Gleusdorf
Pflegeskandal

Schloss Gleusdorf: Alles wie gehabt?

Ungeklärte Todesfälle, laufende Ermittlungen und neue Vorwürfe: In der Seniorenresidenz im Schloss an der Itz kehrt kein Alltag ein.
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Was passiert hinter den Mauern von Schloss Gleusdorf? Viele Fragen, kaum Antworten. Foto: Eckehard Kiesewetter
Was passiert hinter den Mauern von Schloss Gleusdorf? Viele Fragen, kaum Antworten. Foto: Eckehard Kiesewetter
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Geht es in der Seniorenresidenz weiter wie zuvor? Obwohl die Aufsichtsbehörden seit der Polizei-Razzia im November 2016 samt Festnahmen, Untersuchungshaft, Exhumierung angeblich genau hinschauen? Die Staatsanwaltschaft prüft noch immer, wartet auf Gutachten, da kommen neue Vorwürfe über Unzulänglichkeiten, Täuscherei, Dokumentenfälschung und Anzeigen wegen Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen hinzu.

Fakt ist: Die zwei Gesellschafter der privaten Betreibergesellschaft, beide im Raum Bamberg ansässig, teilen sich die Aufgaben von Heimleitung und Geschäftsführung. Ein kommissarischer Pflegedienstleiter sowie die Chefsekretärin haben die Einrichtung zur Jahreswende verlassen, eine zwischenzeitlich eingestellte Heimleiterin ist nach drei Monaten gegangen.

In schlimmem Zustand

Und wie steht es um die Bewohner? Ein Fall, der erst nach dem jüngsten Besuch des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MdK) aus Coburg am 19. Juni bekannt wurde, lässt Befürchtungen aufkommen. Eine Tochter fand ihren Vater, nach einer Kiefer-Operation in Bamberg zurück im Heim Gleusdorf, zwei Tage später im Klinikum Coburg wieder. Von Schmerzen geplagt, blutverschmiert, berichtet sie. Diagnostiziert und von Ärzten in Coburg dokumentiert wurde zudem eine Lungenentzündung. Fotos belegen den Zustand.

Die Tochter, die selbst im medizinischen Bereich ausgebildet und tätig ist, hat im Internet schwere Vorwürfe erhoben und ihre Beweise der Kriminalpolizei ausgehändigt. Sie hatte ihren 74-jährigen Vater im Juli 2016 mit Alzheimer-Diagnose ins Heim gebracht. "Er lief noch selbstständig, war aufnahmefähig und artikulierte sich klar."

"Dramatische Verschlechterung"

Zu Weihnachten 2016 fielen ihr dramatische Verschlechterungen auf. "Er ist nur noch gestolpert, im Frühjahr 2017 saß er teilnahmslos im Rollstuhl." Auf Nachfrage wurde ihr das mit "normalen Symptomen bei Alzheimer" erklärt. Auf ihr ausdrückliches Nachhaken wurde ihr versichert, wie sie sagt, dass der Vater keine weiteren Medikamente bekomme.

Aufgrund eines Hinweises überprüfte sie im Frühjahr 2018 das Taschengeld-Konto ihres Vaters und fand heraus, dass seit Mitte 2016 Zuzahlungen zu Rechnungen einer Apotheke verbucht waren. So forderte die Frau von der Apotheke eine Aufstellung über die für ihren Vater gelieferten Medikamente an. Sie fiel aus allen Wolken. "Mein Papa wurde ab 2016 mit Tabletten vollgepumpt."

Psychopharmaka, Betablocker, Antidepressiva sollen es nach ihrer Darstellung gewesen sein.

Der Alzheimer-Patient aus Thüringen wird in einer Stellungnahme des Heimes an den MdK als Dauerläufer zur Tages- und Nachtzeit "bis zur Erschöpfung" beschrieben. Im April 2018 kam es zu einer Aussprache der Angehörigen mit der Geschäftsführerin. Danach wurden die Medikamente abgesetzt. Die Tochter hatte "sofort den Eindruck, dass es mit meinem Vater aufwärts geht" erklärt die Betreuerin, die ihren Vater jetzt woanders untergebracht hat.

Wie kann so etwas - und nach Informationen dieser Redaktion noch so manches anderes - geschehen, obwohl die Aufsichtsbehörden doch so genau hinschauen? Zitat: "Die Heimaufsicht begleitet und überwacht die Einrichtung engmaschig ... und ordnet die erforderlichen Maßnahmen zur Sicherstellung der ordnungsgemäßen Versorgung und Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner an. Oberste Priorität hat, dass alle Heimbewohner gut versorgt und betreut werden."

"Wollen informiert werden"

So heißt es aus der Fachstelle Pflege- und Behinderteneinrichtungen - Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) am Landratsamt in Haßfurt. Noch immer erfolgten jede Woche Kontrollbesuche. "Unangekündigt", wie von der Behörde ausdrücklich betont wird.

Darüber wacht auch das Gesundheits- und Pflegeministerium in München. "Wir wollen genau informiert werden und haben angeordnet, Schloss Gleusdorf weiter genau zu prüfen", lässt eine Ministeriumssprecherin wissen. Und sie berichtet auch von entsprechenden Maßnahmen und Anordnungen, sogar von (Teil-) Beschäftigungsverboten und Zwangsgeldern. Auch bestätigt die Ministeriumssprecherin, dass neuerlich mehrere Beschwerden eingegangen seien.

