Zeil am Main
Strafprozess

Showdown am Gartenzaun: Wildpinkler vs Gartenbesitzer nach Zeiler Weinfest

Das Amtsgericht Haßfurt sprach einen 54-Jährigen frei, der nach einer Auseinandersetzung im Umfeld des Zeiler Weinfestes ins Visier der Justiz geraten war.
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Eine Auseinandersetzung nach dem Weinfest in Zeil am Main landete vpr dem Amtsgericht Haßfurt. Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Eine Auseinandersetzung nach dem Weinfest in Zeil am Main landete vpr dem Amtsgericht Haßfurt. Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Blase eines 59-jährigen Familienvaters muss nach rund sieben Stunden Aufenthalt auf dem Zeiler Weinfest im vergangenen Jahr randvoll gewesen sein. Als er sich nach 22 Uhr mit zwei Promille intus auf den Heimweg macht, überkommt ihn ein menschliches Bedürfnis, das so dringend war, dass er es nicht mehr zur nächsten Toilette schafft. Er pinkelt, um einen Wasserschaden in der Hose zu vermeiden, kurzerhand an den nächsten Gartenzaun.

Nach Weinfestbesuch in Garten gepinkelt - während Ehepaar den lauen Abend genießt

Zu seinem Unglück genießt dort ein Ehepaar den lauen Augustabend. Der Mann bemerkt den Wildpinkler und kommt - laut späterer Aussage des Festbesuchers bei der Polizei - aus seinem Garten geschossen, um ihm unvermittelt und ohne Vorwarnung die Faust ins Gesicht zu rammen. Der Geschlagene fällt nach hinten um. Als er sich aufrappeln will, landet die Faust des wütenden Gartenfreundes erneut in seinem Gesicht, so dass er noch einmal zu Boden geht. Danach stürmen Männer und eine Frau auf die Straße. Die Frau filmt den am Boden Liegenden mit ihrem Handy. Der Geschlagene flüchtet sich gerade noch ins bereitstehende Auto mit seiner Frau am Steuer und kann der Meute zusammen mit seinen beiden Söhnen gerade noch entkommen.

Versionen des Vorfalls gehen auseinander

So schilderte es der Geschlagene später der Polizei, die gegen den angeblichen Schläger eine Strafanzeige vorlegte. "800 Euro sollte ich zahlen oder drei Wochen ins Gefängnis gehen. Ich dachte, ich fall' vom Himmel", erzählte er am Mittwoch bei der Gerichtsverhandlung am Amtsgericht Haßfurt, zu der es kam, weil er Einspruch gegen den Strafbefehl eingelegt hatte.

Auf der Anklagebank, auf der er zum ersten Mal in seinem Leben saß, erzählte der 54-Jährige seine Version des Tatablaufs. Danach habe er den Weinfestbesucher zur Rede gestellt, warum er sich den Gartenzaun für sein Geschäft ausgesucht habe. Daraufhin habe der ihn am T-Shirt gepackt. Er habe den Betrunkenen zurückgeschubst, worauf der nach hinten umgefallen sei. Mehr sei nicht passiert und der Vorfall sei für ihn daher abgeschlossen gewesen, zumal es seit 32 Jahren - seitdem es das Zeiler Weinfest gibt - immer wieder zu Zwischenfällen mit Blasenschwachen gekommen sei.

Umso mehr sei er eine Stunde später erschrocken, als ein "Überfallkommando" mit vier bewaffneten Polizeibeamten ihn und seine Frau aufsuchten, um ihn zu vernehmen. Da Aussage gegen Aussage stand, sollten die Zeugen Licht ins Dunkel bringen.

Laut Aussage der Ehefrau im Zeugenstand hat der angeklagte Gartenfreund ihrem Mann mit der Faust zweimal "voll eine neigeknallt". Danach seien aus dem Anwesen sechs bis sieben Männer und eine Frau auf ihren Sohn hinzu gestürmt. Man habe sich gerade noch ins Auto retten und geschockt heimfahren können, gab sie zu Protokoll. Sowohl ihr Ehemann als auch ihr Sohn bestätigten ihre Aussage im Zeugenstand teils wortgleich.

Anders lautete die Aussage der Ehefrau des Angeklagten. Sie habe nur gesehen, dass ihr Mann den Geschädigten zurückgeschubst habe. Ein anderer Passant habe ihn danach ein weiteres Mal geschubst, so dass er erneut zu Boden ging. Sie habe mit ihrem Handy Fotos gemacht, die ihre Aussage unterstützen würden.

Diese Fotos sollten dann unter anderem dazu führen, dass der Angeklagte freigesprochen wurde. Denn die Handy-Aufnahmen belegten eine Rangelei zwischen dem angeklagten Gartenbesitzer und dem angeblich Geschädigten und passten nicht zu den Aussagen des angeblichen Opfers und dessen Familienangehöriger, sagte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Zudem seien deren Aussagen unglaubhaft gewesen und hätten wie abgesprochen geklungen. Es sei dunkel gewesen, so dass der Sohn und die Ehefrau, die in einiger Entfernung vom Tatort waren, den Vorfall nicht genau gesehen haben konnten, argumentierte die Anklagevertreterin. Außerdem sprächen die Verletzungen im Gesicht des Wildpinklers gegen einen Faustschlag und passten eher zu einer Schürfwunde.

Sowohl die Verteidigerin als auch die Vorsitzende waren derselben Ansicht, so dass Richterin Ilona Conver den Angeklagten freisprach. Der wirkte nach 13 Monaten Anspannung sichtlich erleichtert und applaudierte dem Gericht zu seiner Entscheidung. Weniger Grund zur Freude hatte der Weinfestbesucher. Denn als er die Anzeige bei der Polizei machte, kassierte er ebenfalls eine Anzeige wegen des Wildpinkelns, das eine Ordnungswidrigkeit darstellt.

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