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Seniorenresidenz

Schloss Gleusdorf: Skandal-Pflegeheim wird geschlossen

Die Behörden schreiten ein: Am Montag wurde Angehörigen und Betreuern mitgeteilt, dass sie binnen sechs Wochen neue Heimplätze für ihre Schützlinge suchen müssen.
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Die Behörden schreiten ein: Am Montag wurde Angehörigen und Betreuern mitgeteilt, dass sie binnen sechs Wochen neue Heimplätze für ihre Schützlinge suchen müssen. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa
Die Behörden schreiten ein: Am Montag wurde Angehörigen und Betreuern mitgeteilt, dass sie binnen sechs Wochen neue Heimplätze für ihre Schützlinge suchen müssen. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa
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Die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf wird zum 31. Januar 2019 geschlossen. Für die zuletzt rund 65 Heimbewohner müssen neue Plätze außerhalb des "Horrorheims", wie die "Bild"-Zeitung vor zwei Jahren titelte, gefunden werden. Dies erfuhren Angehörige und die von Vormundschaftsgerichten eingesetzten Betreuer am Montagabend in Haßfurt von Vertretern der Fachstelle Pflege- und Behinderteneinrichtung, Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA), wie die Heimaufsicht als Behörde betitelt wird.

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Da die Bekanntgabe durch das Landratsamt erfolgte und weder Vertreter der Geschäftsleitung noch Mitarbeiter der geschlossenen Einrichtung im Itzgrund eingeladen und anwesend waren, ist von einem Entzug der Betriebserlaubnis von Amts wegen auszugehen.

Suche nach freien Plätzen

Detaillierte Informationen hat die Pressestelle des Landratsamtes für die nächsten Tage angekündigt. Bereits am gestrigen Dienstag liefen in Heimen in Ebern und Bamberg die Telefone heiß, da wegen freier Plätze nachgefragt wurde. Eine Angehörige, die auch an der Versammlung in Haßfurt teilgenommen hatte: "Ich bin total verzweifelt, weil ich nicht weiß, wohin mit meinem Verwandten." Innerhalb von sechs Wochen muss sie eine Lösung finden. Da waren andere in den vergangenen Wochen erfolgreicher, da sie ihre Leute aus dem Heim holten, als im Sommer neuerliche Unzulänglichkeiten bekannt wurden und Anzeige gestellt wurde.

Bereits vor über zweieinhalb Jahren waren Strafanzeigen gegen die Heimleitung bei der Staatsanwaltschaft in Bamberg eingegangen, die im November und Dezember 2016 in einem Polizeieinsatz, zwei Festnahmen, Berufsverbote und einer Exhumierung auf dem Strullendorfer Friedhof gipfelten. Seither ermittelt die Kripo in Schweinfurt, zu Beginn mit einer zehnköpfigen Sonderkommission.

Mit der strafrechtlichen Bewertung der im Raum stehenden Tatbestände wie Körperverletzung an Schutzbefohlenen, Diebstahl, Betrug, Dokumentenfälschung. Medikamentenmissbrauch, Ausstellen falscher Rezepte, Steuerhinterziehung und weiteren Delikten hat die Maßnahme des Landratsamtes nur bedingt zu tun.

Ermittlungen laufen weiter

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Bamberg laufen noch, wie ein Sprecher der Behörde vergangene Woche wissen ließ. Derzeit werden die umfangreichen Unterlagen der Kriminalpolizei ausgewertet. Erst dieser Tage gab es Nachermittlungen, da Zeugen nochmals befragt wurden und sich ganz neue meldeten. Das ist die juristische Dimension.

Die politisch-verwaltungstechnische Maßnahme des Landratsamtes hat andere Gründe. Bereits vor Wochen hatten Behördenvertreter auf Nachfrage unserer Zeitung mitgeteilt, dass das Untersagen des Betriebes einer Pflegeeinrichtung an eine Vielzahl von gesetzlichen Vorgaben und Gerichtsurteile geknüpft ist. Notwendig wird die Untersagung beispielsweise, wenn erkannte Mängel nicht ordnungsgemäß oder nicht zeitgerecht behoben werden. Oder wenn bestimmte Angaben nicht oder unvollständig gemacht werden. Ein Widerspruch und/oder Anfechtungsklagen gegen eine Untersagung seitens der Behörde haben laut dem bayerischen Gesetz zur Regelung der Pflege-, Betreuungs- und Wohnqualität im Alter und bei Behinderung keine aufschiebende Wirkung. Daher ist die Schließung zum angekündigten Termin Fakt.