Note 1 und 2

Der medizinische Dienst der Krankenkassen (MdK) hat die Seniorenresidenz Mitte Juni zum zweiten Mal in diesem Jahr inspiziert. Jetzt erst, zwei Monate später, wurde der (Transparenz-)Bericht veröffentlicht, nachdem die Heimleitung zunächst Widerspruch eingelegt hatte. Das ist im Prozedere so auch vorgesehen. Bei der medizinischen Versorgung erhält die Seniorenresidenz aktuell die Note 2,0, bei Versorgung und Hygiene gar eine 1,0 (siehe: wwww.aok-pflegenavigator.de).

Noten, die Menschen, die nicht nur in die Akten, sondern auch hinter die Fassaden geschaut haben, überhaupt nicht verstehen. "Es hängen Stromkabel und offene Lichtfassungen in Reichweite der Bettlägerigen herum. Der Auswurf von Bewohnern klebt in manchen Zimmern noch an den Wänden", schildern Augenzeugen.

Kein Wort im MdK-Protokoll davon, dass die Heimbewohner trotz der Hitze in den letzten Wochen alle Mahlzeiten im stickigen Wintergarten einnehmen mussten, der einem Treibhaus glich. Das streiten wiederum die Kontrolleure aus dem Landratsamt ab. "Natürlich war es warm, wie nahezu in jeder Wohnung. Aber die Heimleitung hat sich um Beschattung gekümmert."

Beklagt wird im Umfeld des Heimes auch, dass immer mehr Pflegekräfte aus dem einstigen Ostblock eingestellt würden, deren Deutschkenntnisse zum Teil sehr mangelhaft sind. Ein Ex-Kollege: "Ich weiß nicht, wie ich Herzinfarkt auf tschechisch, rumänisch und serbisch übersetzen soll."

Leere Seiten im Bericht

Seitens des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MdK) verwies die Leiterin der Qualitätssicherung, Heike Franzen-Krapoth aus München, auf die Vorgaben, wonach bundesweit geltende, einheitliche Standards angewendet werden müssen, um eine Vergleichbarkeit zu erreichen. Daher sieht sie die Heimaufsicht am Landratsamt in der Pflicht. Laut aktuellem MdK-Bericht wurden zwar neun Patienten in die Prüfung einbezogen, aber nicht ein einziger Bewohner hat - einmal mehr - an der Befragung teilgenommen, weswegen drei der 14 Seiten des Berichtes schlichtweg unausgefüllt blieben.

Von der Heimleitung in Gleusdorf war zu diesen Schilderungen keine Stellungnahme zu erhalten.

Hintergrund (aus einem Bericht der Deutschen Pressagentur): Der Fall Gleusdorf - (k)ein Einzelfall?

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In den Jahren vor 2016 starben auf ungeklärte Weise mehrere Bewohner der Seniorenresidenz in Gleusdorf. Die Vorfälle, die nicht zuletzt aufgrund der Recherchen der Redaktion dieser Zeitung publik wurden, zogen Kreise. Für das Gesundheitsministerium in München war der Fall Gleusdorf der Anlass, das System der Qualitätssicherung in Betreuungseinrichtungen zu überdenken.

In der "Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf" waren fünf Bewohner unter dubiosen Umständen gestorben. Seither wird ermittelt, ob Misshandlungen oder eine schlechte Versorgung ursächlich waren. Ein schwieriges Unterfangen, sind doch die Betroffenen in der Regel alt und nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten.

Swantje Reiserer vom Gesundheitsministerium räumte im Gesundheitsausschuss des Landtags ein, dass in der Residenz bei verschiedenen Kontrollen in der Vergangenheit zwar wiederholt Mängel festgestellt worden seien, aber "nie in dem Maße, wie sie nun zur Diskussion stehen". Alle Kontrollen hätten gezeigt, dass die Betreuung gewährleistet gewesen sei.

Gesundheitsministerin Melanie Huml betonte in der Sitzung des Fachausschusses: "Mein Ziel ist zudem, möglichst frühzeitig Informationen über schwerwiegende Vorwürfe gegenüber Pflegeheimen zu bekommen. Deshalb wird der Informationsaustausch ... zwischen den Behörden und auch mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung verbessert."

Ferner werde geprüft, ob stationäre Einrichtungen künftig eine Betriebserlaubnis brauchen. Schon vor deren Inbetriebnahme würden damit bestimmte Anforderungen und Qualitätskriterien festgelegt.

In Gleusdorf habe es zahlreiche unangekündigte Beratungstermine und Prüfungen gegeben. "Dies geschieht weiter", sagte Huml. Der Fall zeige aber auch, dass der bisherige Pflege-TÜV nicht ausreiche. "Dieser garantiert nur eine scheinbare Objektivität und Vergleichbarkeit, da schlechte Noten in wichtigen pflegerischen Kategorien durch gute Noten in weniger wichtigen Bereichen ausgeglichen werden können." dpa



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