau als Zugangsvoraussetzung erreichen müssen, nicht gelehrt. "Da geht es meistens nur ums Pauken, um den Schein zu bekommen", sagt die Dozentin. "Im Beruf selbst ist dann alles viel komplexer."

Die studierte Sozialpädagogin gibt seit 32 Jahren Deutschunterricht für Ausländer. Ärzte sind ihr Spezialgebiet geworden. "Mein Mann sagt immer, dass ich inzwischen problemlos die Diagnosen selbst stellen sollte", lacht die Bambergerin. Seit Beginn des Jahres lehrt sie an den Haßberg-Kliniken. Ein- bis dreimal in der Woche trifft sich Ellen Hartel-Steck mit den Medizinern zum Einzelunterricht. "Unter vier Augen lässt sich am effektivsten und intensivsten lernen." Außerdem, so die Dozentin, zeige die Erfahrung, dass in dieser Situation ohne Druck Probleme angesprochen werden, die sonst im Verborgenen blieben, weil es einem peinlich wäre, wenn es die Kollegen mitbekommen.


Intensive Sprachbetreuung

Um das Bewusstsein ihrer "Schüler" für Fehler zu schulen, tragen diese stets im Arztkittel einen Zettel bei sich, auf dem sie notieren, was sie gerne im Unterricht besprechen würden. "Die Methode hat sich als sehr sinnvoll erwiesen und funktioniert richtig gut", freut sich die Dozentin über die rege Mitarbeit ihrer "Schüler". Vor allem Ärzte, die neu nach Haßfurt kommen, sind von der Sprachbetreuung begeistert und nutzen sie intensiv. Über die Deutschstunden hinaus wird nach Dienstschluss gründlich gelernt. "Das geht nur, wen man eine tiefe Liebe zu seinem Beruf hat, und verdient größten Respekt."

In den meisten Fällen macht übrigens nicht die für Ausländer als extrem schwierig geltende deutsche Grammatik die größten Schwierigkeiten, sondern die Frage nach dem Artikel "Der, die oder das?". "Ich versuche den Kollegen kleine Hilfestellungen mit auf den Weg zu geben." Zum Beispiel, dass Hauptwörter auf "-yse" wie "Dialyse" immer weiblich sind.


Das Herz bleibt in der Heimat

"Wir versuchen gemeinsam, die Fehler zu minimieren und das Erlernte sofort in den Alltag einzubauen", erläutert die Lehrerin. Den Schwerpunkt bilden die Gespräche mit Patienten und Angehörigen. Auch Körpersprache, Mimik und Gestik werden unter die Lupe genommen. Ziel ist immer das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten. Dazu gehört es, medizinische Fachbegriffe in alltagstaugliche Sprache zu übersetzen. Aus dem CT wird eine "Röhre". "Wir wandeln Fachchinesisch in Patientendeutsch um", erklärt die Dozentin. Oder gar - siehe "Kreuz" - in "Patientenfränkisch".

Stephan Kolck, der Vorstandsvorsitzende des Kreisunternehmens Haßberg-Kliniken, erklärt: "Wir möchten damit zeigen, dass wir die Arbeit dieser Kollegen wertschätzen und sie noch besser bei uns einbinden wollen." Oft stünden Ärzte, die fern der Heimat ihren Dienst verrichten, unter emotionaler Belastung, vor allem, wenn sie aus Kriegs- oder Krisengebieten gekommen sind. "Ich spüre dieses Hin-und-Her-gerissen-Sein", sagt die Dozentin. "Der Kopf lebt zwar in Deutschland, aber das Herz oft noch in der Heimat."
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