Als Eigentümer des Schlosses am Ufer der Itz wie auch als Betreiber fungieren zwei Privatleute, die aus dem Raum Bremen/Oldenburg nach Bayern kamen und nun in der Region Bamberg ansässig sind.

Gewinn 2016 bei 530 000 Euro

Die Geschäftsführerin (58), die zwischenzeitlich in Untersuchungshaft saß, und der Heimleiter (66) haben die Seniorenresidenz, laut einer Vorbesitzerin ein Dientzenhofer-Bau als Ableger von Kloster Banz, im Jahr 2002 für 3,2 Millionen Euro von einer Familie aus dem Landkreis Bamberg übernommen, die zuvor den denkmalgeschützten Bau zum Pflegeheim umgebaut hatte.

Laut Veröffentlichung im Bundesanzeiger betrug der Bilanzgewinn der Zwei-Mann-Betreibergesellschaft im Jahr 2016 fast 530 000 Euro, die Immobiliengesellschaft dagegen weist Verbindlichkeiten in Millionenhöhe auf.

Zuletzt wurden - auch durch intensive Recherchen unserer Zeitung - Hygienemängel publik. Mindestens seit Mitte 2017 grassiert die Krätze im Haus, bei Bewohnern wie Personal, was gegenüber den Aufsichtsorganen zunächst monatelang vertuscht oder auch nicht erkannt worden war. In einem ähnlich gelagerten Fall im Raum Erlangen hat jüngst die dort zuständige Heimaufsicht sogar die Staatsanwaltschaft eingeschalten, weil von einem Vorsatz ausgegangen wird, da Infektionen immer wieder ausbrachen.

"Schloss Gleusdorf ist eine einzige Katastrophe", schimpfen frühere Mitarbeiter und auch Ärzte, die Einblick hatten. "Alle Regeln einer modernen und menschenwürdigen Pflege werden mit Füßen getreten", urteilt eine ausgewiesene Fachkraft, die ob Jahrzehnte langer Berufserfahrung "so etwas noch nie erlebt hat". Die Fachfrau: "Als ich nach einem Beschwerde-Management fragte, erklärte mir der Heimleiter, dass es so etwas nicht brauche, weil es keine Beschwerden gebe."

Dabei kamen die zuhauf - und seit Jahren. Und auch eine diplomierte Fachkraft, die bei ihrem Ausscheiden mit einem Maulkorb-Erlass überzogen und zum Schweigen verdammt worden war, schämt sich mittlerweile, "dort gewesen zu sein". Obgleich sie die Grundkonzeption mit betreutem Wohnen für eine "gute Idee" hält - "halt unter einer anderen Führung". Die Sozialarbeiterin: "Ich hoffe, dass es in einer neuen Form weitergeht."

Der Heimleiter selbst hatte in internen Zirkeln stets seine Überzeugung kundgetan: "Die machen unseren Laden nicht dicht. Das können die gar nicht."

Seitens des medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MdK) wird auf die seit Jahren laufenden Bemühungen um Aufklärung der Missstände in Schloss Gleusdorf verwiesen. Die Leiterin des Bereichs Pflege in München, Johanna Sell, verwahrt sich dabei gegen Vorwürfe von Korruption, Interessensvermengung und fehlender Neutralität, wie sie von Heimmitarbeitern immer wieder erhoben werden, da sie mehrfach und unabhängig voneinander von Vorwarnungen über anstehende Kontrollbesuche berichteten.

"Wir prüfen unangemeldet"

Johanna Sell: "Wir prüfen jede stationäre Pflegeeinrichtung unangemeldet. Und zwar im Mehr-Augen-Prinzip, mit wechselnden Auditoren und Funktionstrennung." Die Annahme von Belohnungen und Geschenken sei grundsätzlich verboten. Über all diese Punkte wache eine interne Revision. Daher könne es nicht sein, dass - wie von einer Zeugin aktuell geschildert - eine MdK-Mitarbeiterin am Tag vor dem eigentlichen Kontrollbesuch vor Ort war. Unsere Informantin hatte dagegen sogar eine Personenbeschreibung abgegeben.

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